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14.07.2010
 

Ägyptens Touristenhochburg Hurghada

Ballermann am Wüstenrand

Von Linus Geschke

Hurghada: Kugelfische, Muränen und Neoprenträger
Fotos
red-sea-guide.com

Hurghada ist alles - nur nicht Orient. Der ägyptische Küstenort gilt als Taucher-Mekka und als Ibiza-Ersatz für russische Touristen. Doch wer Schätze sucht, wird sie auch finden: An den küstenfernen Riffen gibt es eine faszinierende Unterwasserwelt zu erkunden.

Jetzt heißt es, mutig zu sein: Ein russischer Riese hat sich vor Sven Reinhard aufgebaut, schaut ihm fest in die Augen und sagt zum zweiten Mal "Ty mogesch nas sfotografirovat?", diesmal mit Nachdruck. Für jemanden wie Reinhard, der gerade auf einem Bein hüpft und verzweifelt versucht, das andere in den Neoprenanzug zu bekommen, klingt dies schon bedrohlich.

Zumindest solange bis Mahmut lacht. Mahmut, der ägyptische Tauchguide, der neben Deutsch auch ein paar Brocken Russisch versteht. "Keine Panik! Wladimir will nur wissen, ob du ihn mit seiner Freundin einmal unter Wasser fotografieren kannst."

Gota Abu Ramada heißt der Tauchplatz, den Reinhard gemeinsam mit seinen neuen Urlaubsbekanntschaften erkunden wird. Früher hat man den Platz wegen des großen Fischreichtums auch "Aquarium" genannt. Heute ist er eher das Refugium schlecht ausgebildeter Taucher. 20 Schiffe ankern hier, jedes mit durchschnittlich gut 20 Tauchern besetzt, die fast gleichzeitig auf das Riff losgelassen werden.

Für Sven Reinhard ist es nicht einfach, die beiden Russen abzulichten: Mal ist eine Flosse im Bild, mal kreuzt ein Guide mit einem Schnuppertaucher seinen Weg, mal wird er angerempelt. Fische gibt es hier noch immer, allerdings nur kleinere Exemplare: Alles, was größer ist als ein Meter, trägt Neopren und stößt blubbernde Atemblasen aus. Stau am Riff.

Mahmut kennt das Problem: "Gerade die flachen und küstennahen Tauchplätze sind meist hoffnungslos überfüllt. Hier fahren sie alle hin, mit den Anfängern, den Schnuppertauchern, den Kursabsolventen." Dabei gebe es vor Hurghada auch Spots, wo man noch richtig viel Fisch sieht, Rochen und mit ein wenig Glück auch Haie. "Nur leider sind diese Plätze nicht anfängertauglich", sagt der Guide, "wegen der Strömung und wegen der tief abfallenden Riffkanten, die eine bessere Tarierung voraussetzen."

Zwischen Kitschpalast und Plattenbausiedlung

Während der Überfahrt zum nächsten Tauchplatz zeigt Reinhard Wladimir Kowalewski auf dem Kameradisplay die Bilder, die er von ihm und seiner Freundin Elena gemacht hat. "Diving gut, Foto gut!", sagt Kowalewski, zwinkert einmal und klopft ihm dabei anerkennend auf die Schulter. Tauchen verbindet eben. Und diesmal braucht der Deutsche auch keine Übersetzung von Mahmut, der in der Zwischenzeit das nächste Tauchziel auf seiner Tafel einzeichnet.

Hurghada, vor 20 Jahren noch klein und verschlafen, ist zur Bettenburg an Ägyptens Rotmeer-Küste mutiert. Über 120 Tauchschulen buhlen um die Gäste, meist sind es osteuropäische Mittelschichtler oder deutsche Pauschalurlauber. All-inclusive dominiert die Hotelanlagen, die sich ohne Unterbrechung gut 30 Kilometer die Küste entlangziehen - von der Optik her häufig zwischen Kitschpalast und Plattenbausiedlung angesiedelt.

Wer hier die Stimmung aus Tausendundeiner Nacht sucht, ist definitiv am falschen Ort gelandet: Die beliebtesten Cafés heißen "Praha" oder "Big Brother". Der Souvenirshop neben dem Tauchcenter "Bratislava" und in der größten Discothek "Calypso" tanzt der Ostblock Samba - unterstützt von Go-Go-Tänzerinnen, deren Bekleidung in krassem Gegensatz zu den muslimischen Gepflogenheiten steht. Die männlichen Besucher tragen bevorzugt weit aufgeknöpfte Hemden oder T-Shirts mit Ed-Hardy-Aufdruck, bei den weiblichen dominieren Bonbonfarben in allen Variationen.

"Es ist der Wahnsinn", sagt Christiane Nedwed, Inhaberin des Seawolf Diving Center. Die 43-Jährige lebt seit zehn Jahren in Hurghada und sieht der Wandlung des Ortes immer noch staunend zu. "Früher war fast jeder Tourist auch ein Taucher, Hurghada eher gemütlich. Abendunterhaltung? Das waren ein paar Cafés, in denen arabische Musik lief und die Gäste Wasserpfeife rauchten. Heute ist hier alles eher wie auf Ibiza - Partys, Alkohol, Singlereisen." Lebt sie dennoch gerne hier? "Klar! Ich halte nichts von dem 'Früher war alles besser' - es war nicht alles besser, nur alles anders."

Giftige Pyjama-Nacktschnecke

Derweil erklärt Mahmut anhand der Tafel, wo es bei "Umm Gamarr" unter Wasser lang geht. Umm Gamarr bedeutet "Mutter des Mondes" - wenigstens in den blumigen Riffbezeichnungen ist die orientalische Erzählkunst noch zu finden. Eine dicht bewachsene Steilwand wird den Gästen versprochen, mit Weichkorallen, hohem Fischreichtum und der - wenn auch eher kleinen - Chance auf Begegnungen mit Grauen Riffhaien.

Wenige Minuten nach dem Abstieg ist den Tauchern klar, warum Hurghada einst das Mekka für tauchende Rotmeer-Touristen war. An der bis auf große Tiefen reichenden Riffwand stehen drei Korallentürme ab, von denen die ersten beiden innen hohl sind. Unzählige, fast durchsichtig erscheinende Glasfische tummeln sich darin. Sie bewegen sich wie eine Wolke, welche sich erst kurz vor den Tauchern öffnet und unmittelbar hinter ihnen wieder verschließt.

Purpurfarbene Korallen bedecken die Wände, und in den Ritzen finden sich Pyjama-Nacktschnecken, die mit ihrem gelb-weiß-blauen Gewand Fischen signalisieren: Besser nicht fressen! In ihrem Körper haben sich Fraßgifte von Feuerschwämmen angesammelt, die die Chromodoris quadricolor zur ungenießbaren Beute machen - ein schönes Fotomotiv ist das Tier dennoch.

Wunsch ist Vater der Haisichtung

Kowalewski und Reinhard tauchen noch ein Stück weiter, bis sie auf den dritten Korallenturm treffen. In 27 Meter Tiefe stoßen sie auf eine kleine Höhle, deren Boden vollständig mit Korallensand bedeckt ist. Was dort ebenfalls liegt, ist nicht einfach nur ein Kugelfisch - es ist die Mutter aller Kugelfische, ein Exemplar von solchen Ausmaßen, wie es die beiden vorher noch nie gesehen haben. Angst vor den Tauchern scheint es nicht zu haben: Mit aller Seelenruhe lässt das Ungetüm das Blitzlichtgewitter aus Reinhards Kamera über sich ergehen, bis die Taucher sich wieder auf den Rückweg machen.

Plötzlich wird Kowalewski hektisch, zeigt mit ausgestrecktem Arm ins Freiwasser und legt die Handkante des anderen Arms aufrecht an die Stirn: Das unter Tauchern übliche Zeichen für "Hai!" Auch Reinhard blickt in diesem Moment vom Riff weg und sieht ... irgendetwas. Die Kontur eines großen Fisches. Ein Hai? Ein Tunfisch? Eine Makrele? Reinhard würde auf einen Tunfisch tippen: Wasser ist für die Sinne ein trügerisches Element, der Wunsch oftmals der Vater der Sichtungen.

Wieder zurück an Bord, wird Reinhard seinen russischen Buddy fragen, ob er sicher einen Hai gesehen hat: "Da!" wird dieser ihm antworten, "Ja!", voller Überzeugung. Dann wird er ihm erneut auf die Schulter hauen, breit grinsen und "Egypt gut" sagen - und Reinhard würde ihm jetzt auch dann nicht widersprechen, wenn er 20 Zentimeter größer wäre.

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15.07.2010 von TommIT: Was haben die Riffe blos vor

der Zeit der Taucher gemacht? Einfach so im Wasser rumgelungert... Skandal Was hat ide Welt blos vor dem menschen gemacht.... Einfach so rumgeerdet ... Skandal Was wird die Erde nach dem Menschen machen? Party feiern! mehr...

15.07.2010 von Benjowi: Gejammer über die Eigenheiten der Menschheit!

Das Gejammer der "Eingeweihten" in diesem Forum ist nur schwer zu ertragen, denn eigentlich sollten die Eigenheiten der Spezies "Mensch" hinreichend bekannt sein: Erstens verhält sie sich wie ein [...] mehr...

14.07.2010 von Hiddensee65: Wohltuend anders als Tauchmagazine

Für mich ist es immer eine Wohltat, hier Tauchberichte zu lesen, zumal diese deutlich authentischer und fundierter ausfallen als jene in den einschlägigen Tauchmagazinen: Dort würde selbst Hurghada immer noch als durch und durch [...] mehr...

14.07.2010 von mytilus54: lesen!

@ spiegel-online-leser Das Thema heißt "Ballermann am Wüstenrand"! Und mit diesem Ballermann hat das sehr wohl was zu tun. Der Normaltouri verbraucht für seinen Urlaub (als Nachfolgegeneration vom Teutonengrill [...] mehr...

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