Von Andreas Lorenz, Peking
Peking - Die Wetterkatastrophe in China erfasst immer mehr Provinzen. Der Verkehr ist in vielen Gebieten des Landes völlig zum Erliegen gekommen. Zehntausende von Menschen stecken zum Teil seit Tagen in Autos und Zügen fest. Auf Flughäfen und Bahnhöfen drängen sich bedrohliche Massen, weil Flugzeuge nicht starten und Züge nicht abfahren. Um den Bahnhof des südlichen Guangdong (Kanton) sollen nach Berichten Hongkonger Zeitungen gestern rund eine halbe Million Passagiere gewartet haben. Um Raufereien zu schlichten, seien bewaffnete Einheiten der Polizei im Einsatz.
Gebäude und Strommasten brechen unter der Schneelast zusammen, und Kraftwerke können nicht mehr heizen, weil der Nachschub an Kohle stockt. 17 Provinzen rationieren bereits Strom und Dieselkraftstoff. Fabriken und Werkstätten stellen deshalb ihre Produktion ein und schicken die Arbeiter nach Hause.
In einigen Regionen werden Reis und Gemüse knapp, schon schießen die Preise in die Höhe. In der Provinz Guizhou im Südwesten zum Beispiel kosten 500 Gramm Mohrrüben zehn Yuan (rund ein Euro). Sonst sind sie für weniger als ein Yuan zu haben. Normalerweise bringen 200 bis 300 Lastwagen Obst und Gemüse heran", sagte ein Markthändler im zentralchinesischen Zhengzhou, einem Eisenbahn-Knotenpunkt, der "China Daily". "Aber in den letzten Tagen habe ich nur ein Dutzend oder so gesehen."
In der Yangtsestadt Wuhan sind wegen der Kälte Leitungen geplatzt, so dass in einigen Bezirken kein Wasser mehr aus den Hähnen fließt. Die Yangtse-Metropole Shanghai meldete den schwersten Schneefall seit 17 Jahren, weiter flussaufwärts in Chongqing hat es zum ersten Mal seit 17 Jahren überhaupt geschneit. Auch die nördliche Steppenprovinz Gansu meldet bedrohliche Schneemassen.
Fünf Tage mit zehn Kindern im Bus
Shanghai strich gestern alle Fernzüge. Der Fahrkartenverkauf wurde auch für die nächsten Tage gestoppt. Auf den beiden Flughäfen der Stadt wurden 96 Flüge abgesagt oder konnten nur mit zum Teil erheblichen Verspätungen starten.
Das Drama trifft China ausgerechnet in einer Zeit des Jahres, in der ohnehin der Ausnahmezustand herrscht: Millionen Menschen kehren zum Frühlingsfest in ihre Heimat zurück, für Wanderarbeiter ist es oft die einzige Gelegenheit, Eltern, Ehepartner und Kinder wiederzusehen – und sich ein wenig zu erholen.
"Ich habe überlegt, einen Bus zu nehmen, aber die Autobahnen sind ebenfalls dicht", sagte Li Moming in Guangzhou dem britischen Nachrichtensender BBC. Der Bauarbeiter musste die Nacht auf der Straße verbringen, denn sein Zug, der ihn in die 20 Stunden entfernte Provinz Henan bringen sollte, war gestrichen worde. "Was soll man da tun?", sagt Li hilflos, der für seine Heimreise extra den braunen Nadelstreifenanzug angezogen hat. Mit den Schlammflecken ist das Kleidungsstück nun für feierliche Anlässe nicht mehr geeignet.
"Heute ist unser fünfter Tag im Bus", sagt ein Fahrer, der auf dem Standstreifen an der Autobahn zwischen Guangzhou und Hunan steht. Er ist mit zehn Kindern unterwegs zu deren Eltern, die als Wanderarbeiter in Guangdong leben. "Jeden Tag bekommen wir zwei Päckchen Instant-Nudeln zu essen", sagt der Mann.
Keine Aussicht auf Besserung in den nächsten Tagen
Für viele der Urlauber werden die Chancen immer kleiner, rechtzeitig zum 6. Februar, dem Beginn des Frühlingsfestes, nach Hause zu kommen. Denn schon jetzt ist klar: Sollten Straßen und Gleise geräumt sein, werden Kohle-, Diesel- und Lebensmitteltransporte zuerst losgeschickt. "Der Energienachschub hat Top-Priorität", erklärte Premierminister Wen Jiabao. Schon jetzt sind ein Drittel mehr Güterwaggons auf den - passierbaren – Strecken unterwegs.
Tausende von Eisenbahnern und Soldaten sind derzeit im Einsatz, um die Strecken zu räumen und die gestrandeten Passagiere zu versorgen. Die Crux: Viele Regionen haben seit Jahrzehnten keinen so heftigen Schnee erlebt, dass Schaufeln und Räumfahrzeuge fehlen.
Mit Material von Reuters
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