Mittwoch, 10. Februar 2010

Reise



Tunesien-Reisen

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
27.11.2009
 

Schafskämpfe in Tunesien

Kopf an Kopf

Von Simon Kremer

Foto: Simon Kremer

Sie werden isoliert, um aggressiver zu werden, und liefern sich auf dem Marktplatz heftige Duelle: Für Kämpfe abgerichtete Schafe locken beim Opferfest in Tunis viele Schaulustige an. Manchmal endet das umstrittene Traditionsspektakel tödlich.

Ein Poltern dringt aus den Ritzen der antiquierten Holztür, als Moiz al-Hakiri das eiserne Vorhängeschloss öffnet. Der scharfe Geruch von Urin und Schaf weht ihm entgegen. Voller Vorfreude lächelt er und klatscht in die Hände. Mahraga, der Bock, schaut zu ihm auf und trottet scheinbar verschüchtert in eine Ecke. Dann springt er plötzlich kraftvoll nach vorn und versucht, al-Hakiri in den Bauch zu stoßen. Nur ein paar Zentimeter vor dem Mann wird der Kopf des Hammels mit den gewundenen Hörnern von einem Seil nach hinten gerissen. "Das ist mein bester Boxer", freut sich al-Hakiri.

Al Missiabath, die Schafskämpfe, haben eine lange Tradition in Tunis, angefangen mit der Eroberung des Maghreb durch die ägyptischen Banu Hilal im 11. Jahrhundert. "Mein Vater hat schon solch ein Schaf gehalten, genau wie dessen Vater", sagt al-Hakiri. Der kräftig gebaute Mann mit dem Dreitagebart ist stolz, die Familientradition fortzusetzen.

Die Menschen in den einzelnen Vierteln feuern ihre Schafe oder die der Nachbarn an, als handele es sich um ein Fußballspiel. Nur noch wenige Tage bleiben bis zu Eid-al-Idha, dem islamischen Opferfest an diesem Wochenende, und in den Lärm des Souk mischt sich von Zeit zu Zeit das dumpfe Aufeinanderprallen der Tierschädel.

Umstrittenes Spektakel mit häufigen Verletzungen

Auf den Märkten in den Vororten drängen in diesen Tagen die Schäfer ihre Herden zusammen. Nahezu jede Familie schlachtet zu Eid-al-Idha ein Schaf. Die Kämpfe begleiten das Feilschen um die besten Tiere und erreichen während des Opferfestes ihren Höhepunkt. Früher wurden die Schafskämpfe zentral von einem Komitee organisiert. Doch das traditionelle Schauspiel ist wegen der häufigen Verletzungen der Tiere umstritten. Daher handeln die Halter seit drei Jahren eigenständig die Duelle auf den Märkten aus.

Mehr als 40 Kampfschafe werden allein in den Hinterhöfen von al-Hakiris Viertel Halfawin gehalten. "Wir halten sie isoliert von allen anderen Tieren, das macht sie aggressiver", sagt er, klatscht erneut in die Hände und schubst Mahraga, dessen Kopf dem hochgewachsenen jungen Mann bis zum Bauch reicht, um ihn erneut zu einem Angriff zu verleiten. Der Bock ist angeleint und kann den Kopf kaum heben. Er dreht sich kontinuierlich um das etwa 50 Zentimeter lange Seil. Er ist gerade drei Jahre alt geworden. "Genau das richtige Alter", sagt der Besitzer. "Die Schafe müssen sechs Zähne vorn im Maul haben, sonst sind sie zu jung und dürfen nicht an den Kämpfen teilnehmen."

Die Kämpfe sind ein Hobby der Mittel- und der aufstrebenden Tuniser Arbeiterschicht. Ärzte, Rechtsanwälte und Ladenbesitzer treffen sich auf den Märkten, um sich untereinander zu messen - und um zu zeigen, dass sie sich dieses teure Hobby leisten können. Knapp 1500 Euro kostet solch ein Bock, deutlich mehr als ein normales Opferschaf, das für rund 200 Euro zu haben ist. Häufig legt eine gesamte Nachbarschaft zusammen, um ein Tier zu halten.

Gutes Essen, Lärm und Psychoterror

"Das Schaf ist wie ein Mitglied der Familie", sagt al-Hakiri. "Ich füttere es regelmäßig, dreimal am Tag." Es bekommt dann eine Mischung aus Getreide, Gemüse und ab und zu eine Banane. Zum Training führt Hakiri sein Schaf an der Leine durch die Stadt. "Das gibt ordentlich Kraft für die Beine." Das Training besteht somit aus gutem Essen, Spaziergängen und einer täglichen Dosis Psychoterror: Lärm, Dunkelheit und Isolation.

Mahraga steht in einer der kleinen Boxen, auf dessen Rand sich zahlreiche Flaschen mit Wodka und anderem Hochprozentigem aneinanderreihen. Daneben liegt eine Spritze und ein hochdosiertes Schmerzmittel mit Blutverdünner. "Er ist krank", sagt al-Hakiri schnell, "und die Flaschen sind nur zur Dekoration." Er möchte nicht den Eindruck erwecken, dass seine Schafe gedopt werden. Am Rande der Kämpfe auf dem Marktplatz hört man später einige der Zuschauer über solche Unsitten diskutieren. Darüber, dass mit allerlei Mittelchen aufgeputschte Böcke den entscheidenden Stoß länger auf den Beinen stehen bleiben als ihr Gegner.

Am Tag des großen Kampfes steht al-Hakiri früh morgens auf, schneidet Mahragas Fell kunstvoll zurecht und legt ihm ein buntes Geschirr um den Hals, an dem er ihn auf den Marktplatz führt. "Die Kämpfe enden, wenn eines der Schafe zu Boden geht oder wegläuft", sagt al-Hakiri.

Zusammenprall im Ring

In den Vierteln um die Tuniser Altstadt sind große Flächen bereits von Schafherden besetzt. Die Hirten kommen aus den umliegenden Dörfern, um ihre Tiere zum Opferfest anzubieten. Zwischen den Herden ragen immer wieder die spitzen, geschwungenen Hörner der Kampfschafe hervor.

"Combat", ruft plötzlich ein junger Mann mit Baseballmütze und bahnt sich seinen Weg durch den Menschenpulk auf dem Platz. Das Knistern von aufgewühltem Kies wird lauter. Zwei Hammel belauern und umkreisen sich, bleiben dann voreinander stehen. Den Besitzern, die sich Ablenkung, Anerkennung und neue Kunden von den Kämpfen erhoffen, gehen die Tiere nicht schnell genug ans Werk.

Die Menge hat einen Kreis gebildet, klatscht und schreit durcheinander. Ein Mann stürmt in den Ring und stößt den Kopf eines Schafes gegen den des Kontrahenten, der direkt zurückboxt. Sie schlagen mit den Füßen nacheinander, dann lösen sie sich voneinander.

Ein aufgeregtes Raunen der Schaulustigen ist zu hören, als die Tiere rückwärts gehen, sich dabei aufmerksam beäugen - und dann plötzlich aufeinander losstürmen und mit den Köpfen zusammenprallen. Kurz danach stehen sie sich noch einen Moment gegenüber, bis einer der Hammel versucht, durch die Menge zu flüchten. Die Umstehenden lachen über die Feigheit des Unterlegenen, der Besitzer packt sein Schaf und zieht enttäuscht davon.

"Wenn Du gewinnst, gibt es anschließend Kuchen und eine große Feier", sagt al-Hakiri. Auch, wenn das unterlegene Tier an seinen Verletzungen stirbt, was immer mal wieder vorkommt. Selbst dann werden die Kampfschafe nicht geschlachtet. "Sie erfüllen nicht die religiösen Vorschriften", sagt al-Hakiri. "Sie sind zu groß oder zu alt - und wenn sie bereits tot sind, dürfen wir sie auch nicht mehr essen, weil sie nicht halal sind."

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Hintergründe, Artikel, Fakten

finden Sie auf den Themenseiten zu...


SATELLITENFOTO- QUIZ

NASA
Strandparadiese, Naturwunder, Bergketten - die schönsten Ferienziele der Welt wirken aus dem All noch phantastischer. Die Nasa hat Tausende Traum-Urlaubsziele fotografiert. Vielleicht auch Ihres: Testen Sie, ob Sie's wiedererkennen!!









Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern