Ich habe in Istanbul und in Kairo gelebt, ich bin in Bagdad und in Isfahan Motorrad gefahren. Ich dachte, mich überfordert keine Stadt mehr.
Dann brach ich zu meinem Freund Badia nach Mekka auf, kurz vor Beginn des Hadsch, der großen Pilgerfahrt.
Die Reise begann - nicht wegen des Hadsch, sondern wegen eines kurzfristig nach Mekka verlegten Interviews - in Riad, der Hauptstadt von Saudi-Arabien. Und sie begann in einem Mietwagen, denn die Maschinen in den Süden des Königreichs sind seit Wochen so überbucht wie die Überland-Taxis in die heilige Stadt. "Sie werden selbst fahren müssen", sagte der Mann von der Autovermietung und drückte mir den Schlüssel in die Hand. "Wir haben keine Fahrer mehr."
Neun Stunden dauert die Wüstenfahrt von Riad nach Mekka, und es sind tausend Kilometer, die demütig machen, gleich zu Beginn dieser an Erfahrungen der Demut reichen Reise. Wochen-, monatelang waren die Pilgerkarawanen früher durch diese Wüste unterwegs, je nachdem, ob der Hadsch, der dem muslimischen Mondkalender folgt, in die Hitze des Sommers oder in die Sandsturmzeit des Winters fiel.
Viele Straßen führen nach Mekka, die aus Riad ist die schönste, zumindest auf den letzten Kilometern, die in grandiosen Serpentinen 1400 Höhenmeter vom Hedschas-Gebirge in die Ebene von Mina, Arafat und Musdalifa hinunterführen. In diesem breiten Hochtal versammeln sich die Gläubigen während der fünf Pilgertage, um zu beten, still zu verweilen, symbolisch den Satan zu steinigen und sich spirituell zu reinigen - mit einem Wort: um Hadschis zu werden.
Wassernebel gegen die Hitze
Viel ist von dieser Spiritualität und Reinheit nicht wahrzunehmen, bevor die Pilger kommen. Die Ebene ist öd und trostlos, sie sieht aus wie eine Stadt, die viele Straßen, doch keine Häuser hat. Der Wind bläst loses Buschwerk, Softdrink-Dosen und Plastiktüten über den Sand und den Asphalt. In Mina, am Ausgang des Tals, stehen Aberhunderte von weißen Zelten. Noch sind sie leer, und scheinbar sinnlos ragen Tausende von Laternen- und Sprinkler-Masten in den Himmel. Von Mittwoch bis Sonntag aber, an den Pilgertagen, werden sie nachts Licht verströmen und die Gläubigen tagsüber mit feinem Wassernebel besprühen. Zu Mittag hat es in Mekka selbst jetzt im November noch 35 Grad.
Etwa 800.000 Einwohner hat die Stadt übers Jahr, auf mehr als drei Millionen schwillt sie in den Wochen vor dem Hadsch an. Die Dichte an Autobussen, Obst- und Gemüselastern, Taxis und Motorrädern ist erdrückend, schon am Stadtrand legt sich ein Schatten von Klaustrophobie auf die Ankommenden.
Ich habe zwar Badias Büro-Adresse, eine grobe Wegbeschreibung und den Ehrgeiz, mich durchzukämpfen, doch zum ersten Mal in Mekka selbst am Steuer, habe ich nach fünf Minuten keine Ahnung mehr, wie ich dort hinkomme.
Ich halte an, um einen Lotsen zu finden. Ein weißer Toyota Cedric hält an, sofort niedergehupt von den Nachströmenden. Aschraf, ein im Straßenverkehr von Kairo gestählter Ägypter, dreht die Scheibe runter und versteht auf Anhieb, wo ich hinwill: ans andere Ende der Stadt. "Bleib dicht hinter mir", sagt er. "Lass dich nicht abdrängen. Hier, meine Handynummer. Bil Tawfik!" Das heißt "Viel Glück".
Pilgern zur Baustelle
Mekka ist eine kleine, enorm gedrungene Stadt, von Felsbergen eingefasst, innen mit Hochhäusern vollgestellt, außen von Slums umgeben: Tagsüber sieht sie aus wie Hongkong, nur ohne Wasser und ohne jeden Hauch von Grün. Nachts fühlt sie sich mit ihren vielen Brücken und Tunnels an wie die Stadtlandschaft aus einem Computerspiel.
Wir könnten das Zentrum umfahren, doch Aschraf hat sich für die Diritissima entschieden. Nach 500 Metern Straßenkampf stecken wir fest, links neben mir ein Mülllaster, rechts ein Pilgerbus, beide nur fingerbreit von meinen Außenspiegeln entfernt. Vor mir Ashraf, hinter mir ein Polizei-Jeep, der - wofür eigentlich? - das Blaulicht kreisen und die Sirene heulen lässt.
Nach einer halben Stunde sind wir 500 Meter weiter, ich schalte, um den Motor zu schonen, die Klimaanlage aus. Dann wird der Grund für unseren Stau sichtbar: Ein Tieflader, mit baumlangen Stahlträgern bepackt, hat sich in einer viel zu engen Kurve verkeilt.
Mekka ist eine Baustelle, darüber haben Besucher schon vor Jahrhunderten geklagt. Das ist die Stadt auch heute noch, und zwar mit allen Mitteln, die der moderne Hoch- und Tiefbau zur Verfügung stellt. Mekka wächst zurzeit mit einem Tempo, mit dem in den vergangenen Jahren Dubai gewachsen ist. Nur wilder.
Ströme von Pilgern zwängen sich zwischen unseren Autos durch. Stoisch ertragen sie, die Männer in ihre weißen Tücher gehüllt, die Frauen in ihre Umhänge, den Staub und die Hitze. Es gibt zwei Aggregatzustände in Mekka: Pilgern und Malochen. Selbst während des Hadsch kommt die profane Arbeit nicht zur Ruhe.
"Kannst du mir ein Dubai-Visum beschaffen?"
Bagger, Schuttlaster, Rettungs- und Leichenwagen drängen auf die Stadtautobahn herein. Aschraf wusste, warum er mich gewarnt hat. Zeitweise verliere ich ihn völlig aus den Augen. Doch er wartet, die Warnblinker an, vor der nächsten Rampe, der Beginn einer Freundschaft in hektischen Zeiten. "Mabruk", sagt er, als wir am Ziel sind. Das heißt "Glückwunsch".
Aschraf lebt seit sieben Jahren in Mekka, er ist Fahrlehrer. Bestimmte Nationalitäten, die sich hier niederlassen wollen, als Kaufleute, als Lasterfahrer, als Reiseleiter, müssen den saudi-arabischen Führerschein machen. Aschraf hat sie alle durch die Prüfung gebracht, die Sudanesen und Malaysier, die Bengalen und Jemeniten. "Es ist für jeden Muslim etwas Besonderes, in dieser Stadt zu leben", sagt er, "doch Mekka ist anstrengend, heiß im Sommer, kalt im Winter. Die Arbeit ist mühsam, und das Gehalt ist niedrig. Kannst du mir in Dubai ein Visum verschaffen? Oder in Deutschland?"
Der Hadsch ist für Aschraf, was er für viele Bewohner von Mekka ist: Horror und Hochsaison, Zeit zum Davonlaufen und Zeit zum Geldverdienen. Seinen eigenen Hadsch hat er vor Jahren gemacht, die Weihe des Ortes, welche die Gläubigen in diesen fünf Tagen empfinden, hat sich für ihn verflüchtigt. Er hat Urlaub genommen, um sich über die Feiertage als Chauffeur und Pilgerführer zu verdingen. An Fahrstunden wäre im Dauerstau der Pilgerzeit ohnehin nicht zu denken.
Auch mein Freund Badia, in Mekka geboren und Journalist wie ich, hat während des Hadsch viel zu tun, doch es gehört zum Selbstverständnis, zum Wesen der Mekkaner, den Besuchern der heiligen Stadt zu helfen. "Mutawafin" nennt man die Pilgerführer - wortwörtlich die, welche die Gläubigen im Kreise um die Kaaba führen.
Ein Mutawaf ist auf seine Weise auch Badia. "Wir haben ein paar spannende Tage vor uns", sagt er, als wir zu unserem ersten Tee beisammensitzen. "Du wirst sehen: Mekka zum Hadsch, das ist etwas anderes als Kairo im Ramadan. Was sehen wir uns als Erstes an?"
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