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15.07.2008
 

Entführung am Ararat

"Wir sind einfach nur noch gerannt"

Er wollte sein Trauma überwinden: Albrecht Christoph Lehmann wurde 1993 am Ararat von der PKK gekidnappt, nun wagte er die Tour erneut. Stunden nach dem Abstieg wurde die Entführung dreier Deutscher bekannt - mit SPIEGEL ONLINE sprach er über seine Ängste, die Geiselhaft und kurdische Gastfreundschaft.

SPIEGEL ONLINE: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der Entführung der drei deutschen Urlauber hörten?

Lehmann: Die Frau unseres Bergführers hat uns informiert. Das ist so, als ob ein naher Verwandter einen Unfall hat - das geht durch Mark und Bein. Ich habe sofort meine Frau angerufen, die unser drittes Kind erwartet. Ich wollte, dass sie einfach weiß: Ich bin nicht wieder entführt, mir geht's gut. Ich liebe sie.

SPIEGEL ONLINE: Vor 15 Jahren wurden Sie am Ararat entführt. Warum sind Sie noch einmal auf den Berg gestiegen?

Lehmann: Ich wollte das Thema für mich abschließen und das, was ich erlebt habe, ein Stück aufarbeiten. Und ich wollte das tun, wozu ich damals nicht gekommen bin: die Menschen dort kennenlernen. Damals habe ich nur die PKK kennengelernt.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie keine Angst?

Lehmann: Nein. Ich habe mich total sicher gefühlt - das hätte ich sonst auch nie gemacht. Seit 2000 ist der Berg wieder frei und wird von vielen Leuten besucht. Ich habe die Region am Berg auch als wesentlich besser entwickelt erlebt als vor 15 Jahren. Heute ist dort ein relativer Wohlstand eingetreten, es sind viele Häuser gebaut worden. Damals brannte dort die Luft, es waren viele Militärfahrzeuge unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Wie lief Ihre Entführung damals ab?

Lehmann: Ich war mit einem Bekannten dort. Wir waren mit einem VW-Bus am Fuß des Berges unterwegs, haben irgendwann den Wagen stehen lassen, weil es auf dem Schotterweg nicht mehr weiterging. Ein Mann in einer olivgrünen Uniform sprach uns an und verlangte irgendwelche Dokumente. Er nahm uns mit ins Lager. Erst später wurde uns klar, was der wirklich wollte.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie behandelt?

Lehmann: Die Kämpfer waren bewaffnet, aber wir sind von ihnen nicht als Geiseln bezeichnet worden, sondern als Gäste. Wir waren festgesetzt in einer Höhe von 3600 Metern, wo keine Flucht möglich war. Die Behandlung hing davon ab, wie die Situation für die PKK gerade war. Wenn sie sich verschärfte, bekamen wir weniger zu essen und zu trinken. Nachts wurden wir irgendwann von der Westseite des Berges auf die Ostseite gebracht. Dort wurden wir zwei Wochen lang von türkischem Militär mit Granaten beschossen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gefährlich war es?

Lehmann: Wir sind gottlob nicht getroffen worden. Wir haben immer nur gehört, wie die Granaten in die nahe gelegene Felswand einschlugen. Die erste Nacht war schlimm. Aber das Schlimmere war, dass wir unglaublich gefroren haben. Als wir von unserem Auto losgegangen waren, hatten wir ja nur ein T-Shirt an, einen Fotoapparat und eine Wasserflasche dabei.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Entführer nicht versorgt?

Lehmann: Wir bekamen zu zweit eine Sofadecke und mussten hinter einem Steinwall schlafen, über den eine Folie gespannt war. Die Folien waren nicht dicht, es regnete, die Temperaturen lagen unter null Grad. Wir wurden von sechs oder sieben Kurden bewacht, die sich längere Zeit nicht gewaschen haben. Die haben heftig gestunken. Nach drei oder vier Tagen haben wir dann aus unserem Auto Schlafsack und Zelt bekommen. Vorher haben wir die ganze Nacht die Zähne aufeinandergeschlagen und auf die ersten Sonnenstrahlen gewartet.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie entkommen?

Lehmann: Irgendwann sollten wir in Richtung Iran gebracht werden. Wieder nachts. Die Eliteeinheit, die uns bewachte, hatte uns vor allem vor den Türken bewacht. Wir haben mit einer Klopapierrolle signalisiert, dass wir mal austreten wollen. Dann sind wir gerannt. Die Bewacher hatten nicht erwartet, dass wir uns entfernen könnten. Obwohl wir lange nichts gegessen und getrunken hatten, hatten wir eine unglaubliche Energie entwickelt und sind einfach nur noch gerannt - bis auf eine große Straße, die zur nächsten Stadt am Fuß des Berges führt.

SPIEGEL ONLINE: Was zog Sie jetzt wieder an den Ort, an dem Sie so viel Leid erlebt haben? Was ist das Faszinierende am Ararat?

Lehmann: Ich bin jetzt 45, habe den Berg auch während meiner Entführung immer wieder gesehen. Er ist einfach phantastisch. Er ist ein perfekter Kegel, so wie Kinder einen Berg malen. Er erhebt sich majestätisch aus der Ebene hervor - der Ararat hat mich derart fasziniert, dass ich da noch einmal hinwollte. Und diesmal war ich oben.

SPIEGEL ONLINE: Wie war das Gefühl, auf dem Gipfel zu stehen?

Der Kurdenkonflikt

Kurdistan

SPIEGEL ONLINE
Das Volk der Kurden umfasst Schätzungen zufolge bis zu 30 Millionen Menschen. Sie leben hauptsächlich auf dem Gebiet der Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien. Im Irak ist ihr ölreiches Gebiet im Norden des Landes weitgehend autonom (siehe Karte...). Einen eigenen politischen Staat Kurdistan hatten sie nie. Vor allem die Türkei unterdrückte die Kurden auf ihrem Staatsgebiet: Mehrere Aufstände wurden niedergeschlagen, Sprache, Musik, Literatur und sogar die kurdische Nationalkleidung wurden verboten. Aber auch Iran, Irak und Syrien versuchten, den Kurden ihre kulturelle Identität zu nehmen.

PKK

Nordirak

Lehmann: Ich habe gedacht, dass ich meine Schnitten auspacken und frühstücken kann. Aber es war minus 15 Grad kalt und windig - die gefühlte Kälte liegt dann bei minus 30 Grad. Das hatte ich mir schöner vorgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihr Trauma überwunden?

Lehmann: Ja, die Aufarbeitung ist mir gelungen. Und ich habe mein Ziel erreicht - ich habe die Menschen kennengelernt und bin tief beeindruckt. Mein Bergführer ist ein Kurde, ein durch und durch optimistischer Mensch. Ich habe auch seine Großfamilie und ihre unglaubliche Gastfreundschaft kennengelernt - ich war Gast, nicht zahlender Kunde. Allerdings ist der Bergführer jetzt seinen Job los und damit ist auch die Existenz der gesamten Familie gefährdet. Jetzt ist er ein gebrochener Mensch. Er hat 30 Leuten Arbeit gegeben, die mit vom Tourismus gelebt haben. Ich hoffe, dass ich ihm irgendwie helfen kann.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie anderen Reisen auf den Ararat empfehlen?

Lehmann: Im Moment nicht. Man kann ja auch nicht gehen, wenn man Angst hat und das Gefühl hat, dass überall Gefahren lauern. Man muss ungezwungen dort hochgehen. Sonst hat man da keinen Spaß. Ich habe mich absolut sicher gefühlt.

Das Interview führte Reinhild Haacker

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