Rom/Islamabad - Immerhin: Für zwei Niederländer hat das jüngste Bergsteigerdrama am K2 ein glückliches Ende genommen. Sie konnten mit Hilfe anderer Kletterer zum Basislager in 5000 Meter Höhe absteigen. Nach Angaben eines Heeressprechers wurden sie jetzt mit Erfrierungen in ein Militärkrankenhaus ausgeflogen. Elf weitere Bergsteiger hat die Tour auf den Berg das Leben gekostet. Ein Kletterer aus Italien befand sich am Montag noch auf dem Weg ins Basislager. Auch er soll an Erfrierungen leiden.
Manchmal ist es purer Nervenkitzel, manchmal die Lust, die eigenen Grenzen abzustecken und manchmal eine unerklärliche Obsession: Es gibt viele Gründe, warum Menschen plötzlich die höchsten Berge der Erde bezwingen wollen - den Everest, den K2, den Lhotse oder den Nanga Parbat. Schon die Namen erzählen von großen Abenteuern.
Wenn die Achttausender rufen, ist vielen Hobbybergsteigern heute sprichwörtlich kein Preis zu hoch, um sich von erfahrenen Alpinisten auf den Gipfel führen zu lassen. Aber kaum jemand kann dabei auf die Erfahrung eines Reinhold Messner oder eines Sir Edmund Hillary zurückgreifen. Tragödien von immer größerem Ausmaß sind die Folge, wie das jüngste Drama am 8611 Meter hohen K2 mit elf Toten bewiesen hat.
Reinhold Messner: "K2 inklusive"
Die Kritik an kommerziellen Extrem-Bergexpeditionen, die bereits 1996 nach dem Desaster am Mount Everest mit neun Toten erstmals laut wurde, ist wieder aufgeflammt. "Die Leute buchen heute sozusagen den 'K2 inklusive', fast so, als hätten sie eine All-inclusive-Reise nach Bangkok gekauft", sagte der Südtiroler Extremsportler Reinhold Messner am Montag.
Im Interview mit dem Fernsehsender N24 warnte er vor weiteren Unfällen am zweithöchsten Berg der Welt und sprach sich dagegen aus, Touristen auf die höchsten Berge im Himalaja und Karakorum zu lotsen. "Es wird nicht der letzte Unfall in dieser Dimension bleiben, wenn dieser Humbug, Reisegruppen auf den K2 und auf den Everest zu führen, nicht aufhört", sagte der italienische Bergsteiger.
"Wer auf die Achttausender steigen will, der muss Eigenverantwortung mitbringen und fähig sein, in solchen Höhen selbständig zu handeln." Leider gebe es aber heute eine große Nachfrage nach solchen Trips, "und wo es eine Nachfrage gibt, da gibt es auch einen Markt, und der setzt mittlerweile sehr viel Geld um". 30.000 bis 40.000 Euro kostet eine Tour auf den K2, der Everest ist noch teurer.
Die Grundfehler der Hobbykletterer am Berg seien dabei immer die gleichen, 1996 wie auch heute: "Damals, am Everest, hatten ein Sturm und der Tod von zwei Bergführern zu der Tragödie geführt, am K2 war es eine Eislawine, die den Rückweg versperrte - Fakt ist, dass den Kletterern jeweils die Erfahrung fehlte, um sich selbständig aus der Situation zu befreien", erklärt Messner. In beiden Fällen sei es zudem ein viel zu großes Risiko gewesen, noch bei anbrechender Dunkelheit den Gipfelsturm zu versuchen: "So was ist reine Dummheit, das ist nicht professionell."
Himalaja gleicht einem Supermarkt
Anatoli Boukreev, der vor zwölf Jahren als Führer für das Mountain-Madness-Team an der Everest-Besteigung teilgenommen hatte und am 10. Mai mehreren Kunden in dem verheerenden Sturm das Leben gerettet hatte, kritisierte bereits damals den zunehmenden Andrang im Himalaja: "Anfang der achtziger Jahre hätten Expeditionsbergsteiger und Träger, die sich während der Frühjahrssaison im Everest-Basislager zusammenfanden, in einem einzigen Waggon der Pariser Metro Platz gehabt. 1996 aber würden es insgesamt mehr als 400 Menschen sein, die den Pfad heraufgestiegen waren und ihre Zelte aufgeschlagen hatten, was dem Platz das Aussehen eines Rockkonzertmassenlagers verlieh", heißt es in seinem Buch "Der Gipfel".
In diesem August war die Situation am K2 ähnlich, wenn nicht sogar schlimmer. "Das Dach der Welt gleicht heute einem Supermarkt", kommentierte die Zeitung "La Stampa" am Montag. Der italienische Alpinist Fausto De Stefani, der alle Achttausender der Erde bezwungen hat, forderte bereits, die Fixseile - ohne die unerfahrene Bergsteiger keine Chance auf den Gipfel haben - abzumontieren: Diejenigen, die sich als Bergsteiger improvisierten, würden so abgeschreckt: "Ohne sich an etwas festzuhalten, schaffen sie den Abstieg nicht."
"Sonderbar, wirklich sonderbar"
Die Teilnehmer kommerzieller Expeditionen müssen sich im Klaren darüber sein, dass sie im Himalaja und Karakorum erfrorene Gliedmaßen oder sogar den Tod riskieren. Was ist es also, das sie auf die höchsten Gipfel der Welt zieht? "Ruhmsucht und übertriebener Ehrgeiz", meint der Schwede Fredrik Sträng, 31, ein Augenzeuge und Helfer bei den Bergungsarbeiten am K2. Was sie wirklich erwartet, ahnen allerdings nur die wenigsten: "Dies ist ein Berg, an dem man nicht ganze tote Körper findet. Hier findet man abgerissene Körperteile. So schlimm ist das."
Sträng glaubt, dass vieles von dem, was passiert ist, vermeidbar war. "Deshalb empfindet man jetzt eine Mischung aus Zorn und Trauer." Auch der Präsident der pakistanischen Bergsteigervereinigung, Nazir Sabir, sagte am Montag, das Unglück hätte verhindert werden können, wenn die Alpinisten nicht so spät aufgestiegen wären. "Es ist sonderbar, wirklich sonderbar, dass sie da so spät am Nachmittag waren."
Carola Frentzen, dpa/AFP/AP
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