Mittwoch, 10. Februar 2010

Reise



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
03.03.2008
 

Bosnien-Herzegowina

Kaffeemühlen aus Granaten

D-Mark, Cevapcici und Orient-Flair: Bosnien-Herzegowina ist ein Land mit vielen Gesichtern und einer wechselvollen Geschichte. Der Balkanstaat steckt voller historischer Schätze - die Kriegsvergangenheit vermarkten Straßenhändler mit skurrilen Souvenirs.

Wer sich mit der Euro-Umrechnung noch immer schwer tut, für den ist Bosnien-Herzegowina ein ideales Reiseziel. Denn hier gilt die konvertible Mark, die genauso viel wert ist wie die alte Deutsche Mark und die den selben Wechselkurs zum Euro hat. Das Land hat aber noch viel mehr zu bieten: Historische Gebäude, urige Basare und viele Kuriositäten.

Frei von Gefahren ist Bosnien-Herzegowina für Touristen nicht. Das Auswärtige Amt gibt klare Handlungsanweisungen: Wegen "fortbestehender Minengefahr" empfiehlt es, Straßen nicht zu verlassen. Seit 1995 ist der Krieg vorüber. Im ganzen Land stationierte Eufor-Truppen garantieren einen haltbaren Frieden.

Die Spuren des Krieges sind allgegenwärtig, erkennbar beispielsweise an den vielen Friedhöfen. In den Dörfern im Landesinnern fallen die zahlreichen nagelneuen Moscheen auf, die ihre Existenz vor allem arabischen Spendern verdanken.

In Banja Luka dagegen, der zweitgrößten Stadt des Landes und Zentrum der "Republika Srpska", sind zwischen 1992 und 1995 alle 16 Moscheen zerstört worden. Bis auf wenige Ausnahmen wurden sie nicht wieder aufgebaut. Kriegsruinen gehören auch in Mostar zum Straßenbild. Vor allem sozialistische Plattenbauten, aber auch viele Altbauten aus der Habsburger-Zeit sind noch immer von Granaten zernarbt und stehen leer. Doch überall geht der Wiederaufbau voran: Historisches wird renoviert, Neues gebaut.

Türkischer Vorposten auf dem Balkan

Mostar wurde 1468 von den Osmanen besetzt und zum türkischen Vorposten auf dem Balkan ausgebaut. Aus dieser Zeit stammt die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt, die Alte Brücke "Stari Most" von 1566, die sich seitdem in einem Bogen 50 Meter hoch über die Neretva spannt. In dieser Zeit gab es nur eine Unterbrechung: 1993 wurde das Meisterbauwerk durch kroatischen Beschuss zerstört und erst 2004 nach originalgetreuer Renovierung wieder eröffnet. Seither verbindet die Brücke die überwiegend kroatischen Stadtteile westlich des Flusses wieder mit dem moslemisch bewohnten Osten der Stadt. Seit 2005 steht das neue alte Monument auf der Unesco-Weltkulturerbe-Liste.

Auch die Altstadt aus türkischer Zeit wurde wieder aufgebaut. Nur dass hier heute keine Handwerker mehr Kupferkessel fertigen oder Teppiche knüpfen - längst haben sich hier Souvenirgeschäfte, Galerien und Restaurants ausgebreitet. Das Viertel ist inzwischen zu den meistbesuchten Attraktionen Bosniens aufgestiegen. Neben orientalischem Kitsch, der aus der Türkei importiert wurde, werden hier auch makabre Souvenirs feilgeboten: aus Granaten gefertigte Kaffeemühlen und Kugelschreiber aus Patronenhülsen.

Die gibt es auch im Basarviertel von Sarajewo, das mit seinen Gassen und Moscheen wie ein Stück Orient aus dem Bilderbuch wirkt. An jeder Ecke werden Cevapcici aus Lammfleisch gebraten - und so riecht es auch.

Ein Attentat und seine Folgen

Ein paar Straßenzüge weiter zeigt sich Sarajewo von einer anderen Seite, mit Prunkstraßen aus österreichischer Zeit und einer unscheinbaren Gedenktafel gegenüber der Lateinerbrücke, die auf ein Attentat hinweist, das Weltgeschichte schrieb: Hier erschoss der Gymnasiast Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, vier Wochen später brach daraufhin der Erste Weltkrieg aus. Ein kleines Museum am Schauplatz des Attentats erinnert an die Ereignisse und seine Folgen.

Die beeindruckendste Sehenswürdigkeit in Sarajewo ist jedoch das Historische Museum, das die Belagerung der Stadt durch die Serben von 1992 bis 1995 dokumentiert - mit Fotos von Opfern, mit Zeitungsberichten über Kriegsgreuel, mit Kriegszigaretten und Kinderzeichnungen, die viel Blut zeigen.

Schmuck-Koran und Minirock

Das Museum liegt an der sogenannten "Sniper Alley", der Hauptstraße Sarajewos, in der damals immer wieder Passanten von serbischen Heckenschützen aus dem Hinterhalt getötet wurden. Die Bilder davon gingen in den neunziger Jahren um die Welt. Das Museum wurde damals ebenfalls beschädigt und ist bis heute nur notdürftig repariert.

Entlang der "Sniper Alley" sind die Kriegsspuren ansonsten weitgehend getilgt: Wo früher Einschusslöcher und Bombenkrater in den Plattenbauten klafften, wurde renoviert und Mauerwerk geflickt, dahinter wohnen wieder Menschen. Auch in der Innenstadt geht das Leben wieder seinen Gang: Moscheen und Kirchen stehen einträchtig nebeneinander, die Cafés und Geschäfte sind voll, man bekommt Alkohol in den Bars genauso wie eine Schmuckausgabe des Koran im Iranischen Kulturinstitut. Verschleierte Frauen sieht man kaum - dafür umso mehr Mädchen im Minirock.

Thomas Gross, dpa

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH













Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern