Sonntag, 5. September 2010

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30.07.2010
 

Wildnis-Abenteuer in Kanada

Der mit dem Topf tanzt

Von Helge Sobik

Zum Abendessen ein Glas Wein am eigenen See: In der Wildnis Kanadas können Urlauber herausfinden, was echte Einsamkeit bedeutet - und welche unerwarteten Verhaltensweisen man in ihr entwickelt. Für Begegnungen mit Schwarzbären steht die Flinte hinter der Tür.

Tag 1: Auferstehung der Saurier

Der Start fühlt sich an, als wäre der Mackenzie River am Ortsrand von Fort Simpson verkehrsberuhigt - als hätte er quer zur Strömung Betonwellen, solche lästigen Gnubbel, über die das Wasserflugzeug von Ted Grant mit immer höherem Tempo ruckelt, ehe es endlich abhebt. Eine halbe Stunde lang tanzt die Maschine im Wind, spielt Fangen mit den Böen.

Unter den Kufen: Wald, Wald, Wald, mal eine Lichtung, mal ein See, zwischendurch Tundra, hellgrüne Moore. Erst gibt es noch Forstwege, dann nirgends mehr eine Straße, nichtmal eine Schneise, nur diesen See zu Füßen der Nahanni und der Mackenzie Mountains, auf den Ted plötzlich zuhält: Little Doctor Lake. Der See ist sein Flughafen. Tower, Landebefeuerung, ein Terminal? Alles Fehlanzeige. Stattdessen ein bisschen Treibholz, zwei Hütten am Ufer, ein langer Holztisch mit zwei Bänken im Freien, viel Wald, reichlich Gestrüpp - und keine Holperwellen auf dem Waser, alles spiegelglatt, die Landung ist supersanft.

Die beiden Hütten am Ufer heißen klangvoll: "Nahanni Mountain Lodge". Ich klettere ein bisschen unbeholfen aus der Maschine, rumpele mit dem Kopf gegen den viel zu niedrigen Türrahmen, hangele mit den Füßen nach dem rechten Schwimmer, stakse von dort aus ins nicht sonderlich warme Wasser des Sees - und finde heraus, wie saugfähig eine Jeans ist.

Dass ich in der Wildnis vom Regen durchnässt werden könnte, hatte ich im Vorfeld erwogen. Dass ich durch einen See zu meinem Quartier waten muss, nicht. Und auch nicht, dass ich noch ein paar Mal durchs Wasser hin und zurück muss, um Reisetasche, Schlafsack und Proviant aus dem Heck der Maschine zu fingern.

Warum er hier keinen Steg baut, wenn er doch dauernd Gäste herfliegt, habe ich Ted gefragt. Er hat mit den Schultern gezuckt, eine Schraube an der Cockpit-Tür wieder festgezogen und mit Verspätung "Why should I?" gemurmelt. Warum sollte er? Vielleicht hat er recht. Wildnis soll wild bleiben, Hosen sollen nass werden. Schließlich soll sich der Trip nach Abenteuer anfühlen.

Dusche unter den Bäumen

Im Regal liegen Teelichter, Streichhölzer, zwei Packungen Reis und ein Halbkilobeutel Salz. In den Fächern warten Töpfe, Pfannen und ein paar Teller auf ihren Einsatz. Eine Propangasflasche ersetzt Elektrizität. Die Dusche ist ein in den Baumwipfeln aufgehängter Kanister mit hineingebohrten Löchern unter der Plastikkappe, den ich selbst befüllen muss. Leitungswasser gibt es nicht, und das Klo ist ein Holz-Herzhäuschen hinter den Tannen.

Sechs Stunden sind jetzt verstrichen. Ohne Funkgerät, ohne Handyverbindung, ganz ohne Netz und doppelten Boden. Nur die Wildnis, die angejahrten Hütten und ich. Ted ist verschwunden, ehe mir alle Fragen eingefallen sind. Die Verabschiedung fiel gewohnt wortgewaltig aus: "I leave now", hat er gesagt. Er haue jetzt ab. Und schon brummte der Propeller, schon pflügte die alte Mühle die Seeoberfläche, hielt auf die beiden Berge am Horizont zu, die wie aus Tolkiens Mittelerde aussehen und zwischen einander eine V-förmige Schlucht gelassen haben.

In exakt fünf Tagen wird Ted wiederkommen, um mich abzuholen. In der Zwischenzeit fliegt er einmal täglich um die Mittagszeit über den See. Ich soll dann herauskommen, damit er mich aus der Luft sieht. Verhalte ich mich ruhig, ist alles okay, und er fliegt weiter. Rudere ich mit den Armen, wird er landen - oder Hilfe aus Fort Simpson holen. Gott werde mich schützen, hat er gesagt. Er hat Jason Gott gemeint - einen Mann im Kleiderschrankformat, gezwängt in eine dunkelblaue Uniform. Er stand beim Abflug in Fort Simpson am Ufer, gab mir die Hand. Jason Gott ist der zuständige Polizist für die Region. Sein Revier ist ungefähr so groß wie Schleswig-Holstein. Und wo Gott ist, könne nichts schiefgehen - meint Ted.

Dem wortkargen Piloten gehören die beiden Hütten. Vor allem von Ende Mai bis Anfang Oktober fliegt Ted ständig Aussteiger auf Zeit hierher - US-Millionäre, gestresste Wall-Street-Broker, ganz normale Urlauber, alles dabei. Was er verkauft, ist ein sehr schlichtes Quartier in grandioser Umgebung, ist Trapperalltag, ist vor allem Abstand vom normalen Leben, ist Wildnis, Einsamkeit, Stille. Und manche Unwägbarkeit. In der Summe ist das Luxus.

Kurz nach Teds Rückflug fängt es gewaltig an zu schütten. Es donnert am Himmel, grollt scheinbar von oben, unten, überallher als würden die Dinosaurier auferstehen, die Berge mit der V-Schlucht zur Seite rücken, als ginge ein riesiges Weidetor auf und würde einer Herde Mammuts den Weg Richtung See freigeben.

Kein Nachteil, jetzt drinnen zu sitzen - unter einem soliden Dach, auf einem abgewetzten Sofa hinterm Sprossenfenster. Keine Chance, den Claim am ersten Abend zu erkunden. Keine Chance, am Lagerfeuer das erste mitgebrachte Steak zu grillen. Stattdessen gibt es in der Pfanne auf dem Propangasherd gebrutzelten Toast mit Truthahnbrust, zum Nachtisch Toast mit Marmelade. Und viel Zeit für diesen ersten Tagebucheintrag. Irgendwann hört es auf zu donnern, aber regnet gleichmäßig weiter. Auf dem Esstisch brennt die Öllampe. Die Uhr ist abgeschafft, der Tag nur durch hell und dunkel begrenzt, durch Magenknurren genauer strukturiert - bis Ted zurückkehren wird und ich mit gepackten Taschen am Strand warten werde.

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insgesamt 12 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
31.07.2010 von Montanabear: Wildnis-Abenteuer in Alaska

Ja, das ist mit auch schon passiert; dann klingt der Bach wie ein rauschender Ozean. Komisch, dass die Vögel auch schweigen, wenn der Wind sich legt. Manchmal bin ich sogar froh, wenn ich dann aus weiter Ferne den Zug pfeifen [...] mehr...

31.07.2010 von Montanabear: Wildnis-Abenteuer in Alaska

Die Schwarzbären Nordamerikas stehen nicht auf der gefährdeten Liste. Im Gegenteil, sie werden immer zahlreicher und entwickeln sich zur Plage. Was Wenige wissen : sie sind aggressiver und gefährlicher als Grizzlies. Sie sind [...] mehr...

31.07.2010 von Haio Forler: .

Dieser Satz widerspricht astra doch nicht. mehr...

30.07.2010 von ex_t_kunde: nur Idioten erschiessen Bären

trotzdem ist es in der Regel völlig unangemessen, Bären zu erschiessen - das tun nur Deutsche und US-Amerikaner die mit der Trophäe ihre Potenz beweisen wollen. Da die Schwarzbären mehr Angst vor Menschen haben als umgekehrt [...] mehr...

30.07.2010 von brother eagle: nich noch mal ein titel

fuer mehr information ueber schwarzbaeren habe ich dir einen link angefuegt. ein bisschen english ist erforederlich. http://www.bearsinbc.com/pages/01black/01population.html mehr...

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