Rundreise mit Taxi und Bus: "Quer durch Kuba, Teufel noch mal"

4. Teil: In Santiago war es heiß wie im Kesselraum eines Schiffes

Es wurde Nacht. Pablos Laune verschlechterte sich. Er sah nun nichts mehr außer den Scheinwerfern entgegenkommender Autos. Er wusste nicht, wie weit es noch war. Er hasste diese Berge. Ihre Steigungen ließen ihn um den Motor seines Moskovich bangen. Er hatte recht. Irgendwann, irgendwo in der Sierra Maestra, blieb der Moskovich stehen. Pablo fluchte. So bald werde er keine Ausländer mehr fahren, sagte er. Schon gar nicht in die Sierra Maestra. Am besten nirgendwo mehr hin, sagte er. So verging die Zeit. Eine Stunde später kam ein Jeep. Er schleppte den Moskovich nach Santo Domingo, ein kleines Dorf zu Füßen des Pico Turquino, Kubas höchstem Gipfel.

Am nächsten Morgen lag Nebel über den Hängen der Sierra. Dicht und dunkel stand der Wald, schon die jungen Schößlinge am Rand waren von Farnen bewachsen, von fremden Ranken bedrängt. Kühle kam aus dem Regenwald wie ein Atem. Eine kleine Gruppe italienischer Touristen stieg auf, zwei Stunden über bewaldete Bergrücken und durch schmatzenden Schlamm, bis der Blick weit wurde und sich die Höhenzüge ringsum zeigten.

Die Wipfel der Bäume wiegten sich in sanftem Wind. Mit Kraft brach die Sonne durch die Blätter und ließ den Boden dampfen. Bald kam eine Handvoll mit Palmwedeln gedeckter Holzhütten in Sicht. Hier, inmitten der Berge, hatte Fidel Castro 1958 sein Hauptquartier aufgeschlagen. Heute ist die "Comandancia" Nationalmonument. Ein Italiener, auf dem Kopf eine grüne Militärmütze mit rotem Stern, hob die geballte linke Faust zum Gruß. So ließ er sich vor dem Bett des Comandante en Jefe fotografieren.

Heiß wie im Kesselraum eines Schiffes

Santo Domingo lag am Ende aller Straßen, keine Linienbusse, kein Verkehr. Aber einige Kubaner, die den Kipplader ihrer Kooperative für eine Spritztour in die Berge geborgt hatten. Jetzt war es Nachmittag, sie wollten zurück. Sie wuchteten einen Sack voller Bierbüchsen auf die Ladefläche und zogen alle hinauf, die mitfahren wollten. Sie waren betrunken. Das Bier müsse weg, sagten sie, sonst werde es warm. Der Kipplader kroch mit jaulenden Bremsen die Kurven der Bergstraße hinab; nach jeder scharfen Kehre reichten sie dem Fahrer eine Bierbüchse durch das Fahrerfenster, auf einen schnellen Schluck.

Im Tiefland ging es rascher, der Kipplader rauschte die Landstraße entlang, nichts als Zuckerrohr links und rechts, endlose Weiten. Am Rand der Straße waren Betonstelen versenkt, hintereinander, wie Dominosteine. Gesichter waren auf sie gemalt, zumeist bärtige. Gefallene der Revolution. Man hatte sie hier noch einmal in Reih und Glied gestellt.

In Santiago war es heiß wie im Kesselraum eines Schiffes. Die ganze Stadt schien zu schwitzen, Menschen, Tiere, Bauwerke, alles schlierig. Auf den kolonialen Plazas ging es gesittet zu, doch abseits des Zentrums, in den entlegenen Gassen der Altstadt, hatte Santiago in der Hitze etwas Räudiges. Es roch wie auf dem Rummel, eine Mischung aus Schweiß, Alkohol und Süßigkeiten. Es ging kein Wind, nicht ein Hauch, nur Fetzen von Musik wehten durch die Straßen. Hunde fledderten Abfall. Wer konnte, floh zum Meer.

Die Bucht von Santiago war verheißungsvoll blau, in ihrer Mitte lag eine Insel: Cayo Granma. Auf Stelzen stehende Holzhäuser säumten ihr Ufer. Die Fähre brauchte kaum zehn Minuten, schon war Santiago nur noch ein anderes Ufer.

"Und plötzlich bist du 95"

Er verbarg seine Geschichte in einem Geheimfach im Schrank, gesichert mit Seilzügen, nur er vermochte es zu öffnen. "Man muss die Orden verstecken", sagte er, "sonst kommen die Enkel und nehmen sie als Andenken mit." Die langen Jahre an den Netzen hatten seine Gestalt gekrümmt, Wind und Wetter sein Gesicht geprägt. Er war Fischer, der älteste auf Cayo Granma, Fischer und Veteran. Die Menschen der Insel nannten ihn Chaíto, aber er stellte sich stolz als "Mustelier Nápoles, Kämpfer" vor.

Zum Beweis öffnete er seinen Schrank, zog an einem hinter Stoff verborgenen Seil, fing die plötzlich fallende Holzvertäfelung leichter Hand auf. Eine verwitterte Schublade kam zum Vorschein, der er drei Kästchen entnahm.Er öffnete sie sorgsam. Es waren Orden darin, 30. Jahrestag des Beginns der Revolution, 40. Jahrestag, 50. Jahrestag. Sogar seine alte Armbinde hatte Chaíto noch, darauf gestickt: "26 de Julio". Castros Guerillabewegung.

"Ich war Meldegänger", sagte Chaíto, "ich brachte ihnen Medikamente in die Berge." Er hatte sich den Aufständischen angeschlossen, sein Hass auf Diktator Batista war groß. "Als Fidel und Raúl anlandeten, sagten wir: Jetzt helfen wir ihnen." Chaíto kämpfte. Als Batista besiegt war, kehrte er zurück nach Cayo Granma, baute ein Haus, zeugte vier Kinder, fuhr täglich zum Fischen hinaus. "Und plötzlich bist du 95", sagte Chaíto. "So ist das Leben."

Die Fahrt nach Baracoa führte an der Küste entlang, rechter Hand das Meer, links Tafeln mit Propaganda: "Stets werden wir treue Verteidiger des Sozialismus sein", "Der Sieg war, ist und wird immer unser sein", "Vaterland oder Tod". Dann stieg die Straße an, in die Berge, wo sie sich durch weite Wälder schlängelte, hinauf auf die Pässe der Sierra del Purial, das raue Gebirge, das dem östlichsten Zipfel Kubas sein Gesicht gibt. Zu seinen Füßen lag Baracoa.

Über Baracoa sagten sie, dass es die älteste und östlichste Siedlung Kubas sei, weil an ihren Stränden Kolumbus gelandet sei und nach ihr nichts mehr komme außer dem Meer. Es war nicht wahr. Eine schmale Straße führte weiter ostwärts, an von Palmen gesäumten Stränden vorbei, immer nach Osten, bis zur Mündung des Flusses Yumurí. Hier fand die Reise ihr Ende, weiter in den Osten ging es nicht. Eine Brücke spannte sich über den Fluss. In ihrem Schatten standen Frauen und wuschen Wäsche, während ihre Kinder juchzend vom Brückengeländer ins Wasser sprangen.

Es war Sommer, es waren die letzten Tage der Ferien, bald würde die Schule wieder beginnen. Die Kinder brannten vor Glückseligkeit. Sie jagten die Brücke entlang, einmal noch Ferien satt, um die Wette rennen, Fußball spielen, schwimmen, hinter ihnen lag Kuba, einen Sommer lang.

Erschienen im GEO Special 1/2009 "Kuba".

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  • Datum: Montag 16.02.2009 | 09:25 Uhr
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GEO Special Nr. 1/2009
Kuba



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