Von Roland Schulz
"Der Glaube ist ein Geschäft geworden", sagt Doña Ancelma. Sie wartet auf Kundschaft, bereit sind die Brandopfer, bereit ist auch sie. Es fehlt nur an Menschen, die kaufen und die K'oa dann draußen vor der Stadt auf der pacheta, dem traditionellen Opferplatz, in Brand stecken. "Heutzutage tun sie so, als wäre Pachamama der Weihnachtsmann", sagt Doña Ancelma: Immer mehr bitten Mutter Erde unter Angabe von Marke und Typ um ein Auto.
Außerdem hängen die Potosínas Banner hinaus auf die Straße, auf denen sie ihre Dienste in fremden Sprachen anbieten. Sie schieben Eimer voller Lama-Föten auf die Straße und dazu palettenweise verwitterte Plastiken von Pachamama, die gern als Fundstücke aus geheimen Grabstätten angepriesen werden, in Wahrheit aber in den Werkstätten der Armenviertel aus Speckstein geschnitten sind.
Die Potosínas haben Läden groß wie Supermärkte, locken die Kunden mit Sonderangeboten, verkaufen im Dutzend billiger. Ihre Läden sind voll. Jeden Tag. Sicher hexen sie uns schon morgens Flüche auf den Hals, sagen die alteingesessenen Händlerinnen. Die Potosínas haben Erfolg. Verdammt sollen sie sein. "Bei mir kaufen die Gringos nie", sagt Doña Ancelma. Wieder läuten die Glocken, Schlag vier, noch immer keine Kundschaft.
Alicia, die Ärmel mit Stulpen hochgebunden, sucht dann noch mehr Mysterien mit aufgeprägten Goldbarren heraus. Sie arbeitet rasch. Die Zeit drängt. Hinter dem Geschäftsmann steht ein Familienvater, der dringend ein Brandopfer für den Segen seines Sohnes benötigt, eines Taugenichts, sagt er, aber eines Taugenichts, der durch die Abschlussprüfung kommen muss.
Kerzen in Tierform gegen fremdgehende Ehemänner
Dann sind da noch ein Bauunternehmer, der Brandopfer für einen Neubau will, ein Taxifahrer mit Schulden und eine einsilbige Frau. Ihr Mann gehe fremd, wird Alicia später erklären. Deshalb kauft die Frau bei Alicia jeden Freitag eine schwarze Kerze in Hundeform und eine in Katzengestalt, ritzt den Namen ihres Mannes und den dieser Hure hinein und zündet sie nachts in einer Kirche an, dabei die Beschwörung flüsternd, die Alicia ihr beigebracht hat. Alicia hat diese vom Beipackzettel, der mit den Kerzen vom Hersteller kommt. "Ich glaube an das ganze Zeug nicht", sagt sie, wenn kein Kunde zuhört.
Sie ist 19 Jahre alt. Sie glaubt an die Liebe zu Fernando. Sie hat ein Kind mit ihm, und Fernando hat versprochen, sie niemals zu verlassen. Daran glaubt Alicia. Der Hexenmarkt, das ist ein Job.
"Die Potosínas sind alle so jung", sagt Doña Ancelma, die nicht mehr geheiratet hat nach dem Tod ihres Mannes. "Wozu?", fragt sie. "Ich wusste doch schon, wie die Ehe aussieht." Sie blickt auf die Straße. Schlag sechs. Keine Kundschaft.
Eine dicke Frau steigt an der Ecke Calle Santa Cruz und Linares schnaufend die Stufen zu Alicia Saravia hinauf, bauscht ihre Röcke, lässt sich auf einen Schemel fallen. Stammkundin. Doña Sofia der Name. Hexe. "Gib mir zwei Demütigungen", befiehlt sie. Alicia sucht zwei schwarze Kerzen hervor. "Und zwei Herzen." Alicia reicht ihr zwei rote Wachsherzen. "Koka. Zigaretten."
Die Hexe und Alicia handeln in den kargen Worten von Menschen, die genau wissen, was sie tun. Sie sind vom Fach. "Und noch: Alkohol. Hast du Alkohol?" Alicia nickt. "Lass sehen." Alicia stellt eine Flasche Industriealkohol auf den Tresen, Marke "Ceibo", 96 Prozent. Die Hexe schraubt sie auf, riecht daran. "In Ordnung. Aber wenn das Mist ist, komme ich wieder." Alicia schweigt. Die Hexe zahlt. "Dann bis zum nächsten Mal."
Keiner klaut, wo Hexen kaufen
Als die Hexe weg ist, grinst Alicia. Besuche der Hexe sind besser als eine Versicherung. Sie festigen den Ruf. Wenn Alicia die Ware abends einmal nachlässig sichern sollte, muss sie sich nicht sorgen. "Keiner klaut, wo Hexen kaufen", sagt sie.
Alicia Saravia kauft alle drei Monate neue Ware ein, eine Ladung Teufelstropfen, Kräuter und Tränke kann leicht 350 Dollar kosten und muss in Devisen bezahlt werden. Alicia nimmt aber nur Bolivianos ein. "Und der Gewinn ist sehr klein", sagt sie. "150 Bolivianos am Tag, nicht mehr." Das sind rund 20 Dollar. Davon müssen Miete bezahlt werden, Strom und Steuern. Vom Rest leben drei Familien.
Ein Einbruch wäre eine Katastrophe. Alicia Saravia sagt, was sie am meisten an den alteingesessenen Händlerinnen ärgere, sei nicht deren Neid. Es sei der Umstand, dass ihnen die Läden meist selbst gehören. Sie haben kaum Kosten. "Aber es wird sie nicht mehr lange geben", sagt sie und lacht.
"Wer weiß noch, was das hier ist?", fragt Doña Ancelma. Sie sitzt aufrecht und stolz, zieht einen Stecken aus einem Bündelchen Holz, hält ihn hoch. "Wa-je", sagt sie. Entzweigebrochen und zum Tee gekocht, hat dieses unscheinbare Holz Eigenschaften, die es früher zum liebsten Freund der Kadetten machte, die von den Militärschulen aus der ganzen Stadt kamen, um es hier in diesen Gassen zu kaufen. "Es hebt den Mut", sagt Doña Ancelma. Sie blickt wieder auf die Straße. Niemand.
Doña Ancelma verstummt. Starr sitzt sie da, kein Wort, keine Geste. Sie wartet. Dann kommt jemand. Endlich. Doña Ancelma blickt voller Erwartung hinaus. Es ist Enrique. Sie seufzt. Enrique ist ein Arbeiter ihrer Tochter. Er kommt, um zu schließen.
Doña Ancelma kann das nicht mehr allein, die Türen des Ladens sind zu schwer. "Es ist doch noch früh", sagt sie. "Wir schließen doch erst um halb zehn", sagt sie. "Und wenn noch Kunden kommen?", sagt sie.
Enrique sagt nichts. Er trägt die Teekisten hinein, verstaut die Waren, schließt die Türen ab. Doña Ancelma sitzt derweil auf der Straße, im Dunkeln, wie ein Schatten der Geschichte.
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