Von Thilo Thielke
Es ist Weißbierzeit in Phnom Penh. Bei Ulli Zdrzalek trudeln langsam die ersten Gäste ein. Über dem 65-jährigen Gastwirt flattert eine weiße Plane mit dem Kneipenlogo leicht in der Abendbrise, die jetzt vom Fluss Mekong herüberweht: "Edelweiss / Pizza - Gemüsesuppe - Kassler - Weißwurst - Leberkäse - Linsensuppe - Erbsensuppe."
Die Speisekarte zeigt: Gezahlt wird im "Edelweiss" wie vielerorts in Phnom Penh in Dollar, nicht in der einheimischen Währung Riel. Die Stammgäste kommen nicht nur aus Deutschland, sondern "auch aus Russland, Kanada, Belgien", sagt Ulli.
Kambodscha erwacht zum Leben. Seit einigen Jahren geht es schon aufwärts mit dem 14-Millionen-Einwohner-Land, das viele immer noch hauptsächlich mit dem Genozid der maoistischen Roten Khmer verbinden. Über zwei Millionen Touristen zieht es mittlerweile jährlich hierher. Dazu jede Menge Entwicklungshelfer - der Staatshaushalt des Landes wird immer noch zur Hälfte mit Hilfsgeldern gefüllt, allein für das Jahr 2009 wurden von der großzügigen Gebergemeinschaft 951 Millionen Dollar zugesagt. Und auch immer mehr Unternehmer wagen langsam das Abenteuer. In den vergangenen Jahren waren die Wachstumsraten der kambodschanischen Wirtschaft fast immer zweistellig.
Nicht schon wieder Reis
"Das ist doch was", meint "Edelweiss"-Ulli, "daraus muss sich doch was machen lassen." All die Helfer, Touristen, Geschäftsleute - wonach steht denen denn der Sinn, wenn sie wieder einmal viel zu lange fern der Heimat sind? "Denen kommt der Reis nach ein paar Wochen doch schon zum Halse raus", sagt Zdrzalek. Deutsche Touristinnen habe er schon weinen sehen, weil sie auf ihrem Trip nach Südostasien immer nur Reis serviert bekamen. Natürlich sehnten sich die Landsleute nach Hausmannskost wie Schweinegeschnetzeltem (10,50 Dollar), Fleischkäse mit Spiegelei und Kartoffelsalat (4,50 Dollar) oder Bockwurst mit Sauerkraut (vier Dollar).
Dann, endlich, packte er selber seine Siebensachen: "Ich wollte da leben, wo andere Urlaub machen." Sein erstes Ziel war Pattaya, die Bordell- und Bademeile in Thailand. Doch da wurde es ihm schnell zu laut und überfüllt, und außerdem gab schon jede Menge deutscher Broilerbuden, Grillstuben und Biertränken. Ein Jahr blieb er, dann zog er mit seiner Geschäftsidee weiter ins vergleichsweise beschauliche Kambodscha.
"Wir sind wegen der Frauen gekommen"
Warum aber ausgerechnet Kambodscha? Ulli, in ein violettes traditionelles Khmergewand gekleidet, runzelt die Stirn. "Warum? Warum?" Da schneit Jürgen rein, Jürgen Sokoll, er macht für eine Firma mit Sitz in Singapur Qualitätskontrolle in den Fabriken, die hier wie Pilze aus dem Boden schießen. Jürgen lebt schon seit 22 Jahren in Asien. Er bestellt ein Weißbier.
"Nach Kambodscha bin ich gekommen, weil man hier leichter eine Arbeitsgenehmigung bekommt", sagt Ulli nach reiflicher Überlegung. "In Thailand ist das doch mittlerweile fast unmöglich, da haben sie alle nur Touristenvisa und müssen alle paar Monate neu ein- und ausreisen."
"Quatsch. Wir sind alle nur wegen der Frauen gekommen", korrigiert ihn Jürgen. "Faktor Frau" nennt er das Phänomen. "Na ja, stimmt eigentlich", sagt Ulli. Er ist schließlich selbst mit einer Kambodschanerin verheiratet: Chantha. 1996 hatte er sie kennengelernt. Es wurde die große Liebe, ein Geben und Nehmen. Chantha führte Ulli in ihre Heimat, und Ulli zeigte Chantha, wie man Bratwurst macht und Weizenbier einschenkt.
Jetzt kochen die beiden gemeinsam, machen alles selbst: Sülze, Sauerkraut, Blutwurst. "Ohne Konservierungsstoffe", wie Ulli betont. Nebenbei beraten sie Touristen, wenn die nicht wissen, wo die nächste Apotheke ist oder ein Arzt. Schließlich wütet in Kambodscha die Malaria. "Ein hohes Risiko besteht in den meisten Landesteilen", warnt das Auswärtige Amt, extrem hoch sei die Gefahr im Norden und Westen.
Ein Gedicht an die Heimat
Die Inneneinrichtung des "Edelweiss" ist eher schlicht und rustikal. Weiß-rot karierte Tischdecken, viel Holz, an der Wand gesamtdeutscher Nippes: ein Wimpel vom KSC, Fremdenverkehrsposter vom Berchtesgadener Land, von Schloss Hohenschwangau, dem unvermeidlichen Schloss Neuschwanstein. Daneben die Wappen von Hessen und Nordrhein-Westfalen, ein Bild des Hermannsdenkmals: Arminius reckt sein Schwert gen Frankreich.
"Meine Heimat", sagt Ulli jetzt verträumt: "Westfalen-Lippe, Extertal, Bösingfeld." Seine innere Zerrissenheit zwischen der rauen Welt des Teutoburger Walds, in dem Ullis Ahnen einst die römischen Legionen zerknüppelten, und dem eher lieblichen Phnom Penh, hat er in einem Gedicht zum Ausdruck gebracht: "Wo das Meer zu Ende geht/ wo Hermann der Cherusker im Teutoburger Walde steht/ da wo meine Wiege stand/ ist das Fürstentum Lippe mein Heimatland/ aber zu Hause bin ich in Phnom Penh."
Warum aber nennt ein Ostwestfale sein Lokal ausgerechnet "Edelweiss"? Das hat wohl auch mit Marketing zu tun. Erst hieß der Laden "Glückliches Riverhaus", aber das kam nicht so gut an bei den Gästen. "Lukullus" wurde nach einer Weile ebenso verworfen wie "Café bei Chantha und Ulli". "Dann eben 'Edelweiss'", meinte Walter, ein Gast. "Dann eben 'Edelweiss'", fand jetzt auch Ulli, der sowieso ein Faible für die Berge hat, sich einen "westfälischen Bayern" nennt und deftiges Essen mag.
Draußen beginnt langsam der allabendliche Trubel. Auf Phnom Penhs Partymeile öffnen die Kneipen. Touristenströme ziehen palavernd vorbei. Vom legendären "Foreign Correspondents' Club", gleich nebenan, schallt Gelächter herüber. Tuk-Tuks hupen. Der Lärm mischt sich mit deutscher Volksmusik. Die Globalisierung ist in Kambodscha angekommen.
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