Aus Boracay berichtet Thilo Thielke
Eigentlich, meint Haxe, sei es ein kleines Wunder, dass der Peter kein Magengeschwür bekommen habe - damals, unterm Klinsmann. Den hatte er richtig gefressen und schon ganz am Anfang, als der Schwabe an der Säbener Straße noch Buddhafiguren aufstellen ließ, ein großes Champagnerfrühstück für den Fall ausgelobt, dass der ungeliebte Coach noch vor der Winterpause entlassen würde.
Klinsmann aber blieb und blieb - und Peter litt. Erst im April wurde er erlöst, nach zehn Monaten Qualen. Nun sind sie erleichtert: der Haxe, 44, der Peter, 49, der René, dem das Pinjalo Resort gehört, und der Andy, 41, und stoßen mit einem "San Miguel Pilsen" auf die neue Zeit an. Sollen ruhig einmal die anderen Meister und DFB-Pokalsieger werden. Hauptsache, diese Horrorsaison ist endlich vorbei.
Obwohl: Viel haben sie vom Elend dahoam ja nicht gerade mitgekriegt. Über "Bild" und "kicker online", klar, und an den Wochenenden sitzen sie nachts vor dem Laptop und hören übers Internet deutsches Radio. So wie damals, als sie klein waren: Konferenzschaltung, Tor in München, Pass nach Hamburg. Nur auf bewegte Bilder müssen die Jungs vom "FC Bayern Fan Club Boracay" verzichten. Im Paradies läuft keine Bundesliga. Noch nicht jedenfalls.
Aber stattdessen - was für eine Aussicht! Draußen auf dem türkis schimmernden Ozean vor Boracay, der philippinischen Insel gleich neben Panay, ziehen Segler vorbei. Am Strand flanieren die Schönheiten des Dorfs, und die Bar vom "Sundown" ist geschmückt in den rotweißen Vereinsfarben nebst Schals vom Linzer ASK. "Wenn das nicht ein Traum ist", jubelt Haxe. Mit der linken Hand hält er ein eiskaltes Pils fest und mit der rechten Schatzi, seine philippinische Freundin. Nachher gibt es "Heißen Stein" mit brasilianischen Steaks, Käsekrainer, Berner Würstel und Marillenschnaps. Aus dem DVD-Player scheppert: "Hey, hey Du da! Bist Du vielleicht ein kleines Luder?" von G. G. Anderson. Kann das Leben schöner sein?
Von der "Europa" nach Boracay
Der Sand ist lauwarm und schmeichelt Haxes nackten Füßen. Es weht eine sanfte Brise herüber, und Meer und Himmel vereinen sich zu einem violettrotblauen Farbenwunder. So etwas kann auch des hartgesottenen Allgäuers Herz erweichen. "Dies ist der schönste Platz der Erde", schwärmt er, und das findet auch Andy aus dem Schwarzwald, und natürlich denkt Peter Packy das Gleiche. Schließlich ist er seit nunmehr 22 Jahren der Eigentümer des "Sundown Restaurant und Cocktail Bar" und nebenbei auch noch Chef des FC-Bayern-Fanclubs, der auf dem philippinischen Eiland beheimatet ist und 33 Mitglieder hat. Gründungsjahr 1999.
Die Leute vom Paradiesdampfer sahen die weite Welt, und manchmal sahen sie auch in die Abgründe der Menschheit. "Das Leben auf dem Schiff bestand nur noch aus Essen, Essen, Essen", sagt Packy, "Durchschnittsalter 60 Jahre." Schee wars dennoch. Auf vier Monate Schiff folgten zehn Wochen Urlaub. Es hätte endlos so weitergehen können. Doch dann, 1987, irgendwann zwischen Rio und Schanghai, zwischen Bali und Hawaii, legte die "MS Europa" in Hongkong an. Peter und ein paar Kumpels gingen an Land, entschieden sich für einen Urlaubstrip auf die Philippinen und landeten auf Boracay.
Wie Robinson auf seiner Schicksalsinsel
Boracay war damals noch nicht besonders erschlossen. Es sei eine "paradiesisch schöne, der Nordwestspitze Panays vorgelagerte Badeinsel", schwärmte zum Beispiel der DuMont-Reiseführer von 1986 und lobte die "sanfte ländliche Idylle" mit "dschungelüberwucherten Hügeln" und "milchpulverfeinem Sand".
Nach dem Luxusschiff voller klunkerbehangener Senioren muss sich Peter Packy wie Robinson auf seiner Schicksalsinsel vorgekommen sein. "Es gab kein Telefon und keinen Strom", sagt Packy, "das Bier wurde in Gaskühlschränken gekühlt, das Lokal anfangs mit Petromax-Lampen beleuchtet, und die Musik lief mit Hilfe einer Autobatterie." Für Peter begann ein neues Leben.
Aus dem DVD-Player schallt mittlerweile ein Bayern-Schlachtgesang, "FC Bayern, Deutscher Meister, ja so heißt er ..." "Bin i narrisch", sagt Christie. Christie ist die Angetraute von Peter Packy. Die beiden haben sich vor 22 Jahren auf der Insel kennengelernt und mittlerweile drei gemeinsame Kinder. Christie hat in der Zwischenzeit ein bisschen Österreichisch und Bairisch gelernt und ganz hervorragend, wie man Schweinsbraten, Gulasch und Schnitzel macht.
Natürlich ist die Philippinerin auch Mitglied in dem für philippinische Verhältnisse eher merkwürdig anmutenden Fußballtrachtenverein, den ihr Peter vor ein paar Jahren gegründet hat. Fürs Gruppenfoto am Strand streift sie sich das dunkelblaue Auswärtstrikot über. Und wenn Oktoberfest ist, wird bei Peter in Boracay in der Lederhose serviert.
Andy und Haxe stießen vor zehn, zwölf Jahren zu der Truppe. Während rundherum immer mehr gebaut wurde, "Halligalli" und Discotheken den Charakter der Trauminsel veränderten, bis man manchmal kaum noch wusste, ob man auf Malle, in der Domrep oder auf Ko Samui gestrandet war, blieb unten im "Sundown" fast alles beim Alten.
Das Arrangement aus roten Sonnenschirmen, weißen Plastikstühlen und den Holztischen mit den rotweiß-gestreiften Deckchen reicht immer noch fast bis an den Strand, und die einzige Musik, die herüberweht, ist die aus der eigenen Bar. Gerade läuft "Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein", und Haxe ist ein wenig traurig, dass Andy morgen schon wieder zurück nach Deutschland muss und er selbst in drei Wochen. Über seine beiden nackten Ellenbögen spreizen sich ausladende auftätowierte Spinnennetze.
Mit guter Laune in die neue Saison
Vier Monate Deutschland, acht Monate Philippinen ist ihr gegenwärtiger Rhythmus. Und auch wenn sie manchmal Inselkoller kriegen, fällt der Abschied immer wieder schwer. Demnächst heißt es wieder schuften und sparen und in Deutschland von 200 Euro monatlich leben. Andy renoviert Häuser, und Haxe macht eigentlich alles: Landschaftsgärtner, Schlosser, Landmaschinenmechaniker und auf Boracay Tauchlehrer. Nebenbei ist er Spezialist für Kässpätzle.
Ein paar Stunden haben sie jetzt noch gemeinsam. Auf dem Teller liegen duftende Würstel. Sie wurden von Roland Sager, dem deutschen Metzger aus Manila geliefert. Der Sagerroland ist zudem Präsident des "FC Bayern Fan Clubs Manila". Das passt natürlich ganz gut. "Da muscht in Deutschland weit springen, dasst so a Qualität krigscht", sagt Haxe genießerisch. Die philippinische Küche, nun ja, bei aller Liebe, könne man eher "knicken": "Die essen gegrillte Hühnerkrallen."
Mittlerweile dudelt Markus mit seiner Fistelstimme "Ich geb Gas, ich will Spaß" aus dem Rekorder, und Haxe lobt die philippinische Mentalität. Auf dem 500-Peso-Schein stehe "Study now, pay later", und das komme seinem Lebensmotto "Live today and pay tomorrow" ja schon verdammt nahe.
Wenn er aber an die verbitterten Gesichter in Deutschland denke, sagt Haxe, bekäme er es manchmal richtiggehend mit der Angst zu tun. Aber besser als Klinsmann sei das allemal. Und wenn sie daran denken, dass es nun mit einem neuen Trainer in der neue Saison geht, haben sie wieder alle gute Laune im "Sundown" und prosten sich zu. Auf ein Neues. Schon bald, wenn die neue Saison beginnt, werden sie sich ja alle wiedersehen auf ihrer Trauminsel und vor dem Laptop sitzen und die Konferenzschaltung hören. Hoffentlich mit einem Tor in München. Während hinter ihnen die rote Sonne im Meer versinkt.
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