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16.02.2009
 

Rundreise mit Taxi und Bus

"Quer durch Kuba, Teufel noch mal"

Gut 1100 Kilometer misst Kuba von West nach Ost, viele Besucher sehen nur die Strände Varaderos und die schickeren Seiten Havannas. Roland Schulz wollte mehr - und begab sich auf eine Entdeckerreise zu Fischern, Farmern und der Rocker-Jugend von Camagüey.

Sie saß im Schaukelstuhl, den Blick in die Berge gerichtet. Es war die Stunde der Mittagssonne, eine Bewegung nur, und die Menschen vergingen in Schweiß. Sie trug ein fadenscheiniges Leibchen, das ihren dürren Armen Luft ließ, dazu ein Kopftuch. Ihre Mundwinkel welkten bereits, auf ihren Händen rankten alte Adern, doch ihre Augen hatten das stechende Blau eines jungen Himmels.

Ungeachtet ihres Alters, ging eine ungebändigte Kraft von ihr aus. Sie hörte sich alle Fragen an: warum, wieso, weshalb; wer das erste Mal nach Kuba kommt, fließt über vor Fragen. Wie bringt ihr den Tabak aus, Doña Adelaida? Wie viel verdient ihr mit den Blättern als Bauern in einem sozialistischen Staat? Was ist in Erinnerung geblieben, was denkt ihr über die Zukunft, wie lebt es sich in diesem Land? Sie sprach kein Wort.

Sie saß da und schwieg. Ein nachsichtiges Lächeln auf den Lippen, sah sie der Sonne zu, wie diese unerbittlich alles Leben zum Erliegen brachte. Die Hunde schleppten sich hechelnd unter die Brotfruchtbäume, die Hühner suchten unter den Dielen der Holzhäuser Schatten, von den Feldern ringsum kamen Brüder und Söhne geritten, um ihre Pferde zur Abkühlung in den Fluss zu führen. Dann endlich sprach sie.

"Das sind aber eine Menge Fragen", sagte sie. Ihre Stimme besaß den schartigen Klang eines Menschen, der ein Leben lang geraucht hat. Dann stellte sie ihrerseits eine Frage: "Y cómo viniste?", fragte sie, auf welche Weise bist du gekommen, Fremder, der du so wissbegierig vor meiner Tür stehst? Mit dem Zug, mit dem Flugzeug, mit dem Bus, Doña Adelaida, von Deutschland bis hierher, ins Tal des Tabaks tief im Westen Kubas, wo die Reise beginnen soll: einmal quer durch Kuba.

Sie stemmte sich sofort aus ihrem Schaukelstuhl, im Gesicht ein Grinsen, und rief hinüber zu den anderen: "He, kommt mal her, der Kerl hier will quer durch Kuba fahren!" Dazu lachte sie lauthals. Es hörte sich an wie ein Rasseln. Alle kamen nun gelaufen, Kinder, Eltern, Großeltern, wenn Adelaida Nuñez ruft, verspricht es lustig zu werden. Zeit ihres Lebens hat sie diesen Weiler mit ihren Liedern unterhalten, mit décimas, spontan gedichteten Spottgesängen; erst als sie ihre Finger kaum mehr krümmen konnte, gab sie die Gitarre auf. "Deutschland, eh?", sagte sie. "Such mir mal einen Mann dort. Aber schön soll er sein! Hässlich bin ich selbst." Sie lachte.

Sie schoben nun Stühle auf die Veranda, reichten in kleinen Bechern Kaffee und brachten Tabak, ledrige Blätter, frisch aus dem Trockenhaus, die Adelaida auf der Lehne ihres Schaukelstuhls zu lockeren Zigarren rollte. Dann erzählten sie. Wie Doña Adelaida jedermann betörte, als sie jung war. Wie der Fluss einmal zur Flut wurde und die Felder fortspülte: Der Tabak war vernichtet, die Yucca, der Mais. Oder wie Miguel sich eines Sonntags in sein Bett legte und starb. So lebte es sich in diesem Tal: "Hier kommen wir zur Welt, hier sterben wir", sagte Adelaida. Es dämmerte schon, als der Abschied kam. Adelaida fragte: "Und wie fahrt ihr?" Mit allem, was geht, Doña Adelaida, irgendwie immer weiter. Das ist der Plan. "Quer durch Kuba", kicherte sie, "Teufel noch mal."

Auf der Straße dann war Stille, kein Auto, kein Motorrad, nichts. Nur die Nacht. Zehn, vielleicht zwölf Kilometer waren es bis Viñales, begleitet allein von aufsässigen Mücken, dem Klang der eigenen Schritte - und von Fragen. Wer viele Fragen an Kuba hat, tut gut daran, selbst auf die Fragen zu hören, die in diesem Land gestellt werden. "Cómo viniste?", wie bist du gekommen? So fangen hier viele Gespräche an - ein Auftakt, der das Reden leicht macht. Wer hier eine Reise unternimmt, weiß nie, wann, wie, womit und ob er überhaupt ankommen wird. Das Reisen gibt genügend Stoff, um jedes Gespräch in Gang zu bringen.

Schweinefutter - verloren und gefunden

Kurz vor Viñales drang plötzlich ein Dröhnen aus der Dunkelheit. Es klang wie ein Fahrzeug, doch was sich näherte, war ein Fabelwesen: ein röhrendes Ungetüm von Maschine. Ein Mas 500. Ein alter Lastkraftwagen sowjetischer Bauart, groß wie ein Panzer. Der Fahrer stieß die Tür auf und schrie nur ein Wort: "Wohin?" Sein Lastwagen war eine Hörenswürdigkeit. Alles krachte und knatterte, ein Gewitter von Geräuschen, der Motor erstickte jede Menschenstimme.

Kuba: Mit Bus und Taxi von Vinales bis Baracoa
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Kuba: Mit Bus und Taxi von Vinales bis Baracoa

Deshalb gab der Fahrer in Zeichen zu verstehen, er müsse noch ganz kurz... Da kurbelte er schon das Steuerrad herum und lenkte seine Maschine scharf nach links. Er fuhr zu einem Freund. Der arbeitete in einem Mastbetrieb. Der Freund würde heute Nacht vier Säcke Schweinefutter verlieren, und er selbst würde heute Nacht vier Säcke Schweinefutter finden. So geschah es. Zehn Minuten später war er schon wieder auf der Straße und fuhr nach Viñales.

Am Horizont hoben sich die Tafelberge eines Tals dunkel vom Himmel ab, wie Tiere geduckt zum Sprung. Voraus schimmerten die Lichter der Stadt. Viñales lag schlafend, lang gestreckte Straßen, von Kiefern gesäumt, von kargen Lampen beleuchtet. Die Häuser waren klein, einstöckige Bauten aus Lehmziegeln, doch immer mit einer stattlichen Veranda versehen. Auf zwei oder drei saßen noch Menschen, an Zigaretten saugend, deren Enden im Dunkel der Nacht glommen wie Glühwürmchen.

Am nächsten Morgen ging der Bus in den Osten. Auf seinen Flanken trug er das Symbol einer blauen Autobahn: Viazul. Die Devisen-Linie. Fahrkarten müssen mit Pesos Convertibles bezahlt werden, harter Währung, deshalb nutzen vor allem Ausländer diesen Dienst und Kubaner mit ausländischen Geldquellen.

Die Klimaanlage blies klirrend kalte Luft in den Bus. Die Fenster waren wie von feinem Nebel überzogen, das Glas beschlagen. Kuba war nichts als verwaschenes Grün und vorbeihuschende Schatten. Als das Gefährt das Bergland von Viñales hinter sich gelassen hatte, bog es auf die Carretera Central ein, Kubas wichtigste Überlandstraße, die einmal quer über die Insel verläuft. Am Straßenrand standen Dutzende Kubaner, die mit Geldscheinen wedelten, wenn sich ein Fahrzeug näherte. Sie wollten auch ostwärts, per Autostopp.

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Gefunden in...

GEO Special Nr. 1/2009
Kuba




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