20 Jahre auf dem Meer: "Zu Hause ist, wo das Boot ist"

Ihre Kinder sind auf dem Schiff geboren, haben mit Delfinen schwimmen gelernt und nie eine Schule besucht. Seit mehr als 20 Jahren reist "Mare"-Autorin Jill Dickin Schinas mit ihrer Familie um die Welt. Segeln ist für sie kein Abenteuer - sondern ihr Leben.

Eine Familie und die "Mollymawk": Ein Leben auf dem Segelboot Fotos
Anja Lehmann

An diesem Tag, in diesen Breitengraden, ist der Atlantik von einem Blau, wie es sich schöner nicht denken lässt. "Wie Satin", murmele ich, "oder wie die Schwanzfedern eines Pfaus." "Noch viel besser", sagt Roxanne, "aber du hast mir immer noch nicht gesagt, welche Farbe ich nehmen soll."

Die "Mollymawk" senkt ihr Deck, als eine größere Welle unter ihr durchrollt. Ihre hohen, dreieckigen Segel schwenken im Gleichtakt vor dem Himmel hin und her. Ich schaue auf den Aquarellblock auf Roxannes Knien. Im Augenblick scheint es hier in dieser blauen Wüste nur unser kleines Boot zu geben; dabei schwimmen weit unter uns, unter dem Kiel der "Mollymawk", Fische, Wale und wer weiß was alles. Vor einer halben Stunde statteten uns einige andere Seereisende einen Besuch ab. Eine Gruppe Atlantischer Fleckendelfine umschwärmte unseren Bug, und die hat Roxanne gezeichnet.

Jetzt muss sie entscheiden, welche Farben sie für ihr Kunstwerk wählen soll. "Ultramarin?", fragt sie. Ich vermute, dass ein Kind seine Mutter oft um Rat fragt, aber in unserem Fall gibt es besondere Gründe dafür. Zum einen bin ich Künstlerin, und was vielleicht noch wichtiger ist: Ich bin auch Roxannes Lehrerin, die einzige, die sie je gehabt hat.

Roxanne wurde vor 14 Jahren an Bord unserer Yacht geboren, und wie ihr älterer Bruder Caesar und ihre ältere Schwester Xoë hat sie ihr Leben damit verbracht, von Land zu Land und über die Ozeane zu reisen. Wenn man sie fragt, woher sie kommen, dann antworten die Kinder: "Aus England." Aber Caesar und Xoë kamen in der Karibik zur Welt, und Roxanne verließ England, als sie zwei Wochen alt war.

Eher Weltbürger als Bürger einer Nation

Die drei halten England nicht wirklich für ihr Zuhause. Zu Hause ist, wo sich das Boot gerade befindet, aber das kann man Fremden nur schwer erklären. Keines der drei Kinder hat je in einem Haus gewohnt. Keines von ihnen könnte den Namen eines Filmstars oder Fußballers nennen. Sie wissen nichts über Designerklamotten, gefeierte Popstars oder Fernsehsendungen. Keiner hat länger als zwei Wochen probeweise eine Schule besucht.

Die Schulbildung meiner Kinder unterscheidet sich sehr von der anderer europäischer Jugendlicher. Auch ihre Einstellung zum Leben ähnelt kaum der von Gleichaltrigen. Sie sind eher Weltbürger als Bürger einer Nation.

Es gibt viele Paare, die ein paar Jahre auf Segelbooten verbringen. Die Route um die Welt ist inzwischen erprobt, und solche Reisen sind nichts Ungewöhnliches mehr. Für die meisten stellt eine solche Expedition jedoch ein einmaliges Abenteuer dar. Ist der Törn beendet, dann fahren sie nach Hause und setzen ihr normales Leben fort. Für die Crew der "Mollymawk", für meinen Mann Nick und mich und unsere Kinder, ist es anders. Für uns ist das Segelabenteuer das Leben.

Wie kamen wir dazu, dieses Leben zu wählen? Das ist immer die erste Frage an uns. Es begann damit, dass Nicks Vater in Rente ging und beschloss, um die Welt zu segeln. Bis dahin war die Familie immer nur im Ärmelkanal gesegelt, aber irgendetwas inspirierte ihn, den Blick gen Horizont zu richten. Nicks Mutter begleitete ihn aus Pflichtbewusstsein, aber Nick war überglücklich, Teil der Crew zu sein.

Nach Ende der Reise wollte Nick nicht mehr nach London in sein normales Leben zurückkehren. Sein einziger Wunsch war es, die Ozeane zu überqueren. Er begann, Yachten von Frankreich in die Karibik und in pazifische Länder zu überführen. Er ist ein talentierter Mechaniker und kann alle möglichen Geräte reparieren. So einem geht nie die Arbeit aus.

Skipper mit verschmitztem Augenzwinkern

Was mich betrifft: Ich bin mit Booten aufgewachsen, und ich dachte schon immer nur ans Segeln und ans Meer. Selbst als Teenager waren mir Shantys lieber als Popsongs. Mein Lieblingskleidungsstück war eine Seemannsjacke. Als ich von zu Hause auszog, zog ich auf ein Boot, aber ich wusste noch nicht, dass man sein Leben tatsächlich damit verbringen kann, nach Lust und Laune über die Ozeane zu fahren und von einem fremden Land ins nächste zu reisen.

Diese Einsicht gewann ich erst, als ich das erste Mal den Atlantik überquerte. Ich half dabei, eine nagelneue Yacht auf die Virgin Islands zu überführen. Der Skipper war ein gut gelaunter Seebär mit einem verschmitzten Augenzwinkern, und der Rest ist, wie man zu sagen pflegt, Geschichte. Seit über 20 Jahren führe ich nun schon dieses Leben.

Von Anfang an war mir klar, dass dieser Cruising-Lifestyle für Kinder wunderbar sein muss. Statt in einem Vorort mit Fernseher und Autoabgasen aufzuwachsen, würden sie ihre Zeit in einer wunderbaren Umgebung verbringen, sie würden Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen begegnen und ihre Lungen mit der sauberen Seeluft füllen. Wie es sich zeigen sollte, traf dieser Traum im Großen und Ganzen zu.

Ich will nicht behaupten, dass dieses Leben an Bord nicht auch seine Nachteile hätte. Babys und Kleinkinder müssen ständig betreut werden, und diese Betreuung kann in der Cruising-Family nur durch Mutter und Vater erfolgen. Es gibt keine Schwestern oder Großmütter und auch keine Babysitter und Kindergärten, die einen entlasten könnten. Zwei kleine Kinder zu betreuen und mitzuhelfen, ein Boot zu segeln, war zweifellos das Anstrengendste, was ich je in meinem Leben unternommen habe. Aber als die Kids allmählich ihren Windeln entwuchsen und sich ihre Nase selbst putzen konnten, wurde alles einfacher.

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insgesamt 191 Beiträge
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1. Jeder wie er will, aber...
DonQuappo 07.11.2011
die Erzählerin romantisiert die ganze Sache schon sehr. Mein wichtigster Kritikpunkt an der Sache wäre das mit der Bildung, so richtig kann ich das mit den glänzenden Abschlüssen nicht glauben. Ich frage mich wie den Kindern anspruchsvollere Dinge wie Mathematik und Physik vermittelt werden, und zwar auf solidem Abiturniveau. Zudem frage ich mich wie man mit dieser "Vorbildung" überhaupt zu einer deutschen Abiturprüfung zugelassen werden kann. Ein Bekannter von mir mit österreichischem Schulabschluss hatte erhebliche Schwierigkeiten die Gleichwertigkeit anerkannt zu bekommen, da ihm ein einziger Kurs ("darstellende Geometrie", weiss ich bis heute noch) angeblich fehlte. Aber eine Prüfung in diesem Bereich oder generell eine Abiturprüfung ad hoc irgendwo zu machen war schlicht unmöglich, weil dieses Fach Teil des regulären Mathematik-Unterrichtes war/ist. Und ich bin zwar kein Segler, habe mich aber in jungen Jahren dennoch nicht auf den Straßen rumgetrieben, weder bei McDonalds ernährt und so gut wie nie fern gesehen. Von daher ist das Argument ziemlich schwach, weil sowas Erziehungssache ist, und m.E. keine Rechtfertigung die Kids von jeden längerfristigen sozialen Kontakten fern zu halten. Anyhow - not my problem.
2. Was für ein privilegiertes Leben. Toll!!
fleischwurstfachvorleger 07.11.2011
Zitat von sysopIhre Kinder sind auf dem Schiff geboren, haben mit Delfinen schwimmen gelernt und nie eine Schule besucht. Seit mehr als 20 Jahren reist "Mare"-Autorin Jill Dickin Schinas mit ihrer Familie um die Welt. Segeln ist für sie kein Abenteuer - sondern ihr Leben. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,793695,00.html
Und von was hat die Familie gelebt?
3. Wovon......
Kurt G 07.11.2011
.....leben die Herrschaften eigentlich ? So nett und aufschlussreich dieser Bericht ist, bleibt er hier sehr schwammig. Sind es etwa Kapitaleinkünfte, die andere Menschen durch den Schweiss ihre Arbeit am Fliessband erst erwirtschaften müssen ? Ist also das freie schöne Leben der Einen nur möglich, weil Andere malochen ?
4. Titelito
JochenvK 07.11.2011
Hallo Kurt, lesen Sie nochmal diese Textpassage "Ich half dabei, eine nagelneue Yacht auf die Virgin Islands zu überführen. Der Skipper war ein gut gelaunter Seebär mit einem verschmitzten Augenzwinkern, und der Rest ist, wie man zu sagen pflegt, Geschichte. Seit über 20 Jahren führe ich nun schon dieses Leben."
5. Neidgesellschaft
andre47 07.11.2011
Zitat von Kurt G.....leben die Herrschaften eigentlich ? So nett und aufschlussreich dieser Bericht ist, bleibt er hier sehr schwammig. Sind es etwa Kapitaleinkünfte, die andere Menschen durch den Schweiss ihre Arbeit am Fliessband erst erwirtschaften müssen ? Ist also das freie schöne Leben der Einen nur möglich, weil Andere malochen ?
1. Was geht Sie das an...Freuen Sie sich doch am Glueck anderer Menschen. 2. Diese Neidgesellschaft macht das Leben in Deutschland unertraeglich.
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