Von Linus Geschke
Während der Großteil der Gruppe weiter Ausschau nach Fischschwärmen hält, dringen zwei der Taucher vorsichtig in die Schiffsaufbauten ein. Von außen sind sie nur noch am Lichtkegel ihrer Tauchlampen zu orten, die auf der Suche nach interessanten Details hin- und herhuschen. "Ich hätte nie geglaubt, wie viel Leben es auch im Inneren des Wracks noch gibt", berichtet der Augsburger Andreas Nowotny später. "Millionen von kleinen durchsichtigen Glasfischen, die sich zu Wolken verdichten, erst unmittelbar vor den Tauchern eine Lücke freigeben und sie danach sofort wieder schließen."
Die beiden dringen noch tiefer ein, bis in den Maschinenraum, in dem das verrostete Herz des Frachters schon lange nicht mehr schlägt. Die Dreizylinder-Dampfmaschine mit ihren mächtigen Kesseln ist ein herrliches Stück Industriegeschichte aus dem frühen 20. Jahrhundert, eingebettet in verkrustete Leitungen, herabhängende Kabel und Handräder, an denen kein Mechaniker jemals wieder drehen wird.
Über Laufroste schwebend führt der Weg wieder aus dem Wrack hinaus. Überall drohen Rotfeuerfische, knapp 30 Zentimeter kleine Jäger mit Brustflossen, die wie große Fächer geformt sind, und Rückenstacheln, die ein Gift zur Verteidigung enthalten. Für Taucher ist der Kontakt mit ihnen nicht tödlich, jedoch äußerst schmerzhaft. Hier, in lediglich 15 Metern Tiefe, ist die Welt der Stille keine mehr: Papageifische nagen an Hartkorallen. Es kracht im Ohr, wenn sie kleinere Stücke abbrechen. Mit ihren Ausscheidungen düngen sie später das Riff und lassen es weiter wachsen - der perfekte Kreislauf der Natur.
Leben nach dem Untergang
Die Brandung hat im flacheren Bereich über ein Jahrhundert lang ganze Arbeit geleistet. Der Bug der "Numidia" wurde vollständig zwischen den Korallen zermahlen. Was ist noch Schiff, wo beginnt das Riff? Selbst Profis können das kaum noch feststellen. Ein Schwarm Barrakudas steht fast bewegungslos in der Strömung über dem Riffdach, nur die Schwanzflossen bewegen sich langsam hin und her. Für Taucher scheinen sie sich nicht zu interessieren, sie begegnen ihnen mit einem fast buddhistischen Gleichmut.
Ganz anders ein vorwitziger Flötenfisch, der sich mit seinem lang gezogenen und silbrig schimmernden Körper dicht an die Pressluftflaschen heranschmiegt. Von hier aus schnellt er auf der Jagd nach kleineren Beutefischen blitzschnell hervor, die Taucher scheinen ihm dabei lediglich als Deckung zu dienen. Mit der Strömung treibt diese um die Riffspitze herum, wo das Meer langsam wieder ruhiger wird.
Während Monika Hofbauer zur Orientierung für den Schlauchbootfahrer eine Boje an die Wasseroberfläche setzt, absolviert der Rest in fünf Metern Tiefe seinen Sicherheitsstopp und sieht ein letztes Mal zur "Numidia": zu einem Schiff, das erst nach seinem Untergang richtig zu leben begann.
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