Von Stephan Orth
Nur schemenhaft sind im Nebel die Gipfel der Berge von Guilin zu erkennen, davor hält ein im Gegenlicht nur als Schatten erkennbarer Mann eine lange dünne Pfeife und blickt in die Ferne. Das Bild wirkt geheimnisvoll und melancholisch, wie aus einem vergangenen Jahrhundert. Es stammt aus einer Welt, die vom Aussterben bedroht ist.
Für den Fotoband "Hidden China" besuchte die Tessiner Reisefotografin Alessandra Meniconzi chinesische Minderheiten, die von der Kommunistischen Partei gerne als "rückständig" bezeichnet werden. Bisher haben sie es weitgehend geschafft, ihre jahrhundertealten Traditionen zu erhalten, selbst wenn die Regierung als "Zivilisierungsmaßnahme" in der Nachbarschaft ganze Städte aus dem Boden stampfte - wie in der Provinz Xinjiang geschehen. Dieses "versteckte China" ist nicht das fortschrittliche Bild des Milliardenstaates, das die KP-Oberen gerne im Ausland präsentieren wollen, sondern eine Welt, in der uralte Rituale und Kleidungsstile bis heute fortbestehen.
Ihre ungewöhnliche Fortbewegungsart und das moderne Hightech-Fahrrad dürften geholfen haben, ihr das Interesse der Dorfbewohner zu sichern. So wirken die Porträts sehr nah und menschlich, ohne gestellt oder aufgesetzt zu erscheinen. Die Fotografin zeigt den Lebensalltag der Menschen, die Arbeit auf dem Reisfeld mit altmodischen Holzpflügen, die kunstvollen Stick- und Webekünste, die Hochzeiten und Dorffeste.
Folklorisierung durch den Tourismus
Einen Großteil des Bandes nehmen Bilder aus Tibet und der Provinz Xinjiang ein, beides konfliktgeplagte Regionen, deren Bewohner sich besonders nachdrücklich des Einflusses aus Peking zu erwehren versuchen. Doch es ging Meniconzi nicht darum, als Fotoreporterin Leiden und Ungerechtigkeiten anzuprangern. Stattdessen zeigt sie Menschen, die mit Erfolg versuchen, ihren Stolz und ihre Traditionen zu bewahren.
Erschwert wird ihnen das jedoch durch den ständig zunehmenden chinesischen Binnentourismus, der zwar Geld einbringt, aber auch die Folklorisierung der Bräuche und Kostüme vorantreibt. Die Fotografin berichtet, dass sie auf ihrer Suche nach unverfälschten Motiven mit den Jahren in immer weiter abgelegene Regionen reisen musste. "Wenn alles globalisiert wird, gibt es vielleicht eines Tages keine Geschichten mehr", schreibt Meniconzi.
Doch sie zeigt Bilder, die Geschichten erzählen. Geschichten aus einem China, in dem die Einkaufszentren und Hochhäuser von Peking und Shanghai ebenso wie die rauchenden Fabrikschlote des Perlflussdeltas Jahrhunderte entfernt zu sein scheinen.
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