Auf Mma Ramotswes Spuren: Der Fall Gaborone

Von Maik Brandenburg

3. Teil: "The No. 1 Ladies’ Detective Tour"

Es ist ein Filmset. Die Häuser sind aus Sperrholz, alle Räume leer. Im vergangenen Jahr drehte Anthony Minghella, der auch bei "Der englische Patient" Regie geführt hat, hier eine Fernsehfassung nach Vorlage der Bücher. Allerdings stammte kein Hauptdarsteller aus Botswana, selbst der kleine weiße Lieferwagen der Detektivin kam aus Übersee. Immerhin konnte die Regierung durch eine Förderung von fünf Millionen Dollar verhindern, dass der Film in Johannesburg entstand. Nach Drehende sollte das Gelände eigentlich für Besucher geöffnet werden. Doch noch sichert ein Zaun die Kulissen für mögliche Fortsetzungen.

Neugierige kommen trotzdem schon. Etwa zehn Menschen stehen am Eingang um einen jungen Mann, der leidenschaftlich von Mma Ramotswe erzählt. Er heißt Tim Race und organisiert Stadtführungen zu Schauplätzen der Krimis: "The No. 1 Ladies’ Detective Tour". Höhepunkt sind kurze Lesungen. Am Filmset liest Race die Beschreibungen der Detektei und die Passagen, die vom Blick auf den Kgale Hill erzählen.

Mal spricht er laut und mit aufgeregten Gesten, um im nächsten Moment geduckt und ahnungsvoll zu flüstern. Sein Publikum nickt wissend und lacht. Schließlich steigen die Zuschauer in ihre Autos – auf zum nächsten Schauplatz! Zum vermeintlichen Wohnhaus der Detektivin am "Zebra Drive" etwa, der in Wahrheit "Zebra Way" heißt.

Nicht alle Stationen sind improvisiert oder ausgedacht. Das "Equatorial" in der "Riverwalk Mall" gibt es wirklich. Das Café in einem zu den Seiten offenen Einkaufszentrum ist einer der Lieblingsplätze der Detektivin. Von hier aus blickt sie auf das Eukalyptuswäldchen, die Tlokweng Road und üppig bewachsenes Land.

Es ist bereits dunkel, als Tim Race im "Equatorial" jene Stelle liest, in der ein Bekehrter während seiner Taufe im Fluss von einem Krokodil gefressen wird – da geht in der ganzen Mall das Licht aus. Die Musik verstummt, die Stimmen werden gedämpft. Minutenlang kann ich die Geräusche der Wildnis ringsum vernehmen, das in den Büchern beschriebene "Buschland bei Nacht": Zikaden zirpen, Vögel zwitschern, und da sind "all diese seltsamen Geräusche", nicht zu deuten, fast unheimlich. Die Kellner stellen Kerzen auf.

Alexander McCall Smith vor Rotbuschtee

Aber niemand scheint überrascht – Stromausfälle gehören dazu, wenn eine Stadt ihre ganze Energie ins Wachstum steckt. Abgeschaltet wird angeblich zu festgelegten Zeiten, jeden Tag in einem anderen Einkaufszentrum. Die Gaboroner machen das Beste daraus, sie sehen es als "romantische Stunde". Wie Schattenrisse sitzen sie an ihren Tischen, und aus der Ferne glaube ich, das Brüllen von Rindern zu hören und das Bimmeln von Kuhglocken. Von irgendwoher zieht Rauch wie von einem Herdfeuer herüber. Ich bekomme Lust auf Kürbis, gekocht, den Mma Ramotswe so mag.

Dann geht das Licht wieder an, und die Gäste neben mir schalten ihre Laptops erneut ein. Ich frage die Bedienung nach Kürbis, aber "so was", sagt die Kellnerin, "haben wir hier noch nie angeboten".

Wieder zieht ein Duft in meine Nase, dieses Mal kommt er vom Nachbartisch. Es ist der süßliche Geruch von Rotbuschtee. Der Mann, der ihn trinkt, hat seinen Borsalino neben sich gelegt und trägt einen grauen Anzug. Auch sein Haar ist grau und etwas struppig – Alexander McCall Smith sieht genauso aus wie auf dem Autorenfoto in seinen Büchern.

Als sich meine Überraschung gelegt hat, setze ich mich an den Tisch des Schriftstellers und höre zu, wie er von den Menschen Botswanas schwärmt, dem Leben in diesem reichen, sicheren, höflichen Land – in diesem "Afrika für Anfänger", wie er sagt. Ich berichte von meiner schwierigen Suche nach der von ihm beschriebenen Stadt.

"Aber dieses Gaborone gibt es gar nicht, habe ich recht?" "Und wenn es so wäre? Würden Sie Ihren Besuch dann bereuen?", fragt McCall zurück. Ich überlege. "Nein", antworte ich dann. "Es war mir ein Vergnügen, den Fall zu lösen."

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  • Datum: Mittwoch 08.10.2008 | 09:26 Uhr
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