Hinter den sandigen Hügeln am Ufer geht gerade die Sonne unter. Muhammad blickt lächelnd auf das glitzernde Wasser des Nasser-Stausees. "Ich möchte nirgendwo anders arbeiten, es ist wie ein Traum", sagt er. Um die 40 Grad heiß war es den ganzen Tag über in Assuan, erst jetzt wird es langsam erträglicher. Auch wenn er in seinem unauffälligen grauen Gewand eher aussieht wie einer seiner rund 600 Passagiere, ist Muhammad einer der beiden Kapitäne der Sina, der vielleicht wichtigsten Fähre Afrikas.
Für alle, die den großen Kontinent einmal von Norden nach Süden durchqueren wollen, führt an der Sina kaum ein Weg vorbei. Eine andere Verbindung zwischen Ägypten und dem Sudan gibt es nicht. Die Landgrenze zwischen beiden Staaten ist seit langem geschlossen und die gefährliche Route durch Libyen oder Algerien für Reisende keine echte Alternative. Die Fähre über den Nasser-Stausee kommt Transafrika-Abenteurern insofern entgegen, als dass Autos auf einem Frachtkahn mitgeführt werden können. Dieser braucht für die Strecke allerdings je nach Wetterlage ein bis drei Tage länger als das Personenschiff.
Lange bevor die Leinen der Sina im südägyptischen Assuan gelöst werden, müssen sich bereits am Morgen alle Passagiere an Bord einfinden. Dann beginnt das Verladen der Waren. Es ist ein mehrstündiges Schauspiel, das gleichermaßen beeindruckt wie einschüchtert. In der stickigen Luft des Unterdecks wuchten laut fluchende Männer Waschmaschinen, Fernseher und unzählige große Kisten zwischen die überfüllten Sitzbänke.
Hoffnung auf bessere Jobs
Gerade Elektroartikel scheinen im Sudan besonders gefragt zu sein. Die meisten Händler sind regelmäßige Grenzgänger wie Mahmud, der alle paar Wochen den mehrtägigen Trip auf sich nimmt. "Es ist schon verdammt anstrengend, dieses Leben unterwegs", sagt der 29-jährige Sudanese, aber nur so komme man eben an Geld.
Geld verdienen wollen auch die Ägypter Hasan und Yusuf, die es sich auf den Plastiksitzen der zweiten Klasse einigermaßen bequem gemacht haben. Die beiden Keramiker kommen aus Tanta, einer Stadt zwischen Alexandria und Kairo. Im Sudan soll es besser bezahlte Jobs geben, deshalb haben sie sich auf den langen Weg gemacht. "Dort muss ich für 100 Dollar knapp drei Tage arbeiten, in Ägypten mehr als doppelt so lange", erklärt Hasan.
Vier Tage sind die beiden Freunde unterwegs vom Nildelta in die sudanesische Hauptstadt Khartum, wo blauer und weißer Nil zusammenfließen. Die Schiffspassage über den Nasser-Stausee ist die härteste Etappe ihrer Reise an und auf Afrikas längstem Fluss. Immerhin sind sie gut vorbereitet, die große Sporttasche ist voll mit Proviant von daheim. Nachdenklich blicken sie über die Reling und beißen in die selbst gebackenen Plätzchen. Fast drei Monate werden sie ihre Familien nicht sehen, erst zum Ramadan geht es zurück in die Heimat.
Als das Schiff endlich ablegt, ändert sich die Stimmung an Bord schlagartig. Die, die sich eben noch lautstark gestritten haben, sitzen nun friedlich nebeneinander. Auf dem Oberdeck werden Teppiche ausgerollt, es ist Zeit für das Abendgebet. Viele Männer haben schwarze Druckstellen an der Stirn, Zeichen für regelmäßige Gebete, bei denen der Kopf den Boden berührt. "Allahu Akbar", Gott ist groß, ruft einer, dann verneigen sich alle in Reihen gen Mekka, beinahe synchron. Für einen Moment ist es ganz still an Deck.
Isolation in der Ersten Klasse
Weiter unten wagen sich derweil auch die Passagiere der Ersten Klasse aus ihren Kabinen. Mit etwa 70 Euro deutlich teurer als die anderen beiden Klassen, bietet die Fahrt in der Zweibettkabine immerhin ein wenig Privatsphäre. Diese muss man allerdings mit einigen Kakerlaken teilen, und vom aufregenden Leben an Bord bekommt man so gut wie nichts mit - ein herber Verlust, ist es doch gerade die Nähe zu den Einheimischen, die diese Nilkreuzfahrt von all den anderen abhebt, die Touristen sonst buchen können.
In der Kantine wird das Essen serviert. Hühnchen und Reis, dazu Wasser, das Reisende mit empfindlichen Magen besser nicht trinken sollten. Die Crew speist oben auf der Plattform neben der Brücke. Passagiere sind da eigentlich nicht so gerne gesehen, aber für Ausländer macht Muhammed gerne mal eine Ausnahme.
Wenn der nubische Kapitän über die Sina spricht, ist es ein bisschen so, als erzähle er von einer alten Freundin. Wie viele Jahre sein Mädchen genau auf dem Buckel hat, kann oder will er nicht sagen, man spricht schließlich nicht über das Alter einer Dame. "20 werden es schon sein", sagt er, und sein Grinsen verrät, dass es in Wahrheit noch ein paar mehr sind. Gebaut wurde die Sina übrigens in Deutschland, ein paar vergilbte Sicherheitshinweise an den Wänden sind die letzten Hinweise darauf.
Es wird Nacht an Bord, auf dem Oberdeck ist es jetzt stockfinster. Fast jeder Zentimeter des Bodens ist mit Menschen bedeckt, doch irgendwo findet jeder noch seine Lücke. Schnell kann es passieren, dass man einen Fuß oder Arm des Nachbarn im Gesicht hat, doch das stört kaum, denn der Blick nach oben lässt alle Platzangst weichen. Es ist ein Sternenhimmel von unfassbarer Schönheit, immer wieder schießen Sternschnuppen durchs Bild. Bei dieser Aussicht, einer angenehmen Brise und dem leisen Gemurmel der Mitreisenden lässt es sich wunderbar einschlafen.
Der Frachtkahn hat Verspätung
Kurz nach dem Morgengebet dann das touristische Highlight. In der Morgendämmerung passiert die Sina die Tempel von Abu Simbel. Von Bord aus kann man die Besuchergruppen zählen, die vor Ägyptens großer Attraktion Schlange stehen. Nach der Flutung des Niltals wurde das Weltkulturerbe in den sechziger Jahren hierher ans Ufer des Stausees versetzt.
Schließlich die Ankunft in Wadi Halfa. Die sudanesische Wüstenstadt ist eine trostlose Ansammlung von Häusern mitten im Nirgendwo. Alle, die weiter nach Süden wollen, müssen hier erstmal eine Nacht bleiben, diejenigen, die auf ihre Autos warten, sogar ein paar Nächte mehr. Ein Sandsturm wird die Ankunft des Frachtkahns auf unbestimmte Zeit verzögern.
In einem der wenigen Restaurants in Wadi Halfa sitzen alte Bekannte. Der Händler Mahmud ist da, auch die beiden ägyptischen Keramiker. Die Bootbesatzung dagegen ist auf ihrem Schiff geblieben, für sie geht es am nächsten Tag zurück nach Assuan. Auf der Sina, ihrem afrikanischen Traumschiff.
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