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10.05.2009
 

Last Exit Pattaya

Tratsch aus dem Sündenpfuhl

Von Thilo Thielke

Als Elfi Seitz nach Thailand kam, war Pattaya kaum mehr als ein Fischerdorf mit Bordellbetrieb. Heute ist die Ex-Münchnerin Chefredakteurin des "Pattaya Blatts" und führt ein Reporterleben im Grenzbereich: zwischen Wohltätigkeitsabenden, Seniorenheimen und cleveren Barmädchen.

Diese Reiseführer! Schreibt der Baedeker doch tatsächlich: "Kulturelle Angebote sind in Pattaya eher spärlich, am ehesten wird diese Lücke noch von zwei international renommierten Transvestitenshows gefüllt." Haben die denn noch nie etwas von den sechs Rotary-Clubs gehört, die der Badeort beherbergt? Nichts vom "Power Jam" im Moon River Pub - unter dem flotten Motto "Let's fetz"?

Kennen die Autoren nicht den deutschsprachigen Gourmetclub, den Musikus George Hilbert, der jeden letzten Samstag im Monat im Deutschen Haus "beliebte Hits und Schlager" spielt? Ganz zu schweigen von Salsa-Kursen, dem "Pattaya International Music Festival" oder der "deutschsprachigen Plauderstunde". Wenn das nicht Kultur ist!

Die Verfasser dieses Zitats sollten sich vielleicht einmal mit Elfi Seitz, 63, treffen, bevor sie solchen Schmarrn schreiben. Die würde ihnen aber was erzählen. Elfi Seitz ist Chefredakteurin des wöchentlich erscheinenden "Pattaya Blatts", Auflage rund 5000 Stück. Sie lebt seit 32 Jahren in der Stadt. Und warum? Doch nicht wegen der vielen Bordelllokale und Transvestitenshows, sondern "weil hier sonst so viel los ist, auch kulturell". Meint zumindest Elfi Seitz. Und darum musste das einmal gesagt werden.

Ihren schlimmen Ruf wird die Stadt dennoch so schnell nicht los. Der ist hartnäckig wie eine unbehandelte Gonorrhoe. "Gute Jungs kommen in den Himmel, schlechte nach Pattaya" steht ja nicht zufällig auf den T-Shirts, die sie hier überall verkaufen.

Bevor Elfi Seitz hier anlandete, war die Stadt kaum mehr als ein Fischerdorf mit Bordellbetrieb. Die vom Vietnamkrieg gestressten GIs vergnügten sich in Pattaya, anderthalb Autostunden südlich von Bangkok. U Tapao, ganz in der Nähe, war ihr thailändischer Luftwaffenstützpunkt und Pattaya gewissermaßen die Etappe, bevor es wieder in den Dschungelkrieg ging. Die Stadt war ein einziger Sündenpfuhl.

Nachschub aus Deutschland

Elfi aus München hatte bei ihrer Ankunft keinen Schimmer von dem zwielichtigen Treiben. Zivilisationsmüde - "dumm und blauäugig" - zog sie gemeinsam mit einer Freundin ins Abenteuer. Natürlich verloren die beiden schnell ihre Illusionen. Dass es in den Restaurants von jungen alleinstehenden Frauen nur so wimmelte, hatte nichts direkt mit der Emanzipation zu tun, von der daheim die Feministinnen schwärmten. Die Mädchen hier warteten eher darauf, dass "Bumsbomber" ihre menschliche Fracht entluden. Es war die Zeit, als Neckermann und TUI die Lücke füllten, die die amerikanischen Freunde hinterließen. Und das gelang ihnen recht gut.

Last Exit ...

In die Südsee, Karibik oder an den Pazifik? Ans Kap der Guten Hoffnung oder nach Koh Lanta? In den Moloch von Bangkok oder Peking? Deutsche Auswanderer machen ihren Traum von einem neuen Leben wahr.

Was treibt sie um? Was wollen sie in der Ferne? Fragen, denen SPIEGEL-Korrespondent Thilo Thielke in seiner Kolumne "Last Exit ... " nachgeht.
In die Stadt verliebte sich Elfi Seitz trotz des wüsten Treibens. "Es war so wunderschön" - hier wollte sie eine Weile bleiben. Sie eröffnete zunächst ein Restaurant, danach eine Schneiderei, hatte schließlich neben Buchhaltung auch Design gelernt. Elfi Seitz blieb, auch als das Jahr vorbei war, das zu bleiben sie sich vorgenommen hatte.

Die Stadt wuchs mit, unaufhörlich. Wo sich einst ein kleiner Fischereihafen befand, entstand die "Walking Street", Pattayas "geile Meile" mit all den Gogo-Bars und Sexshows. Kneipen und Hähnchengrills verdrängten die Juweliere und Schneider, für die das Städtchen einst berühmt war. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs rückte sogar die Russenmafia ein und karrte tonnenweise Wodka heran. "Heute", sagt Elfi Seitz, "sollen offiziell 100.000 Menschen in der Stadt leben, aber es sind weitaus mehr, bestimmt mehr als eine halbe Million."

Viele Europäer, Rentner wie Rucksacktouristen, überwintern hier, ohne eine Aufenthaltsgenehmigung zu haben. Viele Mädchen verdienen hier und sind noch in ihrer Heimatprovinz registriert. In Pattaya treffen sich also Iserlohn und Isaan, und überall sprießen zarte Knospen der Liebe. Der amerikanische Autor Dennis Jon, der sich dem Phänomen in einem Selbstversuch genähert hat, gibt davon in seinem Reiseroman "Die Schmetterlingsfalle" beredt Kunde: "Wie du heißen? Wo du herkommen? Wie lange du bleiben? ... Du gutaussehender Mann, Mr. Jon. Ich dich mögen ... Liebling, wir Spaß haben."

"Es gibt viele anständige und gute Leute hier, auch Europäer", sagt Elfi Reitz, "und wahnsinnig viele Wohltätigkeitsveranstaltungen." Wenn man mehr darüber in Erfahrung bringen will, muss man nur das "Pattaya Blatt" aufschlagen. "Eineinhalb Millionen Baht wechseln den Besitzer" lautet die balkendicke Schlagzeile auf der Seite eins. Es geht um eine Spende von umgerechnet knapp 32.000 Euro, die der deutsche und der Schweizer Botschafter dem "Child Protection and Development Center" in Pattaya überreicht haben.

Von Klatsch bis Kriminalnachrichten

Andere Top-Storys beschäftigen sich mit dem Unfalltod von Peter Alexanders Tochter Susanne auf Ko Samui, dem Untergang eines Touristenboots mit 30 Menschen an Bord vor Phuket und einem Python, die sich in einer Bierbar eingenistet hat. Im "Briefkasten" beklagt ein deutscher Leser die nachlassenden erotischen Aktivitäten seiner Thaifrau, nachdem er sie finanziell versorgt hatte: "Nachts legte sich die Schöne zwar zu ihm, schlief aber sofort ein."

Seit 2002 ist Elfi Seitz Chefredakteurin der deutschsprachigen Zeitung, 1993 hatte sie beim englischsprachigen Mutterblatt "Pattaya Mail" begonnen. Nebenbei macht sie noch beim verlagseigenen Fernsehsender "Pattaya Mail on Television" mit.

Über einen Mangel an Themen kann sie wirklich nicht klagen. Regelmäßig schaut Reiner Calmund vorbei, werden Pädophile verhaftet, geben sich Schlagerstars die Ehre. Fester Bestandteil des Blatts sind Kriminalnachrichten und die Fußballberichterstattung; wegen der Bundesliga wurde sogar das Erscheinungstag der Wochenzeitung auf Dienstag verlegt. Drei festangestellte deutsche Reporter und zwei Freiberufler verdingen sich mittlerweile bei der Zeitung.

Man kann viel lernen in Pattaya, findet Elfi Seitz, besonders, wie leicht manipulierbar Männer manchmal sind. "Wenn man ihnen sagt 'Hello Darling, handsome man', zerfließen sie förmlich." Besonders anstößig findet sie das Treiben dennoch nicht. Viele Mädchen seien eben "sehr clever" und verstünden es, "sich ein gutes Leben zu sichern". Auf die Palme bringt sie nur, wenn 70-jährige Senioren noch massenhaft Kinder in die Welt setzen, die wenig später zu Halbwaisen werden.

Elfi Seitz muss jetzt weiter. "Termine!", stöhnt sie, Wohltätigkeitsveranstaltungen, das Musikfestival, dann noch irgendwo repräsentieren. Das Reporterleben in Pattaya kann ganz schön anstrengend sein.

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