Mexiko-Stadt - Auf dem flachen, bemoosten Grabstein stapelt sich Ungewöhnliches: Bierdeckel, Kronkorken und abgegriffene Spielkarten. Wieder einmal hat die Familie von Pedro, der hier unter der Erde liegt, das ganze Jahr über gesammelt, um den grauen Stein mit den wichtigsten Utensilien des Verstorbenen zu schmücken. Pedro war ein Trinker. Beim Kartenspielen in zwielichtigen Spelunken am Rand von Mexiko-Stadt vernichtete der Familienvater sein Vermögen und seine Gesundheit, bis ihn der Herztod ereilte. Das war 1988 und Pedro gerade einmal 51 Jahre alt. So erzählt es das verwitterte Kreuz neben dem Grabstein.
Ein Picknick auf dem Friedhof neben bunt geschmückten Gräbern: In Mexiko ist der "Tag der Toten" ein ausgelassenes Fest, zu dem die Seelen der Verstorbenen eingeladen sind. Diese werden mit vielen weltlichen Genüssen angelockt. Gefeiert wird in jedem Jahr vom Abend des 31. Oktober bis zum 2. November.
Ein Plausch mit dem Toten Pedro
Auch die Familie von Pedro feiert einmal im Jahr Versöhnung mit dessen Seele: am "Tag der Toten", auf Spanisch "Día de los muertos". Dann streuen Pedros Witwe, seine beiden Söhne und die beiden Töchter die Insignien von dessen Untergang auf den Grabstein. Sie stellen Klappstühle auf und unterhalten sich bis in den späten Abend - auch mit dem Verstorbenen. Dessen Seele kommt nach dem altmexikanischen Glauben zu Besuch aus dem Jenseits. Zum Stelldichein rund um den Grabstein gibt es süßes "Totenbrot", das "Pan de muerto".
Der "Día de los Muertos" ist nicht nur einer der wichtigsten Feiertage in Mexiko - für ausländische Beobachter ist er auch der befremdlichste. Denn während in Europa der Tod noch immer weitgehend tabuisiert ist und Gedenktage für Verstorbene Trauerveranstaltungen sind, wird der "Tag der Toten" in Mexiko als großes Fest begriffen. Mit der Grabesstille auf den Gottesackern ist es dann vorbei.
"Ich hadere noch oft mit meinem Vater, weil er uns so vernachlässigt hat", sagt Cilly, eine der Töchter von Pedro. "Aber an diesem Tag soll Frieden in der Familie herrschen." Wie es der Brauch vorsieht, haben Pedros Angehörige der Seele des Verstorbenen Gaben vorbeigebracht: Zimtschokolade und Rindfleisch-Enchiladas. "Die hat mein Vater besonders gemocht", sagt Cilly und fügt gequält lächelnd hinzu: "neben Bier und Schnaps". Den vermeintlich größten Wunsch kann sie dem Verstorbenen allerdings nicht erfüllen, denn das Mitbringen von Bier ist verboten - auf dem Friedhof herrscht Alkoholverbot.
Halloween: Die Konkurrenz aus dem Norden
In Mexikos Hauptstadt sind jedes Jahr mehr als zwei Millionen Menschen auf den Beinen, um die mehr als hundert Friedhöfe aufzusuchen. Überall riecht es nach Copal, einem Räucherharz, das böse Geister vertreiben und den Seelen den Weg aus dem Jenseits ins Diesseits erleichtern soll. Doch der "Tag der Toten" wird nicht nur auf den Friedhöfen begangen. Überall in Mexiko werden sogenannte Ofrendas aufgebaut - bunte Altäre zu Ehren der Toten. Sie werden mit Gebäck, Kerzen, Totenköpfen und Skeletten aus Pappmaché geschmückt.
Vielerorts ist es auch ein Versuch, die altmexikanische Tradition zu retten. Denn aus den USA droht zur gleichen Jahreszeit eine übermächtige Konkurrenz: Halloween. Viele Kinder ziehen mittlerweile die für Halloween so typischen Kürbisköpfe den mexikanischen Totenköpfen vor. Heimatschützern ist der vorrangig kommerziell geprägte Halloween ein Dorn im Auge. Obwohl ihn auf den ersten Blick vieles mit dem "Día de los muertos" verbindet: eine morbide Symbolik und der spielerische Umgang mit der Welt des Todes etwa.
"Halloween ist ein Geschäft, ein Fest ohne Inhalt", grummelt Gonzalez. Der Mittfünfziger wacht über ein Skelett-Ensemble auf dem Zócalo. Auf dem zentralen Platz von Mexiko-Stadt feiern jedes Jahr Zehntausende den "Tag der Toten". Gonzalez ist Kontrolleur in der Metro. "Irgendwann werde ich hier auch als Figur ausgestellt werden", sagt er lachend, "aber ich hoffe, dann als Skelett und nicht als Kürbis."
Von Martin Cyris, dpa
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