Aus Geraldton, Westaustralien, berichtet Annett Meiritz
Chris Lewis' Augen sind ganz klein vor Müdigkeit. Seit neun Stunden vertritt sich der Open-Air-Kino-Veranstalter nun schon die Füße im Maitland Park, einem beschaulichen Stück Grün in der Hafenstadt Geraldton. Aufgebaut werden muss im Tageslicht. Das heißt im westaustralischen Winter: bis nachmittags um fünf. Dann setzt die Dämmerung ein, 30 Minuten später ist es stockfinster.
Also hat Chris zwei Geländewagen plus Anhänger in den Park gekarrt und gemeinsam mit seinem Geschäftspartner den überdimensionalen Airscreen installiert, den Beamer angeschlossen, die Tonanlage verkabelt. Gegen sieben war alles durch. Das WM-Spiel, Australiens "Socceroos" gegen die deutsche Nationalelf, fängt allerdings erst um halb drei nachts an.
So viel Aufwand - oder besser gesagt: so viel Leinwand - für ein Fußballspiel. Mitten in der Nacht auf einen Montag. Bei neun Grad und einer frostigen Ozeanbrise.
Ganz schön mutig. Zumindest in Australien.
Ist doch Fußball im Land der derben Footy- und Rugby-Mannschaften als "Mädchensport" verschrien. Die lokalen Zeitungen bemühen sich zwar, so etwas wie eine World-Cup-Stimmung aufkommen zu lassen. Seit Wochen stopfen sie ihre Beilagen voll mit WM-Planern und Team-Specials. "Sour Krauts ready to fall" titelte eine Zeitung in Sydney.
Im Alltag spielt der Sport aber kaum eine Rolle. Es ist wie mit unbekannten, schweigsamen Partygästen: Sie stören keinen - aber man vermisst sie nicht, wenn sie daheim bleiben. Der sportbegeisterte Australier verfolgt die WM höchstens interessiert. Gefiebert, gefeiert und gejubelt wird woanders.
"Deutsche gibt es überall"
Chris zeigt das Spiel trotzdem, auch wegen des WM-Gegners der Australier. Denn Deutsche, kalkuliert er, "Deutsche gibt es überall". Also viel potentielles Publikum für sein Fußi-Spektakel. Tausende Traveller ziehen jedes Jahr durch Geraldton, auf ihrem Weg in den wilden Nordwesten Australiens. Die Stadt, Zentrum der ländlichen Wheatbelt-Region, ist die letzte Station vor der großen Einsamkeit, den endlosen Weiten von Shark Bay, dem Ningaloo Reef und den Kimberleys.
Hier kann man ein letztes Mal günstig tanken und in ein Internetcafé gehen, es gibt ein Shoppingcenter, ein regionales Krankenhaus und ein paar gute Autowerkstätten. Dann kommt lange, lange nichts - bis zur nächsten größeren Stadt, Broome, sind es 2000 Kilometer.
Auch wenn erstmals seit der Einführung des sogenannten Working Holiday Visums weniger Deutsche durch Australien reisen (siehe Kasten), gehören Touristen aus Deutschland noch immer zu den treuesten Australien-Fans: 100.000 von ihnen brechen jedes Jahr nach Down Under auf.
Doch wo sind sie in dieser Nacht?
Die Münchnerin Andrea, 29, telefoniert in der Halbzeitpause hektisch mit ihrer Mutter. Erst vor drei Tagen hat sie ihrer Familie eröffnet, dass sie nicht zurückommt, dass sie hier bleiben will, am anderen Ende der Welt. Einen neuen Job hat Andrea schon in Aussicht. Das Spiel der deutschen Mannschaft schaut sie nur flüchtig, immer wieder greift sie zum Telefon. Zu vieles muss gerade geregelt werden.
Sophia und Martin, 25 und 32, beide Hamburger, reisen seit drei Wochen mit ihrem Campervan durchs australische Outback. Das Auftaktspiel der deutschen Elf wollten sie nicht verpassen - und sind überrascht. "Eine Riesenleinwand im Park, mitten in der Nacht, es ist schweinekalt, und all das für eine Handvoll Leute", sagt Martin und schüttelt lachend den Kopf, "das bringen echt nur die Australier."
Das entspannteste Public Viewing der Welt
Der Anblick ist durchaus bizarr. Der kinotaugliche Screen flimmert noch drei Straßen weiter durch die Bäume, der Ton ist voll aufgedreht. Kommentatoren, Fangesänge (und natürlich die Vuvuzelas) dröhnen durch die schlafende Stadt. Das Publikum ist dagegen sehr überschaubar: Zum Anpfiff haben sich zwei Dutzend Leute versammelt.
Ein paar Freunde von Chris und seine Familie. Eine Gruppe Nachtsurfer, eingewickelt in Handtücher mit Australien-Flaggen-Aufdruck und Wollmützen. Fünf deutsche Traveller, einige Locals. Das ist alles. Liegt es an der Nebensaison? Nur wenige Reisende halten sich gerade länger in Geraldton auf, die meisten sind im wärmeren Norden unterwegs.
Das mit Sicherheit entspannteste Public Viewing der Welt, man findet es hier, im ländlichen Westaustralien: kein Gedränge, frische Luft, freie Sicht auf die Leinwand. Einige Locals haben sich mit Schlafsäcken in den offenen Kofferraum ihres Kombis gekuschelt, andere haben tatsächlich ein Sofa angeschleppt. Dreisitzer, massiv, Leder.
Gebrüllt und angefeuert wird kaum - vielleicht, weil Solo-Jauchzer ohne Schutz der Masse irgendwie seltsam klingen. Vielleicht auch, weil die Australier spätestens beim dritten Tor keinen Grund mehr zur Aufregung haben. Doch selbst das vernichtende 4:0 nehmen sie bewundernswert gelassen hin, gemäß der australischen Laid-back-Attitüde. Einziger Kommentar des Sitznachbarn: ein müdes "C'mooooon, guys!"
Halbzeitpause, kurzes Telefonat mit Julia, einer deutschen Auswanderin in Sydney. Im Darling Harbour steigt die große Fifa-Party mit Zehntausenden Fußballfans, doch Julia und ihr Mann Ben sind daheim geblieben. Kalt und windig sei es und die Stimmung "einfach nicht dieselbe wie in Deutschland". Trotzdem wird sie jedes Spiel der deutschen Elf schauen, egal, um welche Zeit. "Hier aus der Ferne fühle ich mich noch mehr mit der Nationalmannschaft verbunden", sagt Julia.
Chris in Geraldton ist enttäuscht über die magere Besucherzahl. "Klar, ich hätte mir mehr gewünscht." Auch das, sagt Chris, ist Australien - "ein Stück Bequemlichkeit". Und der Fußball braucht eben seine Zeit, bis er richtig populär wird, davon ist er überzeugt. "In vier Jahren kann ich es ja noch einmal versuchen."
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also da finde ich diesen beitrag wesentlich stimmungsvoller... http://www.rp-online.de/sport/fussball/nationalelf/wm/dfb/Sydney-ein-Sommermaerchen_aid_868999.html mehr...
Also ich hab ich jetzt keine Zahlen, aber eine Vermutung meinerseits wäre, dass keineswegs alle von denen (aus Übersee) angereist sind, sondern nicht wenige Australier werden auch dort (gerade) leben. Für Südafrika, als (ebenso) [...] mehr...
waren dort nicht mehr Australier im Station als Deutsche? Trotz des viel weiteren und teureren Anreiseweges mehr...
Also hier (ich bin gerade für ein Jahr in Australien) gibt es doch erstaunlich viele Fans, die sich nachts um halb 5 auf die Straße wagen. Ich bin gerade in Brisbane und hier waren gestern nach ungefähr 5000 leute beim Public [...] mehr...
Keine Sorge, gegen Ghana und Serbien packen die Socceroos das schon. Ja der Sieg hat mir einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Es spielen mehr Leute in Australien Fussball als Rugby und AFL... mehr...
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