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11.04.2008
 

Schlangestehen in Peking

Manieren für Millionen

Von Stephan Orth, Peking

Peking trainiert für Olympia: Am Tag der Warteschlange sollen Berufspendler lernen, sich an Bussen und U-Bahnen ordentlich anzustellen. Das soll bei den Spielen im August einen guten Eindruck machen – noch gibt es allerdings Trainingsdefizite.

Ordentlich wie chinesische Schulkinder beim Morgenappell stehen die Pekinger hintereinander auf dem Bahnsteig. Genau dort, wo ein weißer Pfeil auf den Boden gemalt ist, warten sie an der Station Jiangoumen auf die U-Bahn der Linie 2. Eine Bahnbeamtin in gelber Jacke mit roter Schärpe beobachtet kritisch jeden Neuankömmling, ob er sich auch ordnungsgemäß anstellt.

Heute ist "Lining Up Day". Wie an jedem Elften des Monats übt ganz Peking, wie man richtig in einer Schlange steht. Die Hauptstadt trainiert für Olympia. 15 Millionen Pekinger sollen ihre Manieren aufpolieren, um im August mit makellosem Auftreten vor den Augen der Welt den Ruhm ihres Landes zu mehren.

Ein eigens gegründetes "Ethik-Entwicklungsbüro" soll für gutes Benehmen sorgen. Denn geräuschvolles Spucken, bei Rot die Straße überqueren und Vordrängeln gehörten bislang zum Pekinger Alltagsleben wie Jiaozi-Teigtaschen. Solche Gewohnheiten lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen abschalten, und deswegen muss geübt werden.

Doch Chinesen sind gründlich, wenn es um die Feinpolitur für das Jahrhundertereignis Olympische Spiele geht. So soll das "Wettermanipulationsbüro" mittels Raketen für strahlend blauen Himmel sorgen, und eine Großfabrik wurde umgesiedelt, um die Luftqualität zu verbessern. Das Image der Peking-Bewohner wird generalstabsmäßig geplant: An fast jeder Bushaltestelle kleben Poster, die zeigen, wie zivilisierte Menschen sich ordentlich anstellen.

Den Elften haben die Organisatoren zum Anstell-Tag erklärt – weil die Zahl Elf aussieht wie zwei hintereinander stehende Menschen. Auf dem Logo sehen die beiden Einsen aus wie zwei Schlafwandler mit vorgestreckten Armen in einem grob gezeichneten Comic. Darüber steht "Ich stelle mich an, ich lasse anderen den Vortritt, ich bin glücklich."

Passagier-Tetris im Berufsverkehr

"Die Leute lernen schnell, sie werden immer besser", sagt Frau Cao, eine der Aufpasserinnen, die morgens von 7 bis 9 Uhr und nachmittags von 16 bis 18 Uhr für Ordnung sorgen. Heute sind zusätzlich Hunderte Freiwillige im Einsatz. "Die Maßnahme kommt von der Regierung, deshalb gehorchen die Leute." Wer aus der Reihe tanzt, wird ganz nach hinten beordert.

An der Haltestelle Sihui East geht es zur gleichen Zeit weniger geordnet zu. Hier beginnt die U-Bahn-Linie 1, nur mit Mühe können die Helferinnen den Pulk zurückhalten, der sich in die alle zweieinhalb Minuten einfahrenden Züge drängelt. Als würden sie "Reise nach Jerusalem" auf Leben und Tod spielen, stürzen sich die Fahrgäste auf die leeren Sitzplätze. Schließlich ist der Waggon voll, die Uniformierte hält die nächsten Fahrgäste auf, die auch brav stehenbleiben. Gegen die Neuankömmlinge, die vorne an der Gruppe vorbei in die Bahn springen, ist sie jedoch machtlos. Passagier-Tetris auf Chinesisch: Einer geht immer noch rein.

Die Pekinger sind vom Erfolg der Kampagne überzeugt. "Noch vor einem Jahr hat sich niemand ordentlich angestellt", erzählt ein Berufspendler. "Das hat sich enorm verbessert - aber eine Erinnerung brauchen wir trotzdem jeden Monat."

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