Von Stephan Orth
Es ist bezeichnend, dass das Lieblingsfoto von Steve House nicht Steve House zeigt, sondern seinen Kletterpartner. Denn House ist im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen in der Welt der Grenzgänger niemand, der sich durch die offensive Vermarktung seiner Leistungen in den Vordergrund drängt. Der laut Reinhold Messner derzeit beste Höhenbergsteiger der Welt ist ein unauffälliger Held, er hat bislang nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag.
Das Bild ist technisch kein Meisterwerk, es ist schwarzweiß, unscharf und hastig komponiert. Wo ein Wandkalenderfoto eindrucksvolle Bergpanoramen im Hintergrund zeigen würde, ist hier nur nebliger Dunst zu sehen. Doch dem Betrachter vermittelt der Schnappschuss weit mehr über Freud und Leid eines Achttausender-Erfolgs als die übliche Siegerpose mit erhobenem Eispickel, die in keinem Klettermagazin fehlen darf.
Überlebenskampf an der Eiswand
"Als ich dieses Ziel erreicht hatte, hatte ich auf einmal kein Ziel mehr", sagt House über den größten Triumph seiner Extremkletterer-Laufbahn, über die vielleicht unfassbarste alpine Leistung der vergangenen zehn Jahre. Im September 2005 waren House und Anderson die Ersten, die die Rupalwand am 8125 Meter hohen Nanga Parbat im Alpinstil erkletterten.
Die Stimme des 39-jährigen Amerikaners aus Oregon bricht, als ihn vor den etwa 200 Zuschauern seiner Diashow im italienischen Brixen für ein paar Sekunden die Erinnerung an den Erfolg und die Strapazen der 4500-Meter-Felsflanke überwältigt. Für einen Moment spiegeln sich in seinem scharf geschnittenen Gesicht mit den markanten Wangenknochen die Schmerzen wieder, die sechs Tage Überlebenskampf in frostiger Höhenluft an der eisigen Felswand mit sich brachten.
Beim Alpinstil geht es darum, ohne künstlichen Sauerstoff, ohne vorher verlegte Seile oder Leitern auf den Gipfel zu gelangen. Die meisten Achttausender-Pioniere der zwanziger bis siebziger Jahre, die mit Dutzenden Sherpas und riesigen Mengen Material unterwegs waren, hielten das für unmöglich. Erst der Österreicher Hermann Buhl und vor allem der Südtiroler Messner bewiesen, dass man die höchsten Berge der Welt auch mit minimaler Ausrüstung und ohne Lastträger besteigen kann.
Für Messners Erben ist der Alpinstil wie eine Religion. Der Berg soll so zurückgelassen werden, wie er aufgefunden wurde, keine Seile und kein Müll sollen liegenbleiben.
Realitätsschock in Pakistan
Steve House ist erst 19, als ihn im Juli 1990 ein slowenisches Expeditionsteam zum ersten Mal zum Nanga Parbat mitnimmt. Ihn schockiert die Selbstverständlichkeit, mit der die 20 Teilnehmer große Mengen Seile und Haken am Fels zurücklassen. Eine weitere Enttäuschung ist, dass er selbst nicht in Gipfelnähe kommt - seine Aufgabe besteht darin, schwere Rucksäcke von einem Höhenlager zum nächsten zu schleppen und sich dabei an vorher installierten Seilen nach oben zu ziehen. "Ich mochte diese Art des Kletterns nicht, da bekommt man überhaupt kein Gefühl für den Berg", erinnert sich House.
Diese erste Pakistanreise prägt nicht nur Houses Streben nach einem natürlichen Kletterstil. Damals beginnt auch eine persönliche Obsession mit dem Nanga Parbat, dem neunthöchsten Berg der Erde - und einem der schwierigsten Achttausender. House schreibt in sein Tagebuch: "Wenn ich eines Tages die Rupalwand besteigen kann, wäre das das Höchste. Ich kann mir kaum vorstellen, jemals so gut zu werden."
Die nächsten Jahre verbringt er damit, gut genug zu werden. Am Mount McKinley und weiteren Gipfeln der Alaskakette in Nordamerika verfeinert er seine Klettertechnik. Nach dem Bachelorabschluss in Geografie in seinem Heimatstaat Oregon verdient er sein Geld als Bergführer. An freien Tagen kraxelt House mit den Kollegen vom Alpinclub die schwierigsten Kletterrouten Alaskas und der Rocky Mountains hoch.
Tödliche Gefahren in Eis und Fels
"Damals habe ich gelernt, wie wichtig Beharrlichkeit ist", erzählt House und ballt seine Rechte zur Faust. Er hat riesige Hände und Unterarme, die nicht so recht zu seiner schmalen Gestalt passen wollen. Für die Steilwand "Emperor Face" am Mount Robson in Kanada braucht er sieben Versuche in insgesamt elf Jahren. Jedes Jahr verschiebt er seine eigenen Belastungsgrenzen, klettert höhere Schwierigkeitsgrade, wird in der Szene für seine Erstbegehungen gefeiert. Seine Seilpartner sind einige der besten Alpinisten Nordamerikas.
Mit extrem leichtem Gepäck schafft er im ewigen Tageslicht Alaskas Routen in 30 oder 40 schlaflosen Stunden, für die frühere Expeditionen eine Woche brauchten. "Single-Push Climbing" nennt er diese Disziplin, die den willensstärksten Alpinisten seiner Generation neue Temporekorde mit leichtem Gepäck ermöglicht.
Eine noch schwerere Belastung als die täglichen Herausforderungen am Berg werden für House zahlreiche tödliche Unfälle ehemaliger Mitstreiter. Professionelle Fels- und Eiskletterer haben in etwa die Lebenserwartung eines Bergwerkarbeiters im 19. Jahrhundert. Ein falscher Schritt, ein plötzlicher Steinschlag kann in Sekundenschnelle das Ende bedeuteten, dazu kommen die Gefahren durch Höhe und Kälte.
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Manchmal frage ich mich schon, ob solche "Kritiken" nötig sind, warum einfach ein Zitat hier reinschmeissen? Keiner muss den Artikel lesen, aber scheinbar gibt es Menschen mit einem Geltungsbedürfnis, die alles und [...] mehr...
Wie leer muss eine Seele sein, wenn es der höchsten Berge bedarf sie zu füllen? mehr...
Da gebe ich ihnen größtenteils recht. Mir geht es auch eigentlich eher darum zu sagen, ich kann mich auf den Everest hochkaufen und werde trotzdem nicht das erleben, was ein Mensch im Alleingang auf diesen Berg empfindet. [...] mehr...
Ich hasse es diesen Lemmingeeffekt, den viele Extreme in der Welt erzeugen, diese Massenbesteigen der Gipfel, Hauptsache rauf- egal wie, zu welchen Kosten auch immer. Dieses Tauchen in "Hotspots" und das Segeln auf [...] mehr...
Sehr interessanter Artikel. Vielen Dank. Schade, dass man dieses "Gefühlschaos" beim Bergsteigen als "normaler" Mensch wahrscheinlich niemals erleben kann mehr...
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