Von Silvia Stammer
Hunderttausende Besucher können sich nicht irren. Oder doch? Dem touristischen Herdentrieb folgend, drängen sich Reisende vor Sehenswürdigkeiten, die sie vermutlich keines Blickes würdigen würden, wären sie nicht so berühmt. Willig krabbeln Urlauber in der Hitze zwischen alten Steinen, scheuen weder Kosten noch Mühen - Hauptsache, man war dort, wo die begleitende Reiseliteratur die Höchstpunktzahl vergibt ("einzigartig", "weltbekannt"). Aber heißt berühmt auch wirklich sehenswert? Manches vermeintliche Reise-Highlight ist bei Live-Betrachtung deutlicher schlechter als sein Ruf.
Hier einige Minus-Attraktionen im Überblick:
Mona Lisa in Paris
Von ihrer Beliebtheit kann Heidi Klum nur träumen. 8,5 Millionen Besucher drängen jährlich in den Pariser Louvre, jeder vierte kommt, um die Mona Lisa zu sehen. Das Porträt der jungen Lisa del Giocondo, das zu Beginn des 16. Jahrhunderts von Leonardo da Vinci (1452 bis 1519) gemalt wurde, hängt im Rosa Saal. Menschenmassen drängen sich vor dem Bild, das nach zwei Anschlägen und einem Raub mit Sicherheitsglas geschützt ist und gerade einem Anschlag mit einer Tasse entgangen ist.
Wer einen Blick erhascht, ist überrascht: Das Mini-Meisterwerk misst nur 77 mal 53 Zentimeter, ist kleiner als gedacht. Und außerdem ziemlich düster. Das angebliche Lächeln der 24-jährigen Lisa ist schwer auszumachen. Experten streiten noch, ob sie nur schiefe Zähne verbergen oder besonders sinnlich aussehen wollte. Mit einem Bekanntheitsgrad von 86 Prozent gilt sie als berühmtestes Gesicht der Welt. In einer Casting-Show des 21. Jahrhunderts hätte die rundliche, blasse Frau mit dem spitzen Kinn und dem strengen Mittelscheitel allerdings keine Chance.
Walk of Fame in Hollywood
"Ein Stern, der deinen Namen trägt", singt DJ Ötzi. Einer? 2387! So viele signierte Bodenplatten in Sternform zieren den Walk of Fame in Hollywood, den berühmtesten Bürgersteig der Welt, zu dem jährlich Zigtausende Besucher pilgern. Seit 1960 werden hier - mehr oder weniger - Prominente verewigt. Ein Abstecher zum Edel-Gehweg hat einen festen Platz im Drehbuch von Los-Angeles-Touristen, doch ein Blockbuster ist er nicht. Die rötlichen Sterne unterbrechen das schwarzpolierte Trottoir des Hollywood Boulevard zwischen Gower Street und La Brea Avenue wie Windpocken.
Zugegeben - einige Namen sind beeindruckend: Donald Duck oder Peter Lorre, Lilli Palmer oder Charlize Theron. Etliche Namen sind jedoch dem cineastisch durchschnittlich Begabten kein Begriff. Wer ist Sabu? Oder Carl Reiner? Die Atmosphäre des Hollywood Boulevard bleibt die einer amerikanischen Einkaufsstraße, kitschig-kommerziell, mit dem Dauerrauschen der vorbeibrausenden Autos als Untermalung.
Megalith-Tempel von Malta
Malta - der Name klingt nach Wärme, Urlaub, Wohlfühlen. 150.000 Deutsche reisten im Vorjahr auf die Insel im Mittelmeer. Doch war jemand öfter als einmal hier? Die Phönizier sind schuld, dass Malta jenseits der Hafenstadt La Valletta vielfach karg und staubig ist. Sie holzten die Mittelmeerinsel bereits in der Antike großflächig ab. Und die laut Reiseführer "einzigartigen" Megalith-Tempel aus der Steinzeit, an denen früher oder später jeder Malta-Tourist landet, fallen unter die Kategorie "Produktenttäuschung".
Die tonnenschweren Steine der rund 5500 Jahre alten Megalith-Tempel finden sich an rund 40 Stellen auf Malta und den kleinen Nachbarn Gozo und Comino. Ein wenig verloren stapfen Urlauber mit Sonnenhüten zwischen hochkant stehenden oder quer liegenden, hellen Felsblöcken umher. Es war sicherlich eine gewaltige Leistung, die tonnenschweren Brocken zu transportieren und anzuordnen. Damit endet aber auch der Respekt des Besuchers. Sollen die Malteser weiter stolz auf Zungenbrecher-Tempel wie Mnajdra oder Hagar Qim bleiben - ein Sprung ins blaue Mittelmeer in einer der versteckten Badebuchten wie Peter's Pool löst mehr Begeisterung aus.
Bondi Beach in Sydney
Die australische Hafenmetropole Sydney gilt als eine der schönsten Städte weltweit. Zu Recht: Opernhaus und Harbour Bridge, Wolkenkratzer und viktorianische Fassaden, ausgefallene Shops und exzellente Restaurants begeistern Gäste und Einheimische ("Sydneysider"). Und alle wollen zum Bondi Beach im Osten - da soll ja immer die Post abgehen: wagemutige Surfer, propere Bikini-Schönheiten, Super-Stimmung.
Aber wehe, Sie waren mal live und in Farbe da: Bondi ist ein eher durchschnittlicher Stadtstrand von überschaubarer Größe. Je nach Wetter völlig überlaufen oder gähnend leer, badet der Gast entweder in der Menge oder muss sich mit einer leicht verödeten Ladenzeile begnügen. Surfer sind vorwiegend dann da, wenn Fotografen dringend mal wieder neue Bondi-Motive suchen. Da strenges Rauch- und Alkohol-Verbot herrscht, fällt auch die Privat-Party am Strand ins Wasser. Und Schwimmen ist hier nur eine Alternative, wenn nicht Haialarm an der Küste herrscht.
Reeperbahn in Hamburg
Hamburg ohne Reeperbahn-Besuch? Undenkbar. Die geile Meile (die in Wahrheit nur 930 Meter lang ist) gilt als einer der Höhepunkte der Hansestadt-Tour. Das stimmt nachts um halb eins, vorausgesetzt man kennt die guten Adressen im Herzen von St. Pauli (zum Beispiel Restaurant Freudenhaus, St. Pauli-Theater, Roschinsky's). Tagsüber lässt die Reeperbahn weniger gute Gefühle aufkommen. Abgewetzte Fassaden ("Haralds Hotel"), erkaltete Leuchtreklamen, frühmorgens Restmüll auf den Gehsteigen: Der Kiez geizt mit Reizen.
Auch der Spielbudenplatz ist weniger lustig als sein Name vermuten lässt: Die zentrale Fläche der Reeperbahn wurde mangels besserer Ideen mit zwei monströsen Bühnen zugestellt, die nur gelegentlich bespielt werden. Über mancher Ecke der Reeperbahn weht nicht der Duft der Großen Freiheit, sondern der des kleinen Geschäfts. Wie lange Quiddjes (hamburgisch für Zugereiste) noch in der kultigen Esso-Tankstelle ("seit 1949 an 365 Tagen geöffnet") nach Geheimtipps fragen können ist unklar: Ein bayerischer Immobilien-Investor hat die Tanke gekauft und plant Neubauten auf dem Areal am Beginn der Reeperbahn.
Kleine Meerjungfrau in Kopenhagen
Ja, wo liegt sie denn? Die Wahrscheinlichkeit, die bekannteste Einwohnerin Kopenhagens auf Anhieb zu entdecken, ist so groß wie Dänemark-Urlaub ohne Regen. Am besten einfach den zahlreichen anderen Touristen folgen, die mit suchenden Augen den Langeliniekai im Hafen abschreiten. Ein Besuch bei der kleinen Meerjungfrau, nach Vorlage des Märchen von Hans Christian Andersen (1805 bis 1875) geschaffen, gehört zum Pflichtprogramm in Kopenhagen.
Endlich, am Hafenrand - ein dunkler Fleck im Wasser: Wenige Meter vom Ufer entfernt, fläzt die125 Zentimeter kurze Figur auf einem Granitstein im dunklen Ostseewasser. Die Bronzeplastik wurde 1909 von Bier-Baron Carl Jacobsen (1842 - 1914) bei Bildhauer Edward Eriksen in Auftrag gegeben. "Den Lille havfrue", wie die Dänen sagen, machte überregional vor allem wegen zahlreicher Attentate auf sich aufmerksam: abgeschlagener Kopf, abgesägte Arme, mal ein aufgemalter Bikini, mal Schmierereien mit roter Farbe. Sie gleich zu versenken, wie es Unbekannte 2003 taten, ist keine Lösung.
Eine Reise ins geschichtsträchtige Kopenhagen lohnt sich wegen der neuen Oper, Schloss Amalienborg und der Freistadt Christiania, aber nicht wegen der halbnackten Phantasie eines älteren Fabrikanten.
Prater in Wien
Die letzte Meldung vom Wiener Wurstelprater: Der Geschäftsführer der Liliputbahn, die seit 1928 ihre Runden dreht, geht nach 30 Jahren in Ruhestand. Die Nachricht passt in die Zeit: Für die einen ist der Rummelplatz in der österreichischen Grünanlage Nostalgie, für die anderen ein überholtes Relikt. Fakt ist: Jeder Wien-Besucher will mindestens einmal den Prater sehen, featuring Der Dritte Mann. Ein bisserl Romantik, ein bisserl Charme erhofft der Tourist, zur Abrundung nach Stephansdom und Sachertorte. Aber fehlt tagsüber schon der rechte Schwung, ist abends ab halb acht auf dem Wiener Zentralfriedhof wohl mehr los als auf dem Prater-Rummelplatz.
Dass das Vergnügungsareal im sechs Quadratkilometer großen Prater-Park in die Jahre gekommen ist, hat inzwischen auch die Stadt erkannt. Seit 2004 soll eine neue Service-Gesellschaft den Prater aufpolieren. Ein Anfang, zum Beispiel durch den neuen Riesenradplatz ist gemacht - aber eben nur ein Anfang. Tipp für eine Fahrt mit dem Riesenrad: Den Blick nach vorne richten, über die Dächer der Donaustadt, nicht auf die fleckigen Betonfassaden der Buden am Boden.
Bernsteinzimmer in St. Petersburg
Verbrannt oder gestohlen, auf jeden Fall verschwunden: Vom legendären Bernstein-Zimmer aus dem 18. Jahrhundert fehlt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs jede Spur. Ist es noch irgendwo in der russischen Enklave Königsberg versteckt oder mit dem Flüchtlingsschiff "Wilhelm Gustloff" untergegangen? So sicher die Unsicherheit über den Verbleib der Wandvertäfelung ist, so zwingend steht die Nachbildung auf dem St.-Petersburg-Programm bei Russland-Reisenden: Seit 2003 ist im Katharinenpalast im nahen Zarskoje Selo die rekonstruierte Fassung des Bernsteinzimmers zu sehen, dort, wo es von 1716 bis 1941 beheimatet war.
Doch die Betrachtung löst Ernüchterung aus: Das soll das achte Weltwunder gewesen sein? Mit 70 Quadratmeter Grundfläche ist das Zimmer recht überschaubar, und die braungelben Wände rufen mehr Beklemmung als Begeisterung hervor. Da waren die Restaurierungs-Arbeiten spannender: sechs Tonnen versteinertes Harz wurden in der Werkstatt neben dem Palast verwendet, seit 1979 hatten rund 50 Restauratoren über eine halbe Millionen Bernsteinplättchen geschnitten und wie ein Puzzle zusammengesetzt. Wie bei einem Puzzle gilt auch hier: Wenn es fertig ist, macht es keinen Spaß mehr. Vielleicht taucht das echte Bernsteinzimmer niemals auf, dann bliebe immerhin ein Rest Nervenkitzel.
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