Patagonien: Das große, grandiose Nichts

Von Tinka Dippel

3. Teil: "Patagonien war aber auch ein Land voll seltsamer wilder Tiere und Vögel"

"Patagonien war aber auch ein Land voll seltsamer wilder Tiere und Vögel. 'Pen-gwyn' soll ein walisischer Ausdruck für 'nicht fliegender Vogel' sein; einer abergläubischen Vorstellung von Seemännern aus elisabethanischer Zeit zufolge verkörperten Eselspinguine die Seelen ihrer ertrunkenen Kameraden"
Bruce Chatwin

Matias bringt uns mit seinem Motorboot zu namenlosen, aber dicht bevölkerten Inseln. Magellanpinguine, Kormorane, Wildenten schnattern zu Tausenden durcheinander und lassen sich von uns nicht stören. Ganz anders die Seelöwen. Als das Boot sich dem Ufer nähert, kracht es im Gestrüpp, Sand staubt auf. Scharenweise robben die Tiere zum Strand und stürzen sich wie die Lemminge ins Wasser. Ihre Köpfe ragen um das Boot aus dem Wasser, die Knopfaugen direkt auf uns gerichtet. "Was haben sie denn?", frage ich Matias. "Nichts", sagt er. "Sie freuen sich, dass wir da sind."

Nach der Bahía Bustamante haben wir eine lange Fahrt vor uns, insgesamt 1000 Kilometer, erst an der Küste nach Norden, dann quer durchs Land zurück an die Anden. Unterwegs passiert nicht viel, wir fordern es aber auch nicht heraus. In unseren Köpfen sind so viele Eindrücke, die sich setzen müssen - und nirgends geht das besser als im weiten Patagonien. Sein Reiz ist, dass es sich auf wenige Reize konzentriert. Die geringelten Meseta-Hügel, das Pfeifen des Windes, die Tier-Tupfer, die Weite, all das wird uns so vertraut, dass wir süchtig danach sind, immer weiter zu fahren.

An einem der letzten Tage im Nichts versuchen wir, die Zeit anzuhalten, übernachten auf dem Weg zurück an die Anden in Los Altares, mitten zwischen der Küstenstadt Trelew und den Bergen. Es gibt dort ein paar steil aufragende Felsen, jene "Altäre", nach denen der Fleck benannt ist.

Es gibt eine Tankstelle, ein paar Häuser, eine Kirche, nicht größer als ein Kiosk, ein Motel, wo sie uns ungläubig ansehen, als wir nach einem Zimmer fragen. Und es gibt José, der seit 38 Jahren im einzigen Lokal von Los Altares Schnitzel, zäh wie Tintenfisch, brät. Sein Gästebuch zählt für die vergangenen zwei Jahre acht Einträge, der letzte ist vier Monate alt. Was wir in Los Altares wollen: nichts. Ein allerletztes Mal.

Das große Nichts

"Ich dachte: Nirgendwo ist auch ein Ort"
Bruce Chatwin

Ein Land braucht so wenig, um einen tief zu berühren. Steppe, Wolken und Himmel reichen schon. Ab und zu ein Mensch. Hier und da ein Tier, ein trotteliges Schaf oder ein aufgeregter Seelöwe. Und alle 100 Kilometer ein Schild, das wäre schön - damit die Sorge nicht zu groß wird, man könnte aus der Welt gefallen sein.

Nach der Fahrt durch das Morgenrot kommen wir wieder zurück an die Anden, in den Nationalpark Los Alerces. Wir wandern durch tiefe, verwucherte Wälder. Die klare Luft lässt den Staub der letzten Tage zu einer Erinnerung werden. Einer wehmütigen Erinnerung. Wir fahren weiter, baden im frischen Wasser des Lago Puelo, reiten durch die Wälder um El Bolsón.

Und nach der letzten Etappe stehen wir in Bariloche dann jenem Mann gegenüber, der erleichtert ist, nicht nur uns wohlbehalten vor sich zu haben, sondern auch sein Auto. Sein Blick streift die getrocknete Matschschicht, die sich um den Ford zieht. Er versteht es immer noch nicht. All die Kilometer, all der Staub und all seine Sorgen - nur damit wir durch die Ödnis fahren.

"Ihr habt überhaupt nichts gesehen", sagt er. "Nicht mal drei Prozent von Patagonien. Die ganze Schönheit des Landes liegt in den Bergen, ein Nationalpark nach dem anderen, da hättet ihr bleiben müssen." Er erzählt von der Umgebung Bariloches, von Bäumen mit Blättern, groß wie Regenschirme. Das mag es alles geben. Und bestimmt ist es umwerfend schön.

Aber das Patagonien, das wir gesehen haben, hat etwas mit uns gemacht. Es hat unsere Augen geöffnet für das große Nichts.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Fernweh
alles zum Thema Fernreise

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


  • Datum: Donnerstag 25.12.2008 | 08:14 Uhr
  • Artikel drucken
  • Artikel versenden
  • Feedback
TOP



TOP