Gunnar und Augusta Björnsson: Wie ein junges Ehepaar auf Hochzeitsreise
Eigentlich wollten wir nur Gunnar Björnsson besuchen, aber wir waren gewarnt worden. "Gunnar gibt es nur mit Augusta." Der Pastor von Selfoss, einer Kleinstadt an der Südküste, gilt als einer der besten Prediger Islands, doch zu Hause hat seine Frau das Sagen. Gunnar und Augusta sind seit 23 Jahren verheiratet, haben zusammen fünf Kinder in die Ehe gebracht und freuen sich inzwischen über zehn Enkel und einen Urenkel. Der Steinway-Flügel im Wohnzimmer bietet kaum genug Abstellfläche, um die Bilder aller Nachkommen aufzunehmen. Dabei wirken die beiden wie zwei, die sich erst vor kurzem gefunden haben, und wenn sie nebeneinander am Tisch sitzen, dann benehmen sie sich wie ein junges Ehepaar auf der Hochzeitsreise.
Und das in einer Umgebung, die so gediegen bürgerlich ist, wie es der Beruf des Pastors verlangt. Über dem Flügel hängt ein Spruch aus den Psalmen in Dänisch an der Wand: "For dig, herre, vil jeg spille", für dich, mein Herr, will ich spielen. Auf dem Notenständer liegen Griegs "Peer Gynt" und Walzer von Chopin, im Regel daneben stehen Bachs "Johannes-Passion" und Schuberts "Winterreise", zu Mittag gibt es Knoblauchsuppe, Stockfisch und Schinkenkäsebrote. Nach dem Kaffee setzt sich Gunnar an sein Cello und spielt die "Sarabande" in G-Dur von J.S. Bach. Was für ein Dessert!
Der Rektor der Uni Weimar hatte kein Telefon
Die beiden sind ein seltsames Paar, aber so liebenswürdig und herzlich, dass man sofort zum protestantischen Glauben übertreten oder wenigstens adoptiert werden möchte. Gunnar, 1944 geboren, bringt nicht nur das Wort Gottes unter die Menschen, er ist auch ein ausgebildeter Musiker und hat zwischen 1960 und 1970 im Reykjaviker Symphonie-Orchester gespielt.
Plastik "Moskwitsch": Rostige Kupplungsscheibe auf weißem Grund
Und es gab auch eine historische Verbindung nach Deutschland. Gunnar hatte Cello bei Heinz Edelstein gelernt, einem deutschen Juden, der 1937 nach Island emigriert war, Cellist im isländischen Symphonieorchester wurde und später eine Musikschule in Reykjavik gründete.
Die Schüssel und der Hund
Außerdem hat Gunnar auf dem Gymnasium Deutsch gelernt. Eine Gedächtnisübung, die er mit 18 pauken musste, hat er bis heute nicht vergessen. "Ein Antiquitätenhändler, der auf dem Lande nach Raritäten suchte, kam zu einem Bauernhof, dessen Besitzer, eine Pfeife rauchend, mit sichtbarem Wohlgefallen einen jungen Hund betrachtete, der eben im Begriff war, sein Mittagessen zu verzehren. Es entging dem Kennerblick des Antiquitätenhändlers nicht, dass die Schüssel, woraus der Hund fraß, ein seltenes Stück alten Porzellans war.
Augusta Björnsson: "Wir waren nicht so wie die anderen"
Wer solche Geschichten liebt, darf sich nicht wundern, wenn er mal missverstanden wird. Zweimal im Laufe seiner Karriere wurde Gunnar "als Pfarrer entlassen", zuerst von der Freien Kirche in Reykjavik, dann von einer Landgemeinde in den Westfjorden, der er zehn Jahre gedient hatte. Warum man ihn nicht haben wollte? "Wir waren nicht so wie die anderen", sagt Augusta. Es waren die üblichen Intrigen, die vor allem in den dunklen Wintermonaten heftig toben, noch heftiger als die Unwetter. Seit 2002 ist Gunnar Pastor in Selfoss und mit seinem Job "sehr zufrieden". Im Winter kommen etwa 150 Gläubige zum Gottesdienst, im Sommer selten mehr als 50. Nicht sehr viel für eine Gemeinde mit 5000 Seelen und einer protestantischen Mehrheit von 99 Prozent.
"Gott denkt praktisch"
"Die meisten Isländer sind religiös, aber sie gehen nicht zur Kirche", sagt Augusta und findet das vollkommen richtig so: "Gott denkt praktisch, alles andere wäre zu umständlich." So hat Gunnar relativ viel Zeit fürs Cellospielen. "Ich bin mehr Musiker als Theologe." Außerdem schreibt er seit vielen Jahren ein Tagebuch, in dem er detailliert festhält, was er jeden Tag erlebt hat. "In Selfoss ist jeder Tag wie der nächste", aber als er in den Westfjorden war, da wurde es manchmal richtig aufregend. Zum Beispiel als Königin Margrethe von Dänemark und Prinz Hendrik am 14. Mai 1998 zu Besuch kamen. Die Königin hatte ein Safarikleid an, der Prinz eine Sportjacke. Zu essen gab es alles, was das Meer um Island hergibt: Krabben, Jakobsmuscheln (mariniert), Rotbarsch, Scholle, Schellfisch, Flunder (gegrillt), Steinbutt (mit Spinat), fermentierten Hai und Schollentartar. Zum Nachtisch Pfannkuchen mit Rhabarbermarmelade, Quarktorte, Cognac und Konfekt.
Pastor Björnnson: Zweimal als Pfarrer entlassen
Auch Augusta hat ein Hobby, sie macht "Objekte". Zwei hängen im Wohnzimmer, ein schräges Kreuz ("Gut und Böse") und eine rostige Kupplungsscheibe auf weißem Grund. Die Plastik heißt "Moskwitsch", denn die Kupplungsscheibe stammt tatsächlich von einem sowjetischen "Moskwitsch", einem früher in Island beliebten Autotyp. Die besten Stücke aber stehen in der Garage, wo die Hausfrau ihre Werkstatt eingerichtet hat, darunter eine "postfeministische Plastik" mit dem Titel "Er". Die Symbolik ist eindeutig. doch Augusta weist alle Verantwortung von sich. "Das mache ich nicht, das macht sich selbst."
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