Von Antje Blinda
Es sind gefühlte null Grad Celsius, eiskalter Wind peitscht auf die Zelte, ein Sandsturm macht Kochen und Essen unmöglich. Einzig eine kleine Felsgruppe bietet ein wenig Schutz. Es ist Montagabend, der 18. Februar 2008. Der Schweizer Christian Kny und seine drei ägyptischen Begleiter wurden in der Sahara ausgesetzt, ihre Geländewagen sind verschwunden. Wegen der schlechten Sicht können sie sich nicht orientieren. Die vier Männer haben Todesangst.
Eigentlich wollte der 40-jährige Kny die alten Handelswege der Pharaonen im äußersten Südwesten von Ägypten erkunden, in der gottverlassenen Gegend südlich von Gilf al-Kebir. Ihr Lager haben er, sein Reiseleiter Jussuf*, der Mechaniker und Fahrer Nasser* und der offiziell vorgeschriebene Armeeoffizier im Wadi Karkur-Talh aufgeschlagen, im Niemandsland zum Sudan und zu Libyen. "Wir hatten vor dem Aufbruch gehört, dass eine deutsch-englische Reisegruppe in Südägypten wenige Tage zuvor ausgeraubt wurde", sagt Kny. Dennoch habe die Gegend noch als sicher für Touristen gegolten.
Knys Mentor, der deutsche Wüstenforscher Carlo Bergmann, wollte ihn begleiten, musste aber mit einer Lungenentzündung in Kairo zurückbleiben. Bergmann hat Glück. Er ist nicht dabei, als Knys Gruppe am Montagmittag verschleppt wird. Und erfährt erst später, dass sie zehn Tage lang gefangen gehalten wird.
"Wir hatten unter einem Felsvorsprung gerade Tee gekocht und noch nicht einmal die Tasse zum Mund geführt. Da erzitterte der Boden", erzählt Kny, "zwei Pick-ups mit Maschinengewehren auf dem Dach rasten heran, bewaffnete Männer stürmten unser Lager. Sie drängten uns an eine Felswand und nahmen das Lager auseinander." Die Entführten müssen in ihre Jeeps steigen und ihn selber steuern - mit einem Soldaten auf dem Beifahrersitz, der eine Kalaschnikow drohend auf sie richtet.
Das Klacken der Maschinenpistolen
Wenig später geschieht das, was sich tief in Knys Gedächtnis eingegraben hat: Der Konvoi stoppt. Die Geiseln werden gezwungen, auszusteigen und auf eine Felswand zuzugehen. "Wir haben geglaubt, unsere letzten Minuten sind gekommen." Hinter ihnen werden die Maschinenpistolen durchgeladen. "Ich höre es heute noch", erzählt Kny. "Die Ägypter schickten ein Stoßgebet zum Himmel, auch ich nahm innerlich Abschied von meinen Angehörigen." Der Salve kommt nicht. Es ist eine Drohgebärde. Eine Geste, um die vier in Schach zu halten, während die Entführer Akazien abhacken und in die Autos verladen.
"Wir fuhren dann aus dem Wadi hinaus über ägyptisches Gebiet, dann über die sudanesische Grenze und bekamen ein immer mulmigeres Gefühl." Denn je tiefer sie in den Sudan fuhren, vermuteten die vier, desto aussichtsloser würde ihre Lage werden. Kny bemerkt, dass ihr Fahrer Nasser mit dem Auto aus dem Konvoi ausbrechen will, und kann ihn gerade noch daran hindern - was wäre passiert, wenn es nicht geklappt hätte? Der ägyptische Soldat ist keine Hilfe, er zittert am ganzen Körper: "Er ist psychisch zusammengebrochen. Wir mussten ihn die ganze Zeit unterstützen, damit er durchhält."
Dann erfährt Kny den Grund für die Entführung: Ihr Zeltplatz im Karkur-Talh-Wadi war zu nah an der sudanesischen Grenze, vielleicht auch schon dahinter. In dem nur von Ägypten aus zugänglichem Wadi war das schwer zu erkennen. Ihre Entführer geben sich als Soldaten der Sudanesischen Befreiungsarmee SLA zu erkennen, einer Rebellengruppe, die im Darfur-Konflikt gegen die Regierung in Khartum kämpft und von den USA unterstützt wird.
Es ist ein zusammengewürfelter Haufen: Manche tragen Tarnkleidung vom Halstuch bis zur Socke, manche lange Wüstengewänder, Wörter in verschiedenen arabischen Dialekten schwirren hin und her. Der jüngste ist gerade mal 14 Jahre, die ältesten über 50 Jahre alt.
Kny und seine ägyptische Begleiter haben Tage und Nächte voller Furcht vor sich. Niemand weiß, wo sie sind, einen Notruf konnten sie nicht absetzen. Am Montagabend werden sie von der SLA an einem Steinhaufen ausgesetzt, rund 55 Kilometer entfernt vom Wadi. Lediglich ihre Zelte und Schlafsäcke, dazu Wasser und Nahrung für zwei Nächte erhalten sie. In dem Sandsturm verbringen sie unangenehme Stunden, immer mit der Angst, in der Wüste zurückgelassen worden zu sein. Doch an den nächsten beiden Tagen kommen die Soldaten wieder - Kny wird der Spionage beschuldigt.
"Was machen Sie? Sie sind Spione!"
Am dritten Tag können sie das Gebirge des Jebel Uweinat im Westen erkennen. Es gibt einen Moment der Hoffnung, auf eine Flucht zu Fuß - und dann werden sie doch von einem Pick-up der SLA abgefangen. Das morsche Auto gibt kurze Zeit später seinen Geist auf: Kupplungsschaden. Der ägyptische Mechaniker Nasser kann helfen. Es geht Hunderte Kilometer weiter durch die Wüste Richtung Darfur: "Jetzt sind wir komplett verloren", denken Kny und die Ägypter verzweifelt. Sie fürchten Folter und Tod, es gebe dort keine Gerechtigkeit.
Doch ihre Fahrt endet an einer Lkw-Station: ein Wachturm, einige Wohnwagen und Steinhäuser, ein Brunnen, ein Generator und vier Bäume. Frauen und Kinder sind nicht zu sehen. Die Gruppe wird nachts in eine Zelle gesperrt, tagsüber dürfen sie sich draußen bewegen. Tag für Tag stellen SLA-Offiziere immer die gleichen Fragen: Was machen Sie? Sie sind Spione! Arbeiten Sie mit der sudanesischen Regierung zusammen?
Freundliche Männer, sagt Kny heute. Sie hätten sich korrekt verhalten, ohne Gewalt, ohne Kommandoton. Irgendwann wird ihnen versichert, dass sie ihr Hab und Gut wiederbekommen und entlassen werden, wenn alles "seriös abgeklärt" ist.
Für die vier Gefangenen ist der Aufenthalt im Lager eine fortwährende emotionale Achterbahn: Immer wieder zweifeln sie daran, dass sie davonkommen werden. Und wenn, dann wann? Die Ägypter gehen oft in eine kleine Moschee und beten, Kny schreibt in seinem Tagebuch und liest im Reiseführer. Es sind kostbare Minuten, die ablenken. Auch hier werden Nassers Fähigkeiten geschätzt, er repariert den Generator und mehrere Militärfahrzeuge - und erhält die Einladung, für immer zu bleiben.
Kny will wissen: Wieso ertragen die Rebellen das harte Leben in der Wüste? Das karge Lager, den kalten Wind und die kalten Nächte ohne genügend Wasser und warme Kleidung? Er unterhält sich auf Französisch mit dem 14-Jährigen, der schon in der Schulzeit beschlossen hat, sich der SLA anzuschließen. Stolz trägt der Junge seine Uniform. Kny fragt nach den Visionen, nach der Philosophie der Männer - sie wollen ihr Land von der Regierung befreien, erzählen sie Kny, es gelten keine Menschenrechte, die Menschen würden im Gefängnis gefoltert.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fernweh | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH