Von Andreas Spaeth
In Manakara gehen alle Uhren anders - oder gar nicht. Nicht weniger als drei Zeitanzeigen finden sich am Bahnhof der Kleinstadt am Indischen Ozean, und keine von ihnen stimmt. Tatsächlich ist es Viertel vor sieben am Morgen. Eigentlich sollte um diese Zeit der alle zwei Tage verkehrende Zug von der Küste ins Hochland abfahren, doch Pünktlichkeit erwartet hier niemand - die meisten Madegassen besitzen ohnehin keine eigene Uhr. Sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, ist auf der viertgrößten Insel der Welt vor der Küste Ostafrikas vor allem eine Geduldsfrage. Ein funktionierendes Transportsystem gibt es nicht, dabei sind auf der 1600 Kilometer langen und maximal 650 Kilometer breiten Insel große Distanzen zu überbrücken.
Wer auf Reisen gehen will, begibt sich in Manakara einfach kurz vor Sonnenaufgang zum Bahnhof und wartet. Heute ist ein guter Tag, denn tatsächlich sind der etwas ausgeleiert aussehende Zug und seine angejahrte Diesellok aus französischer Produktion gestern Abend angekommen - Voraussetzung für die Rückfahrt ins Hochland. Bereits nach der vorgesehenen Abfahrtszeit öffnet sich in der Bahnhofshalle die Tür zum Bahnsteig, jeder drängt zu dem schmalen Durchgang. Der Zug besteht aus der Lok, einem Packwagen und je einem Waggon der Ersten und der Zweiten Klasse. Von Komfort aber kann auch in der Ersten Klasse kaum die Rede sein: Die Bänke mit Kunststoffbezug sind zum Teil nicht fest mit dem Boden verschraubt und wackeln hin und her, die Fenster sind schon lange nicht mehr gewaschen worden. Die Passage ins 173 Kilometer entfernte Fianarantsoa kostet in der Ersten Klasse umgerechnet aber auch nicht einmal 15 Mark.
Ein langgezogener Pfiff des Schaffners, und um genau 8.12 Uhr beginnt die Abenteuerreise mit der madagassischen Bahngesellschaft Réseau National des Chemins de Fer Malagasy (RNCFM). Das charakteristische Klackern der Räder auf den wackligen Schienen steigert sich bald zu einem Stakkato, das die Insassen des Zuges den ganzen Tag nicht mehr loslassen wird. Außerdem schütteln und schlingern die Waggons unaufhörlich zur einen und zur anderen Seite, so dass einige Fahrgäste schon über Symptome von Seekrankheit geklagt haben sollen. Mit 50 Stundenkilometern rattert der Zug durch die grüne Ebene.
Nach wenigen Kilometern der erste Halt in Ambila. Wenn der Zug einfährt, wird der Bahnsteig in jedem Ort für wenige Minuten zum Verkaufsstand: Frauen bieten den Reisenden am Zugfenster Bananenstauden und Ananas an oder halten ihnen gebratene Bananen, frisch gekochte Flusskrebse und andere Leckereien unter die Nase. Viele der Dörfer, in denen der Zug hält, haben keine Straßenanbindung - die Bahn ist das einzige Verkehrsmittel und auch der einzige Transportweg für die lokale Bananen- und Litchi-Ernte.
Immer steiler wird jetzt die Strecke, immer üppiger ragen die Bäume über die Gleise, ein Regen von abgerissenen Blättern geht durchs offene Fenster ins Abteil nieder. Manchmal hält der Zug kurz, setzt sich ächzend zentimeterweise wieder in Bewegung, steht wieder. Nach etwa fünf Stunden Fahrt, zuletzt durch den östlichen Regenwaldgürtel Madagaskars, ist das zentrale Hochplateau der Insel erreicht. Auf der rechten Zugseite bieten sich von oben atemberaubende Ausblicke über die weite, bergige Landschaft, durchzogen von dichtem Wald und Bananenplantagen.
Nachdem die Sonne untergegangen ist, sitzen auch die Fahrgäste im Finstern - im ganzen Zug gibt es nicht eine Glühbirne. Irgendwann hat das Schütteln und Schlingern ein Ende. Nicht mehr als drei spärlich leuchtende Lampen leistet sich der Bahnhof von Fianarantsoa - nach genau zehn Stunden und drei Minuten Endpunkt einer eindrucksvollen, aber erschöpfenden Bahnreise.
Informationen:
Da die touristische Infrastruktur Madagaskars sehr schwach ausgebaut ist, empfiehlt es sich, bei einem Spezialveranstalter zu buchen. Besonders erfahren in der Region ist der deutsche Veranstalter Trauminsel Reisen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fernweh | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH