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18.02.2010
 

Urlaub in Nordkorea

Hammer, Sichel, Badetuch

Badeurlaub in Nordkorea? Schwimmen, sonnen, sich frei fühlen im unfreiesten Land der Welt? "Mare"-Autor Jan Keith ist in Kim Jong Ils Reich gereist - auf der Suche nach der Strandidylle hinterm Todesstreifen.


Wenn Du nach Nordkorea reist, wird nichts so sein, wie du es von anderen Reisen kennst. Du willst alleine spazieren gehen? Verboten. Du willst in eine Bar? Gibt es nicht. Du willst mit einem Einheimischen sprechen? Keine Chance. Du liegst abends in deinem verwanzten Hotelzimmer und fühlst dich einsam.

Warum also nach Nordkorea fahren?

Weil du neugierig bist. Du willst sie sehen, die Menschen dort, wie sie leben, so abgeschottet vom Rest der Welt, ohne Handys, ohne Internet, ohne freie Medien. Unterdrückt von Diktator Kim Jong Il und seinem autoritären Staatsapparat.

Du hörst von Arbeitslagern, von Folter und vom Geheimdienst, der über die Menschen wacht. Und doch bist du dir sicher, dass es sie gibt, die kleinen Refugien, Zufluchtsstätten, wo sich die Bewohner der Kontrolle des Staates entziehen und so etwas wie Glück empfinden.

Ich stelle mir vor, dieses Glück am Meer zu finden. Hier sind die Grenzen verwässert, unsichtbar, hier hört das Müssen auf, und das Wollen beginnt. Ein Ort der Sehnsucht. Ich male mir einen Badeort aus, mit schönem Strand, Menschen, die vergnügt im Meer schwimmen und in der Sonne dösen. In meiner Fantasie gibt es Straßencafés, schlendernde Pärchen, lachende Kinder, Bikinimädchen, Beachvolleyball, Sandburgen, Luftmatratzen. Ich frage mich: Tragen Nordkoreaner Flip-Flops? Benutzen sie Sonnencreme? Lieben sie Softeis?

Ferien in Kims Reich

Badeurlaub in Nordkorea, geht das? Oder geht das nicht? Ich will es wissen. Doch diese Reise soll keine journalistische Reise sein. Ich will nicht als Reporter auftreten und offizielle Interviews mit Kims Marionetten führen. Ich will auch nicht verdeckt recherchieren, um schlimme Machenschaften aufzudecken. Nein, ich führe ein privates Experiment durch. Ich mache Ferien in Kims Reich, eine Woche lang.

Der Zug nach Pjöngjang rattert durch das nächtliche China. In der Dunkelheit meines Abteils erkenne ich zwei schlafende Gestalten. Es stinkt nach Knoblauch und kaltem Zigarettenrauch. Die Klimaanlage ist defekt, und das Fenster lässt sich nicht öffnen. Trotzdem schlafe ich gut, weil ich so erschöpft bin vom langen Flug. Ich wache erst auf, als der Schaffner lautstark ruft: "Dandong, Passport!" Dandong, das ist die letzte Stadt auf chinesischem Boden. Sie wirbt mit dem Slogan "Schönste Grenzstadt Chinas". Die beiden Männer, mit denen ich letzte Nacht die Kabine geteilt habe, sind nicht mehr da. Jetzt bin ich allein.

Von Dandong geht es über den Jalu-Fluss, der die Grenze zwischen China und Nordkorea markiert. Wir passieren ein heruntergekommenes Fabrikgelände und Soldaten mit Maschinengewehren. Es sind nur wenige Minuten bis zum Grenzbahnhof Sinuiju. Der Zug hält. Mein Atem erscheint mir plötzlich trügerisch laut. Meine Handflächen sind feucht. Ich habe Angst.

Jede Buchseite wird geprüft

Was ist, wenn die Grenzer mir nicht glauben, dass ich einfach nur einen Badeurlaub will? Ich denke an die beiden US-Journalistinnen, die vergangenes Jahr geschnappt wurden. Zwölf Jahre Arbeitslager haben sie bekommen. Und wer weiß, was passiert wäre, wenn Bill Clinton sie nicht rausgeholt hätte?

Etwa zehn nordkoreanische Grenzbeamte steigen ein. Sie tun streng und sehen auch so aus: Sie tragen Uniformen und Waffen, aber die Wörter "Germany" und "Tourist" scheinen eine positive Wirkung auf sie zu haben. Manche lächeln sogar, als sie erfahren, woher ich komme. Ich fülle mehrere Formulare aus und gebe meinen Pass ab. Jemand misst meine Temperatur. Ein anderer tastet mit einem Metalldetektor meinen Körper ab. Ein Dritter durchsucht mein Gepäck, blättert in meinen Büchern, Seite für Seite. Und er schaut sich jedes einzelne Foto an, das sich in meiner Digitalkamera befindet.

Drei Stunden Wartezeit. Drei quälende Stunden, in denen ich fest damit rechne, entlarvt zu werden. Werden sie mich nach Hause schicken? Oder gar festnehmen? Im Visumsformular habe ich zwar als Beruf Musiker angegeben. Aber einmal googeln würde reichen, und sie wüssten, dass ich Journalist bin. Dann, endlich, wird mir kommentarlos mein Pass überreicht, darin der Einreisestempel. Ein Pfiff, ein Ruck, und der Zug setzt sich in Bewegung. Ich bin drin. Ich bin in Nordkorea. Ich fühle mich erleichtert und auch ein bisschen heldenhaft.

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insgesamt 48 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
21.03.2010 von Christian_Spang: Ein sehr lesenswerter Artikel

rimager, wenn dann könnten sich Touristen schämen die regelmäßig Ballermann-Urlaub machen und nichts vom Leid mancher Menschen wissen wollen. Der Autor hat sich bewusst den Strand von Nordkorea ausgesucht GERADE weil es den [...] mehr...

07.03.2010 von rimager: Schamlos

Wer nach Nordkorea auf Suche nach Strandidyllye reist, sollte sich schaemen. Von allen Straenden in allen freien Laendern der Welt - musste die Autorin ausgerechnet in ein Land reisen, in dem Dissidenten ermordet und gequaelt [...] mehr...

20.02.2010 von toledo: Wer sich in Unrechtssystemen

Wer sich in Unrechtssystemen bequem 'einrichtet' ist sicherlich kein schlechter Mensch. Vielleicht eine charakterliche Schwäche, die verständlich ist. Wer jedoch solchen System in den verschiedenen Unterdrückungsorganisationen [...] mehr...

19.02.2010 von PeteLustig: Titel

Dank dieser berufsmäßigen Datenschutzparanoiker sowie Pseudobürgerrechtler haben wir in einigen Jahrzehnten "ähnliche Zustände" wie in Süd-Afrika oder Ciudad Juárez. Vielleicht wandere ich dann aus nach N-Korea. [...] mehr...

19.02.2010 von Toddl: Dokumentation "Friends of Kim"

Wer sich ein weiteres Bild von Nordkorea machen will, sollte sich vielleicht die Dokumentation "Friends of Kim" ansehen. http://www.micromovies.nl/?p=films&film=3 Dort besucht eine 22-köpfige Abordnung der KFA [...] mehr...

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Die Zeitschrift der Meere
Heft No.78, Februar/März 2010

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