Aus Bangkok berichtet Michael Lenz
Bangkok - Auf dem Nachtmarkt in Patpong herrscht gespenstische Stille. Die Go-Go-Girls und Go-Go-Boys tanzen in den Bars von Bangkoks legendärem Rotlichtviertel vor leeren Sitzen. Ungewohnt ruhig ist auch in der Soi 4 und der Soi 2, jenen Seitengassen der Silom-Straße, in denen Bangkoks Schwulenszene zu Hause ist.
Der Grund ist einfach: Seit vor knapp zwei Wochen fünf Granaten auf der Silom explodierten und es Tote und Verletzte gab, ist Schluss mit lustig. Wenn es dunkel wird, verwandelt sich die Silom seither jeden Abend in ein Heerlager. Schwer bewaffnete Polizisten und Soldaten sichern die Straße, sind mit ihren Gewehren an den Zugängen zu Patpong postiert. Stacheldraht macht das Flanieren auf den Bürgersteigen fast unmöglich, die Verkaufsstände sind Absperrgittern gewichen.
Seit fünf Wochen schon ist das nördliche Ende der Silom-Straße das Grenzgebiet zu dem Bangkok der "Rothemden". So wird die Protestbewegung der Anhänger des im September 2006 durch einen Militärputsch gestürzten Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra genannt, weil die Mitglieder als Erkennungszeichen rote T-Shirts tragen. Hinter Barrikaden aus Stacheldraht, Autoreifen und Bambusstöcken haben die Rothemden Bangkoks Geschäfts- und Einkaufsviertel besetzt. Nichts geht mehr im "roten Viertel".
Die großen Shopping-Malls wie Siam Paragon, Central World oder Gaysorn Plaza mit ihren Edelboutiquen thailändischer Modedesigner sind ebenso geschlossen wie die Fünf-Sterne-Hotels Grand Hyatt Erawan, Four Seasons oder das Peninsula Plaza. In der Umgebung der auf 2,3 Kilometer Länge aufgebauten roten Zeltstadt mit Satellitenverbindungen, Toiletten, Duschen, Strom, Garküchen, Erste-Hilfe-Stationen und Zelttempeln sind - wie auf der Silom-Straße - Truppen stationiert. Das Zentrum Bangkoks ist in einem Belagerungszustand.
Dutzende Länder warnen vor Bangkok-Reisen
Dem Thailand-Tourismus, der sich gerade erst langsam von dem Tiefschlag der Flughafenbesetzung im November 2008 durch die "Gelbhemden", die Gegner der Rothemden, erholt, ist erneut auf Talfahrt. Mehr als 40 Länder warnen mittlerweile ihre Bürger vor Reisen nach Thailand. Im April ist die Zahl der Ankünfte ausländischer Besucher an Bangkoks internationalem Flughafen im Vergleich zum April 2008, dem letzten normalen Frühjahr vor der Flughafenbesetzung, um 21 Prozent zurückgegangen.
Thailands Fremdenverkehrsamt schaut dem neuerlichen schweren Imageschaden machtlos zu. In Hoffnung auf ein baldiges Ende des Konflikts wird bereits an PR-Aktionen gearbeitet, um den Schaden zu begrenzen. Experten schätzen jedoch, dass es zwei Jahre dauern wird, bis Thailands Ruf als freundliches Land des Lächelns wiederhergestellt ist.
Leidtragende des Politdramas sind vor allem kleine Unternehmer und Gewerbetreibende. Viele der Verkaufsstände auf dem Nachtmarkt in der Silom-Straße machen erst gar nicht mehr auf. Die anderen bauen jetzt schon abends gegen 23 Uhr frustriert ihre Stände mit T-Shirts, falschen Rolexuhren und DVDs mit Hollywoodfilmen wieder ab. Es gibt keine Kunden.
Auch die Bars leiden unter dem Besuchermangel. In der irischen Kneipe O'Reillys gehen schon im 22 Uhr die Lichter aus. Die Open-Air-Theke der Go-Go-Bar Superstar in Patpong hält bis 23 Uhr durch. "Es kommt doch keiner mehr hierher. Die Leute haben Angst, und die vielen Soldaten mit ihren Gewehren schrecken zusätzlich ab", sagt Kellnerin Lek. "Wo soll das alles noch hinführen? Vielleicht habe ich bald keinen Job mehr."
Still ist es auch im Richard's, einer populären Schwulenkneipe in der Silom-Straße. "Wir haben gut 70 Prozent weniger Gäste", klagt Kneipenbesitzer Richard Saint-Laurent. Die wenigen Massagesalons und Bars in der Nachbarschaft, die noch geöffnet sind, hätten bereits die Gehälter ihrer Angestellten um 50 Prozent gekürzt. "Wir zahlen noch hundert Prozent, aber wie lange wir noch durchhalten, weiß ich nicht", seufzt der Kanadier.
Greg Riley ist an diesem Montagabend einer von sechs Gästen im Richard's. Der Amerikaner wohnt in der Nähe. Freimütig gibt er zu, Angst zu haben. "Ich war hier, als die Granaten explodierten. Das war furchtbar. Erst die Explosionen, dann das Schreien der Menschen. Ich habe seitdem einen Rucksack mit dem Nötigsten gepackt, um sofort fliehen zu können, wenn es brenzlig wird."
Sex, Drugs and Khao San Road
Einige Kilometer weiter südlich in der Khao San Road mit ihren Bars, Clubs und Billigherbergen für junge Thailandtouristen geht das Leben seinen gewohnten Gang. Backpacker feiern mit Sex, Drugs and Rock'n'Roll Partys ohne Ende. Von Soldaten mit Gewehren und Polizisten in Nahkampfuniformen gibt es rund um die Partymeile keine Spur. Aber die Angst feiert mit.
Zwei 19-jährige Engländer aus Bournemouth, Joe und Richard, haben drei Wochen unbeschwerten Urlaub auf der Insel Ko Samui verbracht. In Bangkok fühlen sie sich aber unwohl. "Hier in der Khao San scheint ja alles okay zu sein. Aber trotzdem sind wir ein wenig nervös", gibt Richard zu. Joe sagt, sie hätten in den Medien die Entwicklung des Protests der Rothemden verfolgt und vor ihrer Rückkehr nach Bangkok auch ihre Botschaft kontaktiert. "Wir bleiben zum Glück nur zwei Nächte. Dann fliegen wir heim."
Am Ende der Khao San warten Tuk-Tuk-Fahrer auf Kunden. Ihr übliches Angebot - tagsüber Besichtigungsrundfahrten zu überteuerten Preisen zu Tempeln und Palästen, nachts zu "jungen Frauen" für "Boom-Boom" - haben sie um Fahrten zu den Demonstranten erweitert. Neu im Programm ist Politsightseeing. "You want see Red Shirts?", fragt Tuk-Tuk-Fahrer Chatuporn. Aber die Nachfrage nach Revolutionstouren ist gering. "Die Touristen haben zu viel Angst", sagt Chatuporn. Er findet das schade, er selbst ist begeisterter Anhänger der Rothemden. "Die kämpfen für das Volk", davon ist Chatuporn überzeugt.
Die Berlinerin Rahel und ihre beiden Freunde buchen eine Tour mit Chatuporn. Sie sind entweder furchtlos oder nicht wirklich über den Ernst der Lage in Thailand vertraut. Immerhin sprechen internationale Sicherheitsexperten inzwischen offen über die Möglichkeit eines Bürgerkriegs in Thailand. Vielleicht sind Rahel und ihre Freunde auch einfach naive Revolutionsromantiker. Am frühen Morgen des vergangenen Samstags sind sie in Thailand angekommen. Vor der Weiterreise haben sie ein paar Stunden Zeit.
Statt goldener Tempel steht das rote Viertel auf dem Besichtigungsprogramm der Mittzwanziger. Martialische Bullen, finster dreinblickende Soldaten mit Gewehren im Anschlag auf der einen Seite der Barrikaden, tapfere Kämpfer gegen "das System" auf der anderen sind Balsam für die heimwehkranken Seelen, wenn man schon am 1. Mai wegen des Urlaubs nicht in Kreuzberg sein konnte.
Nach dem Besuch bei den Rothemden strahlt Rahel selig: "Det is ja wie am 1. Mai in Berlin hier. So richtig Randale." Verschwitzt und müde eilen sie von dannen. Sie müssen schnell zum Bahnhof - um den Zug nach Chiang Mai noch zu erwischen.
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"Im Stadtteil Patpong ..." Uuuuund tschuess - nochmal recherchieren, bitte. mehr...
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