Solartaxi in China: Wandelnde Fernsehwerbung

China versetzt die Solartaxi-Crew immer wieder in Erstaunen. Ein alter Mann trottet mit Flachbildschirm auf dem Rücken über die Straßen, riesige Industrieanlagen lassen Louis Palmer um Atem ringen. Vom Erdbeben im Tausende Kilometer entfernten Sichuan hat er wenig gespürt.

Nach vier Nächten verlassen wir Shanghai Richtung Peking. Der Schweizer Konsul Hanspeter Willy fährt uns voraus - bis zum nächsten Stau an einer Kreuzung. Herr Willy hat nicht nur unseren Aufenthalt in Shanghai sehr gut organisiert, er kennt sich hier auch bestens aus und weiß sich in solchen Situationen selber zu helfen: Er stellt sich höchstpersönlich auf die Kreuzung und regelt den Verkehr.

In Shanghai haben wir neben Futuristischem und großer Anonymität auch viele ursprüngliche Ecken entdeckt. Als wir jedoch auf einer riesigen Brücke den gelben Fluss überqueren, den Jangtze, verschlägt es uns fast den Atem. Wir ringen nicht nur nach Luft, sondern auch nach Worten. Unglaublich viele stählerne Fabriken und braune Kamine säumen das Ufer, und giftige Wolken wabern über dem Wasser.

In Minguan, einer kleinen Provinzstadt, trottet uns spät am Abend der neuste chinesische Marketing-Einfall entgegen. Ein älterer Mann mit einem Ziehkarren, behäbig und mit aller Zeit der Welt ausgerüstet, kommt mit traurigem Gesicht auf uns zu. Im Karren eine Autobatterie und ein dröhnender Lautsprecher, auf seinem Rücken ein Flachbildschirm. Der Mann ist eine wandelnde Fernsehreklame, mit Werbespots für Polstermöbel! Kein Mensch dreht sich um, keinen scheint diese Werbung zu interessieren. Und auch der Alte würdigt uns keines Blickes. Er zieht seiner Wege.

Millionenheer an Gärtnern für die Autobahn

Meine Mitfahrerin seit Shanghai heißt Melanie Autenrieth. Schon vor Monaten hatte sie das heimische Blaubeuren in der Schwäbischen Alb verlassen, um in Shanghai Chinesisch zu lernen. Zwar ist mittlerweile das ganze Team wieder einigermaßen gesund, trotzdem übergebe ich während der Fahrt auf der fast leeren Autobahn Melanie gerne das Steuer und schlafe auf dem Fahrersitz ein. Die letzten Tage und Wochen waren anstrengend. Wie schön, wenn jemand anderes fährt.

Erst 50 Kilometer später wache ich wieder auf. Die Landschaft ist immer noch dieselbe. Fischtümpel, Ackerflächen, Hecken, und hie und da eine Ansammlung von grauen Häusern. Chinesische Autobahnen sind alle gleich - in der Mitte stehen gestutzte Büsche. Es muss in China wohl ein Millionenheer von Gärtnern geben, die diese Büsche in Form halten.

Auf unseren Handys erhalten wir heute immer mehr Meldungen über das Erdbeben. Freunde und Angehörige wollen wissen, wie es uns geht. Wir sind Tausende Kilometer vom betroffenen Gebiet entfernt und haben davon überhaupt nichts mitbekommen. Wirklich nicht? Irgendwann erzählt uns unser Reiseleiter James heute, dass er von einem Beben vor drei Tagen aus seinem Nachmittagsschlaf gerissen wurde.

Wir sitzen heute Abend vor dem chinesischen Staatsfernsehen und sind bedrückt über die stetig steigende Opferzahl.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Fernweh
alles zum Thema Solartaxi

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


  • Datum: Freitag 16.05.2008 | 05:40 Uhr
  • Artikel drucken
  • Artikel versenden
  • Feedback
TOP



TOP