• Drucken
  • Senden
  • Feedback
01.04.2008
 

Tibet-Krise

Experten bezweifeln Wirksamkeit eines Reiseboykotts

Die Krise in Tibet wird für China-Reisende zunehmend zur Gewissensfrage. Doch Fachleute bezweifeln, dass sich die politische Führung von Reisestornierungen beeinflussen lässt. China-Urlaubern wird stattdessen ein bewusster Kontakt zur Bevölkerung empfohlen.

Hannover/Wilhelmshaven - Riesige Stadien, große Inszenierungen und farbenfrohe Fernsehbilder werden im August das Reiseland China im Rest der Welt bekannt machen. Bereits im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele in Peking rührte die Volksrepublik kräftig die Werbetrommel für das Urlaubsland China. Die Niederschlagung der Proteste in Tibet und die Abschottung der Region hat dem Tourismusboom in den vergangenen Wochen allerdings im Vorfeld einen Dämpfer verpasst. Mancher, der seine China-Reise schon gebucht hat, bekommt moralische Bedenken. Fahren oder nicht - diese Entscheidung fällt nicht ganz leicht.

Ist es vertretbar, dort Urlaub zu machen, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden? "Das ist eine schwierige Frage", findet Christian Thies, stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover: "Die Vorfälle in Tibet sind zu verurteilen. Ich finde es erwägenswert, eine Reise aus moralischen Gründen abzusagen, auch wenn es sicher wichtigere Dinge zu tun gibt." Thies sieht zum Beispiel Politiker stärker in der Pflicht als Urlauber.

Kontakte zu Einheimischen wichtig

Durch den Verzicht auf eine China-Reise gegen Pekings Politik zu protestieren, sei kein vielversprechender Ansatz - so denkt dagegen Professor Torsten Kirstges. Ein Reiseboykott würde die politische Führung nicht so stark treffen, dass sich ein Umdenken in der Tibet-Frage erzwingen lasse, sagt der Tourismusforscher an der Fachhochschule Wilhelmshaven. Denn die Bedeutung des Tourismus für Chinas Wirtschaft sei nicht so groß, dass sich ein erheblicher Druck ausüben lasse.

Ein Reiseboykott bringe sogar Nachteile, sagt Kirstges: "Tourismus trägt immer auch zur Verständigung zwischen Völkern und Kulturen bei. Das geht langsam, aber sehr nachhaltig und kann von der politischen Führung auf Dauer auch gar nicht verhindert werden."

Reisen nach China ermöglichten den Menschen dort Kontakte zu Europäern. Solche Kontakte seien positiv für die gesellschaftliche Entwicklung eines Landes, sagt Kirstges. "Auf diese Weise lassen sich auch Berührungsängste und Vorurteile abbauen, die es auf chinesischer Seite gibt." Umso größer sei langfristig das Verständnis im Lande für westliche Sichtweisen und für Kritik - etwa an der Verletzung von Menschenrechten.

Hinzu komme, dass China kein Land sei, in dem die Einnahmen aus dem Tourismus fast vollständig bei der Regierung landen. Ein Reiseboykott träfe daher nicht zuletzt die Chinesen, die Kontakte ins Ausland suchen und in der Reisebranche arbeiten. Urlauber könnten aber durchaus Konsequenzen ziehen, so der Forscher. Vernünftig sei zum Beispiel, über die Reiseform nachzudenken. Statt sich für die Standard-Pauschalrundreise zu entscheiden, seien Begegnungsreisen, bei denen Treffen mit Einheimischen fest zum Programm gehören, eine gute Alternative, sagte Kirstges. "Das halte ich für sehr sinnvoll."

Kontakt zu Einheimischen suchen

Wenn es die Möglichkeit gibt, mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten und eigene Werte zu vermitteln, dann könnte das eine Reise eher legitimieren, meint auch Philosoph Thies. "In China sehe ich das aber kritisch. Als Tourist kommt man wahrscheinlich wenig mit den Menschen zusammen, weil man die Sprache nicht spricht." Auch Thies denkt, dass die Organisationsform eine Rolle spielt: Wer mit einer Gruppe eine Partnerstadt seines Heimatortes besucht, bekomme eher Kontakt zu den Einheimischen als Teilnehmer einer Veranstalterreise.

Bei einem Boykott stellt sich auch die Frage, was das eigene Handeln überhaupt bewirkt. "Wenn man als Einzelperson im stillen Kämmerlein entscheidet, nicht nach China zu reisen, besteht das Risiko, dass es nur der eigenen Gewissensberuhigung dient", sagt Thies. Wer seinen Protest öffentlich machen möchte, könne mit Freunden oder der Reisegruppe darüber sprechen oder zum Beispiel den Veranstalter auffordern, China-Reisen auszusetzen. Wenn viele Menschen dem Land fernblieben, habe das Auswirkungen, etwa weil Devisen verloren gehen.

Letztlich sollte die moralische Frage aber nicht von möglichen Folgen des Handelns abhängig gemacht werden, sagt Thies. "Nehmen Sie das Beispiel Ehrlichkeit. Wenn Sie nur fragen, ob Ehrlichkeit positive oder negative Folgen hat, werden Sie feststellen, dass der Ehrliche oft der Dumme ist." Es gehe vielmehr um das Prinzip der Ehrlichkeit. Übertragen bedeutet das: Nicht die Folgen des moralischen Handelns stehen im Vordergrund, sondern das Prinzip, moralisch zu handeln, an sich. Und wie man dazu steht, müsse jeder nach Abwägung aller Argumente für sich selbst entscheiden.

Stornokosten trägt der Urlauber

Ein kostenloser Reiserücktritt aus moralischen Gründen wird dabei allerdings nicht das Ergebnis sein - denn für einen solchen Schritt fehlt Touristen die Handhabe, sagt die Reiserechtlerin Sabine Fischer von der Verbraucherzentrale Brandenburg in Potsdam. Absagen lasse sich eine Reise zwar immer, allerdings müssten im Falle Chinas die Urlauber die Stornokosten tragen. Das dürften bei "Olympia-Reisen" im August derzeit - also gut viereinhalb Monate vor den Spielen - etwa 30 Prozent des Reisepreises sein. Wer moralische Bedenken hat, sollte mit einem Reiserücktritt allerdings nicht lange warten. Denn je näher der Reisetermin heranrückt, desto höher wird auch der Stornokostenanteil.

Andreas Heimann, dpa

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Fernweh

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP