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16.12.2009
 

Kanadisches Skigebiet Revelstoke

Zum Après Ski in die Idiotenbar

Heliskiing auf Champagnerschnee, enorme Höhenunterschiede, 52 Pisten: Mit Millioneninvestitionen will das kanadische Skigebiet Revelstoke zu den berühmten Regionen Whistler und Aspen aufschließen. Wenn es um originelle Bar- und Pistennamen geht, liegt es schon jetzt ganz vorne.


Revelstoke - Aspen, Vail und Whistler: Diese Orte fallen vielen Skiläufern sofort ein, wenn über Wintersport in Nordamerika gesprochen wird. Geht die Entwicklung so weiter wie zuletzt, dann könnte aus dem amerikanisch-kanadischen Trio aber bald ein Quartett werden: Revelstoke in der kanadischen Provinz British Columbia bläst zum Angriff auf die "Big Three". Mit einem Hunderte Millionen Euro teuren Tourismusprojekt sieht sich der bei Tiefschnee-Fans beliebte Ort auf dem Weg zum Skiresort der Superlative.

"Drei in eins" lautet das Motto im Südosten British Columbias. Denn in Revelstoke finden Urlauber Angebote aus den Bereichen Heliski und Catski - und seit einiger Zeit auch ein normales Skigebiet. Es bietet die nordamerikanische Rekord-Höhendifferenz von 1713 Metern.

"Damit hat Revelstoke jetzt einfach alles", sagt die Kanada-Expertin Pia Stumböck. Ihr verstorbener Vater Peter war einer der europäischen Ski-Pioniere in dem Eisenbahn-Städtchen am Columbia River. Zusammen mit dem Schweizer Peter Schlunegger und einer Handvoll weiterer Skiverrückter erkannte Peter Stumböck früh das Potenzial des 8000-Einwohner-Städtchens am Fuße des Rogers-Passes. "Was aber in den letzten Jahren in Revelstoke entstanden ist, hätte sich nicht mal mein Vater erträumt", gibt Pia Stumböck zu.

Panoramablick vom Mount Mackenzie

Revelstoke Mountain Resort, abgekürzt RMR, heißt das Ende 2007 eröffnete Skigebiet an den Westhängen des Mount Mackenzie am Ortsrand. Eine Achter-Gondel bringt die Wintersportler bis knapp unter den 2460 Meter hohen Gipfel, der einen Panoramablick über das breite Columbia-Flusstal, die Selkirk-Berge und Revelstoke selbst bietet. 52 Pisten schlängeln sich den Berg hinab. Die mit 15,2 Kilometern längste Abfahrt ist anfängertauglich, die meisten aber sind eher etwas für versierte Skifahrer - zum Beispiel die gleich unter der Gondel mit Buckeln überzogene "Kill the Banker"-Piste.

"Den Namen trug sie schon vor der großen Finanzkrise", versichert Skilehrer Jenson. Dann aber räumt er ein, dass sie in Revelstoke so manchen Finanz-Hasardeur tatsächlich am liebsten umgebracht hätten.

Denn beinahe hätte der Finanz-Crash das Skiprojekt in den Abgrund gerissen. Der Immobilienverkauf geriet ins Stocken und einer der Großinvestoren in Schwierigkeiten. Erst als mit Northland Properties Corporation ein großer Hotel- und Restaurantkonzern aus Vancouver die Aktienmehrheit übernahm, kam das Projekt wieder in Fahrt.

Und zwar sehr zur Freude der Ski-Fans: An Neuschneetagen können die Einheimischen gar nicht schnell genug in den von Felsen, Bäumen und Schluchten durchzogenen Kessel "North Bowl" kommen. Die sonst hier peinlich genau eingehaltenen Tempolimits auf der Zufahrtsstraße werden dann konsequent missachtet. An solchen Tagen "füllt sich unsere Stadtkasse, weil die Polizei dann hier immer ihre Radarfalle aufbaut", erzählt Collin, der in Revelstoke lebt und selbst gerne als Freerider ins Gelände geht.

Auf ein Bier in die Dorfidioten-Bar

Neuschnee ist aber das einzige, was die Kanadier ihrer fast schon sprichwörtlichen Gelassenheit berauben kann. Mittags beim Barbecue auf der Terrasse der "Daylodge" geht es dann schon wieder entspannt zu. Auch beim Après-Ski herrscht entspannte Atmosphäre statt Alpen-Halligalli: Erst trifft man sich zum Beispiel auf einen Kaffee mit deutschen Stollen im "Modern Bakeshop & Café", dann zum Bier in der angesagtesten Kneipe "The Village Idiot Bar & Grill".

Langsam etabliert sich auch die "Nelson Lodge" direkt an der 500 Meter hoch gelegenen Talstation als Après-Ski-Ort. Komplett fertig ist der Komplex mit Restaurants, Appartements und Hotels aber immer noch nicht. In drei Stufen soll RMR in den kommenden Jahren auf dann 20 Lifte, mehr als 100 Abfahrten, mehrere Appartementhäuser, Villen mit eigenem Helikopter-Landeplatz und Restaurants ausgebaut werden. Dann dürfte das wilde Freerider-Nest zwischen den Olympiastädten Vancouver (2010) und Calgary (1988) auch familientauglich sein.

Bei Tiefschnee-Freaks genießt es schon heute einen guten Ruf, was bei bis zu 18 Metern Schnee pro Jahr nicht verwundert. Das "weiße Gold" rieselt in Massen und in den Höhenlagen auch wunderbar trocken vom Himmel. "Champagne Powder" nennen die Einheimischen ihren Pulverschnee und die Straße nach Revelstoke "Powder Highway".

"Der Schnee und das Gelände machen Revelstoke zu einem der besten Heliski-Gebiete der Welt", schwärmt Bergführer Paul aus der Schweiz, der gerade als Heliski-Guide eine Gruppe von Tiefschneefans in den Selkirk- und Monashee-Mountains führt. Hat der Hubschrauber die Skifahrer abgesetzt und wieder abgedreht, herrscht auf 3000 Metern in der kanadischen Wildnis plötzlich Totenstille.

Von den Rotorblättern aufgewirbelte Schneekristalle flirren wie in einer riesigen Schneekugel umher. Fernab der Zivilisation wirken die Bergmassive überwältigend, und das gemeinsame Abenteuer reißt die Teilnehmer mit. Wie ausgelassene Pennäler auf einem Schulausflug klatschen sich gestandene Männer immer wieder ab.

Lawinenrucksack als Lebensretter

Damit aus dem Traum kein Alptraum wird, werden Piloten und Führer viele Jahre lang ausgebildet. "Sicherheit geht immer vor", betont Andy. Der wortkarge Typ mit Minimal-Mimik sieht aus wie der Marlon Brando der Rocky Mountains und ist einer der erfahrensten Guides in Revelstoke. Lawinen kann aber auch er nie ganz ausschließen, weshalb ein ABS-Lawinenrucksack für jeden zur Grundausstattung gehören sollte. Das Airbag-System kann im Ernstfall verhindern, dass ein Skifahrer unter der Lawine begraben wird und ihm damit das Leben retten.

Neben der Sicherheitsausstattung muss auch das Wetter stimmen. Bevor das normale Skigebiet eröffnet wurde, blieb an den wenigen Tagen, an denen die Helikopter nicht fliegen konnten, nur Catski: Fast bei jedem Wind und Wetter transportieren die Pistenraupen Skifahrer und Snowboarder hinauf zu unberührten Hängen.

Beides aber hat seinen Preis: 420 kanadische Dollar (umgerechnet rund 270 Euro) kostet ein Catski-Tag. Ein Heliski-Tagestrip schlägt sogar mit 750 kanadischen Dollar (480 Euro) zu Buche. Die Pakete der Reiseveranstalter sind zwar günstiger. Eine ganze Woche Cat- oder Heliski-Urlaub können sich dennoch nur die wenigsten leisten. Und auch die eigenen Kräfte setzen Grenzen: Die breiten Tiefschneeski und der "Champagne Powder" ermöglichen zwar auch mittelmäßigen Skifahrern Tiefschneeabfahrten - irgendwann aber streiken die Oberschenkel.

Ein lockerer Tag auf der Piste ist deshalb eine gute Ergänzung zum Tiefschneefahren. Das Skigebiet hat Revelstoke komplettiert - seit der gerade begonnenen Saison 2009/10 können die Gäste gleich von der Talstation mit den Liften, dem Heli oder der Pisteraupe starten.

Bernhard Krieger, dpa

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