02. Mai 2003, 11:39 Uhr

Kreuzfahrtschiff "Norway"

Meuterei auf dem Oceanliner

Der Stolz der Franzosen auf ihre "France" war gewaltig: Aber weder Meuterei noch Demonstrationen hinderte den Staatspräsidenten, das Linienschiff im Transatlantikdienst wegen zu hoher Betriebskosten erst still zu legen und dann an Norweger zu verkaufen, die es flugs auf "Norway" tauften.

Fern der Heimat: Die "Norway" kreuzt in der östlichen Karibik
GMS

Fern der Heimat: Die "Norway" kreuzt in der östlichen Karibik

Hamburg/Bern - Es kommt regelmäßig vor, dass Schiffe nicht nur den Eigentümer wechseln, sondern zugleich auch ihren Namen. Oft sind dann Emotionen im Spiel. Das wohl bekannteste Beispiel ist die "Norway", ein Kreuzfahrtschiff der US-Reederei Norwegian Cruise Line (NCL). Als "France" war der Ozeanriese zwölf Jahre lang im Transatlantikdienst eingesetzt und galt vielen Franzosen als nationales Aushängeschild. Da kam es vielen wie Verrat vor, dass Frankreichs Regierung das Schiff 1974 aus dem Verkehr zog und 1979 an NCL verkaufte. Inzwischen haben sich die Wogen längst geglättet, und die "Norway" ist das geblieben, was die "France" immer war: ein Traumschiff mit Tradition.

Die "Norway" versucht dabei den Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart. So gibt es an Bord einen 550 Quadratmeter großen "Roman Spa", in dem moderne Wellnessprogramme angeboten werden. Im "Leeward Restaurant" mit seiner spektakulären Wendeltreppe erleben die Gäste den Duft der "großen weiten Welt". In vielen Außenkabinen, die elegant in hellen Brauntönen gehalten sind, erinnern dafür Bullaugen anstelle der heute üblichen Panoramafenster daran, dass die "Norway" bereits ein betagteres Schiff ist. Im "Berlitz Cruise Guide" des renommierten Kreuzfahrtexperten Douglas Ward wird der ehemalige Luxusdampfer inzwischen als "Drei-Sterne-Plus"-Schiff eingeordnet.

Als die "France" am 3. Februar 1962 zur Jungfernfahrt aufbrach, waren die großen Zeiten der Transatlantik-Linienschiffe im Grunde schon vorbei: Düsenflugzeuge waren an ihre Stelle getreten. Dass Frankreich das Schiff in Auftrag gegeben hatte, war aber auch eine Frage von Prestige und kam dem Wunsch nach elegantem Reisen entgegen, worauf viele Passagiere immer noch Wert legten. Mit 315,5 Metern vom Bug bis zum Heck war die "France" damals nicht nur das längste Passagierschiff der Welt, sondern auch ein exquisites Gourmet-Ziel: Nach Angaben der NCL-Europavertretung in Bern umfasste der Weinkeller rund 100 000 erlesene Flaschen. Wer gut betucht war, konnte die Fahrt von Le Havre nach New York "wie Gott in Frankreich" verleben.

"Roman Spa": Die Wellnessprogramme sind modern, der Kreuzfahrer "Norway" schon 41 Jahre alt
GMS

"Roman Spa": Die Wellnessprogramme sind modern, der Kreuzfahrer "Norway" schon 41 Jahre alt

Viele Prominente gaben sich auf der "France" damals ein Stelldichein - von Fürst Rainier von Monaco über Alfred Hitchcock und Audrey Hepburn bis zu Salvador Dali und Marc Chagall. 377-mal reiste das Schiff über den Großen Teich. Dazu kamen 93 Kreuzfahrten samt zweier Weltreisen - das alles in den nur zwölf Jahren von 1962 bis 1974, in denen sich Frankreich den Luxus dieses Schiffes leistete.

Die auf der Werft Chantiers de l'Atlantique in St. Nazaire gebaute "France" war jedoch keineswegs das erste Schiff, das stolz diesen Namen trug. Unter anderem war ein 1865 fertig gestellter Ozeandampfer aus der "Grande nation" so getauft worden, der dann im Jahr 1910 von einem 218 Meter langen gleichnamigen Linienschiff mit knapp 24.000 Bruttoregistertonnen (BRT) abgelöst wurde.

Im Ersten Weltkrieg diente diese "France" lange als Hilfskreuzer, Truppentransporter und Hospitalschiff. Anschließend fuhr sie bis 1927 im Transatlantikverkehr, ehe sie zum Kreuzfahrtschiff umfunktioniert wurde, einige Zeit ungenutzt blieb und schließlich 1935 in Dünkirchen verschrottet wurde. Zu hohe Betriebskosten bedeuteten das Aus für das Schiff, das fast zeitgleich zur "Titanic" gebaut worden war.

Aus dem gleichen Grund wurde auch für die heutige "Norway" das Ende der Herrlichkeit auf dem Nordatlantik eingeläutet: 1974 stand nicht nur Frankreich unter dem Eindruck der ersten Ölkrise, und die immerhin 31 Knoten (57,4 Kilometer pro Stunde) schnelle "France" erschien mit ihrem großen Durst nach Diesel endgültig als unrentabel. Präsident Giscard d'Estaing gab die Order, für immer den Anker zu werfen - die Besatzung meuterte daraufhin, und am 12. September 1974 gingen in Le Havre am Ärmelkanal die letzten Passagiere von Bord.

Suite der "Norway" Bis zu 2032 Passagiere können auf dem Luxusschiff untergebracht werden
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Suite der "Norway" Bis zu 2032 Passagiere können auf dem Luxusschiff untergebracht werden

Fast fünf Jahre lang lag das einstige Flaggschiff der Nation dann am Kai, ehe NCL-Eigner Knut Kloster es für 18 Millionen US-Dollar kaufte. Die Absicht, den Stolz Frankreichs in "Norway" umzutaufen, löste sofort Empörung aus - laut NCL mussten französische Soldaten mit Waffengewalt Demonstranten daran hindern, gegen das Auslaufen in Le Havre vorzugehen, während andere auf Fischerbooten versuchten, sich der "France" in den Weg zu stellen.

Für rund 80 Millionen Dollar wurde das Linienschiff 1979/80 von der Lloyd-Werft in Bremerhaven in ein Kreuzfahrtschiff verwandelt, mehrere weitere Renovierungen folgten seither. Unter anderem hat das Schiff jetzt nur noch zwei statt vier Schrauben, was ihr Tempo auf maximal 21 Knoten gedrosselt hat. Heimathafen der "Norway" ist heute Miami im US-Bundesstaat Florida, von wo aus ganzjährig einwöchige Touren durch die östliche Karibik starten. Auf zwölf Decks finden bis zu 2032 Passagiere Platz, um die sich 920 Crew-Angehörige kümmern. Noch immer ist die "Norway" dabei das längste Passagierschiff der Welt - erst Anfang 2004 wird sie diesen Titel verlieren, wenn die Cunard Reederei die 345 Meter lange "Queen Mary 2" in Dienst stellt.

Von Christian Röwekamp, gms


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