ThemaAsien-ReisenRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
25.01.2010
 

Himalaja-Staat Bhutan

Auf der Suche nach dem Bruttonationalglück

Von Elian Ehrenreich

Krise ist kein Thema im Königreich Bhutan. Hier geht es nicht um Jagd nach mehr Effizienz, höherer Produktivität, höherem Profit, sondern darum, eine "Glücksformel" für die Untertanen zu finden. Dazu trägt auch ein deutscher Wissenschaftler bei.


Yeshey Dorji sitzt auf dem Wochenmarkt der Kleinstadt Paro im Westen Bhutans, wie jeden Sonntag. Der 59-Jährige aus dem Dorf Woochu genießt die Sonne, die sich soeben durch die Wolken kämpft und die Kühle des Morgens in diesem Hochlandtal vertreibt. Er trägt die Gho, das bhutanische Nationalgewand: ein knielanges, längs gestreiftes Kleid, das ein wenig an einen Bademantel erinnert und in der Mitte mit einem Gürtel gehalten wird.

Die Bauern der näheren Umgebung verkaufen auf dem Markt die ersten Chili-Schoten des Jahres aus eigener Ernte, die mit Käse zubereitet und mit roten Hochlandreis serviert das Nationalgericht Emadatse ergeben. Die letzte Monate waren nur die wenig beliebten Schoten aus Indien im Angebot, die sind zwar schärfer, haben aber weniger Geschmack. Außerdem gibt es grünen Spargel, Pilze, Tomaten, Kartoffeln, Blumenkohl, wilden Gemüse-Farn und vieles mehr zu kaufen.

Herr Dorji hat Macheten ähnliche Messer im Angebot, die er in akribischer Handarbeit gefertigt hat. Was bedeutet Glück für ihn? Am vergangenen Sonntag, erinnert er sich, war er besonders glücklich, als er neun Messer verkauft hatte, das Stück für umgerechnet zwölf Euro. Heute habe er erst zwei Messer verkauft, sei aber dennoch glücklich, weil die Sonne scheint und er viel Zeit hat, mit seinem Freund Sonam zu plaudern.

Bruttonationalglück als Maxime

800.000 Einwohner verlieren sich in dem Land von der Größe der Schweiz. Die Menschen sind arm, viele sind Selbstversorger und leben von dem, was auf ihren Feldern wächst. Dennoch spricht in Bhutan derzeit niemand von Krise, denn zum einen liegt das Land im toten Winkel der globalen Waren- und Finanzströme. Und zum anderen ist das allgemeine Glück der Untertanen - und das ist weltweit einzigartig - seit über drei Jahrzehnten ganz offiziell höchstes Ziel der königlichen Regentschaft von Bhutan.

Nicht statistischen Größen wie dem Bruttoinlandsprodukt sei man politisch verpflichtet, äußerte Bhutans damaliger König Jigme Singye Wangchuck 1974 in einem Interview mit der "Times" eher beiläufig, sondern dem "Gross National Happiness", zu Deutsch "Bruttonationalglück". Was für europäische Ohren ein wenig nach Pekingoper klingt, nach verordnetem kollektiven Frohsinn, war ursprünglich als buddhistische Anti-These zu der in der westlichen Welt vorherrschenden Jagd nach mehr Effizienz, höherer Produktivität, höherem Profit gedacht.

Im Zentrum der Politik soll das Glück des Einzelnen stehen, das sich nicht materiell definieren lässt. So muss sich jede öffentliche Investition, jede politische Gesetzesänderung daran messen lassen, ob sie tatsächlich dem Allgemeinwohl dient - und nicht einem abstrusen Wachstumsmantra. Und um das herauszufinden berief die Regierung eine Kommission, die am Forschungsinstitut "Centre for Bhutan Studies" in der Hauptstadt Thimphu nach der "Glücksformel" forscht. Unter Führung des heutigen, erst 29-jährigen Königs Jigme Khesar Namgyel Wangchuck wurde die Kommission jüngst sogar in den Stand eines Superministeriums erhoben.

Während Herr Dorji mit dem gleichaltrigen Sonam kichernd die neuesten Gerüchte austauscht, kaut er Doma, die Volksdroge, die seine Zähne blutrot färbt und vor allem aus Betelnuss besteht. Das Kauen der bitteren Palmenfrüchte, die mit einer weißen Kalkpaste bestrichen und einem grünen Blatt, Betelpfeffer genannt, umwickelt werden, ist in Bhutan eine alte Tradition und geht auf Guru Rinpoche zurück. Als er im 8. Jahrhundert dem Land den Buddhismus schenkte, wollte er mit der Verbreitung der Betelnusskauerei die archaische Praxis verdrängen, getötete Feinde zu verspeisen. "Würde wir nicht Betelnüsse kauen, dann wären wir wahrscheinlich heute noch Menschenfresser", sagt Herr Dorji. Er sieht zufrieden aus.

Entwicklungshilfe für Europa

Wie misst man die Zufriedenheit eines Volkes - zählt man, wie oft die Menschen fluchen, lachen, weinen? In Bhutan geht man streng demoskopisch vor. Mit einer detaillierten Erhebung auf Grundlage von 290 Fragen wird die Gemütslage des Volkes permanent ergründet. Mitarbeiter des "Centre for Bhutan Studies" gehen damit von Haus zu Haus. Antworten zu erhalten ist gar nicht so einfach, denn die Menschen des Landes sind sehr zurückhaltend.

Der deutsche Doktorand Tobias Pfaff war vor Ort dabei, hat die Kriterien des Glücks erforscht und bei der Überarbeitung des Fragenkatalogs geholfen. Die Auswertung soll Aufschluss darüber geben, wie Glück erzeugt und weiterentwickelt werden kann. Die Monate im Himalaja verstand er durchaus als Entwicklungshilfe - für Europa, um sich von alten Irrtümern zu befreien. Dem Irrtum zum Beispiel, dass Glück stets etwas mit Geld, Wohlstand, materiellem Zugewinn zu tun hat.

"Es ist in Deutschland vielfach so, dass Glück dadurch definiert wird, bei Günther Jauch zu sitzen und die Million zu gewinnen", so der 29-jährige Wissenschaftler von der Uni Münster. "Der Drang nach mehr, die Angst vor Verlust oder Verringerung des Vermögens verdrängt weitgehend jedes Sichzufriedengeben als eine der wichtigsten Voraussetzungen für Glück im wirklich menschlichen Sinne", meint der ehemalige Botschafter Harald Nestroy. Der Diplomat hat den Verein "Pro Bhutan" gegründet, die sich um Gesundheit und Erziehung bemüht, und ist in Bhutan ein häufiger Gast. Empfinden wir also so selten ein Gefühl des Glücks, weil wir dem falschen Begriff nacheifern? Nestroy: "Im Buddhismus wird Glück als Zustand innerer Ausgeglichenheit definiert".

Glück ist harte Arbeit

Doch auch in Bhutan muss manch einer zu seinem Glück gezwungen werden. Im schattigen Innenhof der Klosterfestung Rinpung Dzong in Paro sitzt der 15-jährige Tandin und verkauft Glücksamulette an Besucher. Ganz nebenbei studiert er Mantras, buddhistische Formeln, die er vor sich hinmurmelt. Noch vor vier Tagen war es sein größtes Glück, mit den Freunden im Heimatdorf fern in Zentralbhutan Fußball zu spielen. Sein Idol hieß Cristiano Ronaldo und stürmt für Real Madrid.

Doch seine Eltern haben entschieden, ihn in ein Kloster zu schicken, damit er ein Mönch wird. Jetzt lebt der Teenager im Dzong, wie die Klosterburgen heißen, die es in jeder Stadt gibt. Er trägt das rote Gewand der Mönche und lernt Mantras auswendig. Seine Eltern sieht er wahrscheinlich erst Mitte nächsten Jahres wieder. Er weiht sein Leben der Lehre Buddhas. Wirklich glücklich wirkt Tandin noch nicht. Sein Tag beginnt um drei Uhr morgens mit Gebeten und Prostrationen, was bedeutet, sich im Gebet auf dem Boden liegend dem Erleuchteten völlig hinzugeben. Er hat es schwer, denn die älteren Novizen ärgern ihn oft und lassen ihn die unbeliebten Arbeiten verrichten.

"Glück ist für mich, wenn ich eines Tages mein eigener Lehrer bin", versichert er. Und es scheint doch, als habe Cristiano Ronaldo hier im Himalaja einen Fan verloren.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 14 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
26.01.2010 von chilip: Noch ein Literatur-Tipp...

im Zusammenhang mit den ethnischen Säuberungen wäre: "Ethnic cleansing and political repression in Bhutan. The other side of the Shangri-La. An account of a prisoner conscience [...] mehr...

25.01.2010 von tobiaft: Literaturhinweise

Ansonsten empfehle ich zum Thema folgende Artikel: http://www.nytimes.com/2009/05/07/world/asia/07bhutan.html http://www.economist.com/printedition/displayStory.cfm?Story_ID=3445119 (kostenpflichtig) [...] mehr...

25.01.2010 von DeGe_Richter: Glück =/= Glück oder des einen Freud ist des anderen Leid

Sicher, das 'Glück' wahren religiösen Fanatismus' ist mit nichts vergleichbar ausser einem Drogenrausch. Immerhin werden dabei dieselben Hirnareale aktiviert. Und wer wenig hat, kann auch wenig verlieren. Ob das nun dazu führt [...] mehr...

25.01.2010 von Volker Hauck: Unglueck in Bhutan

Schade, dass der Autor in diesem Artikel wieder das klischeehafte Bild des „Shangri-la-Landes“ bedient und nichts ueber das Unglueck der ca. 80,000 Bhutaner mit nepalesischem Ursprung berichtet, die zum Teil bereits schon seit [...] mehr...

25.01.2010 von Achim Detjen: Ach was.....

.... so etwas stört doch die esoterischen Freigeister und Gutmenschen aus dem "Westen" nicht, die in solchen Ländern ihre Zivilisationsmüdigkeit kurieren wollen --- wohlbehütet mit einem Rückflugticket und dem Pass der [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Fernweh
alles zum Thema Asien-Reisen

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Urlaub in Bhutan

Zeitunterschied: plus fünf Stunden
Vorwahl: +975
Währung:1 Ngultrum = 100 Chhetrum (1 Euro = 67 Ngultrum)
Bezahlen mit EC- oder Kreditkarte nicht möglich. Bargeld kann auf dem Flughafen oder in den großen Hotels getauscht werden (auch Euro)
Shoppen: Beliebte Mitbringsel sind Handarbeiten (Masken, Buddha-Figuren), die zumeist von hoher Qualität sind, außerdem traditionelle Textilien, bhutanischer Whisky oder Tee.


Asien -Quiz

Getty Images
Kontinent der Superlative: Hier sind die Berge am höchsten, die Riesenräder am größten und die Menschen am ältesten. Wie genau kennen Sie sich aus in der Welt der asiatischen Rekorde? Finden Sie es heraus im Reisequiz! !

Reiseziele

Welche Weltregion interessiert Sie? Wählen Sie einen Kontinent oder ein Land:

Der benötigte Flash Player 8 wurde nicht gefunden. mehr...





TOP



TOP