27 Jahre auf Weltreise: Die Unumkehrbaren

Von "GEO Special"-Autor Markus Wolff

169 Länder, 27 Äquatorübergänge und 18.132 Stunden am Lenkrad: Eigentlich wollte ein Schweizer Ehepaar nur zu einer einjährigen Tour aufbrechen. Aber nach mehr als einem Vierteljahrhundert sind die Schmids noch immer unterwegs. Was wird aus einer Weltreise, wenn sie kein Ende mehr findet?

Schweizer Ehepaar: Eine Weltreise ohne Ende Fotos
Christopher Pillitz

Natürlich wird irgendwann das Ende kommen. Aber an Tag 9680 seiner Reise wird sich Herr Schmid in der Hitze Sri Lankas noch einmal mit seinem Hammer dagegenstemmen. Behutsam schlägt er gegen den Anlasser des Wagens, fast so, als wollte er ihn ermuntern. Aber der Motor bleibt stumm.

"Mist!", ruft Schmid, den Kopf sonnenrot, klemmt sich einen Schraubenzieher zwischen die Zähne und schiebt seinen Körper weit unter die Kühlerhaube. In Papua-Neuguinea sei das doch schon einmal passiert, sagt Frau Schmid beruhigend. "Da mussten wir nur warten!" Wie ein verstimmtes Erdmännchen taucht ihr Mann wieder auf, Schweißperlen schießen von der Stirn in den grauen Bart. "Und wie lange sollen wir warten?", fragt er. "Bis morgen?" Dann beißt er wieder auf den Schraubenzieher.

"Das sind die Kleinigkeiten, vor denen der Emil am meisten Angst hat", flüstert Frau Schmid. Dass eines Tages kein Hammer mehr hilft und auch keine Reparatur. Dass der Wagen einfach stehen bleibt wie ein Herz und ein Mechaniker sagt, man könne leider nichts mehr für das Fahrzeug tun. Dass der Traum von der nie enden wollenden Reise plötzlich gestorben ist und dass es das Leben, das die Schweizer Emil und Liliana Schmid gekannt haben, nicht mehr gibt.

Unvorstellbar. Zumal sie es in diesem Leben schon so weit gebracht haben. Weiter als die meisten. Exakt 656.045 Kilometer haben die Schmids zurückgelegt, seit sie am 16. Oktober 1984 einen kleinen Ort bei Zürich verließen und fortan fuhren und fuhren. Wie ein Perpetuum mobile, nicht zu stoppen. Sie rollten durch Regenwälder und Wüsten, Flüsse und Schluchten. Afrika und Asien querte ihr Land Cruiser genauso wie Nord- und Südamerika und machte in über einem Vierteljahrhundert aus einer Chefsekretärin und einem Buchprüfer zwei Weltrekordler mit Eintrag im Guinnessbuch; länger als sie war noch nie jemand mit ein und demselben Fahrzeug auf Reisen.

Von Argentinien bis Zypern durch 169 Länder

Erleichterung. Der Rekordwagen ist wieder angesprungen. Bald darauf sitzen die Schmids in einem kleinen Restaurant an der Westküste Sri Lankas und erzählen im Schweizer Singsang, dass es ja auch Superlative gebe, über die man sich streiten könne. "Wie viele Wäscheklammern am Kopf und so was", sagt Schmid. Seine Leistung aber, die Leistung von ihm und seiner Frau, sei als classical record eingestuft, nicht als ein Gag. "Das macht mich schon stolz."

Emil Schmid, 69, ist ein kleiner, grauhaariger Mann, Liliana, 70, eine Frau mit freundlich lächelnden Augen hinter einer breiten Brille. Ohne ihren Jeep ein eher unauffälliges Paar, das aber mit anekdotensicherem Selbstbewusstsein von seiner Tour durch bislang 169 Länder erzählt, von Argentinien bis Zypern. Wer es genauer wissen will, kann mit schräg gehaltenem Kopf an den Kotflügeln des Toyotas entlanggehen, auf denen die Namen aller besuchten Staaten kleben.

Was zwischen den Aufklebern alles geschehen ist, haben die Schmids schon oft erzählt. So oft jedenfalls, dass auf Fragen die Antworten wie trainierte Reflexe kommen. Wenn es um Heimweh geht ("Der Toyota ist unser Haus"), um ihren Antrieb ("Noch immer die Neugier"), um das Bleiben ("Wir haben den richtigen Ort noch nicht gefunden"). Längst können sie die Erlebnisse auch in verschieden lange Versionen raffen. In eine kurze Fassung für neugierige Passanten genauso wie in eine ausführliche, in der sie abwechselnd erzählen, Frau Schmid aber ihrem Mann die meisten Pointen überlässt.

Die übrigen nimmt sich Schmid, indem er seine Hand auf ihren Arm legt und sagt: "Wart doch mal, du kommst immer zu früh!" Dann mäandern die Geschichten von der Übernachtung im Ferienhaus des samoanischen Vizepräsidenten oder dem sich gelösten Rad in Los Angeles noch ein wenig, bevor sie zumeist auf seinem Lieblingskontinent auslaufen: Afrika. Geschichten aus einer irritierend heilen Welt, durch die zwei glücklich erscheinende Senioren fahren.

Hitzetest in Marokko

Unzertrennbar sind sie, seit sie sich Jahrzehnte zuvor in der Firma kennenlernen, in der sie arbeiten. Sie heiraten, ziehen zusammen. Vierzimmerwohnung, "steuergünstige Lage", sagt Schmid. Getrennt voneinander unternehmen sie nichts mehr, allein geht seine Frau nur noch einmal pro Woche zum Friseur. Sie reisen viel. Aber kaum sind sie zurück, will er wieder los. Ständig getrieben, was sich nie ändern wird.

Einmal fahren sie in den Urlaub nach Marokko. Hitzetest, Schmid will sehen, wie seine Frau auf hohe Temperaturen reagiert. Sie besteht, ohne es zu wissen. Ein Jahr lang überredet er sie danach zu einer Reise durch Afrika und kauft einen Land Cruiser, der mit vergrößertem Tank, Spezialfedern und Aufbauten über vier Tonnen wiegt, eine Tonne mehr als zulässig. Ein mit Gittern vor den Scheiben gesichertes Bollwerk, das Freiheit bedeuten soll, auch wenn es nach Käfig aussieht.

Sri Lanka, am nächsten Morgen. Die Schmids verstauen ihre Taschen im Wagen. Die Nacht haben sie in einem der einfachen Hotels verbracht, die sie sich hin und wieder leisten, seit sie das Rentenalter erreicht haben und die Schweiz ihnen eine Pension überweist wie einen Bonus für 27 Jahre unfallfreies Fahren. 3161 Franken monatlich, rund 2625 Euro. Damit lägen sie in der Heimat unter der Armutsgrenze, hat Frau Schmid im Internet gelesen.

Aber vor allem in Asien lebt es sich davon gut. Zumal die Schmids kaum regelmäßige Ausgaben haben. Die Jahresgebühr für den Schweizer Verkehrsclub und monatlich 60 Franken Miete für die Dinge, die sie vor ihrer Abfahrt auf dem Dachboden ihres Hauses eingelagert haben. Weil sie zunächst nur ein Jahr fortbleiben wollten, dann ein weiteres, bis irgendwann unausgesprochen klar war, dass sie nicht mehr zurückkommen würden. Die Welt steht ihnen seither offen und ist doch auf die Maße eines himmelblauen Autos geschrumpft.

So sind die Kisten auf dem Dachboden seit einem Vierteljahrhundert unberührt, eine in Pappkartons konservierte 1980er-Jahre-Miniatur. Seine Bierdeckelsammlung, die Ziehharmonika, ihre Miniröcke. "Die konnte sie gut tragen, damals", sagt Schmid, und seine Frau rollt mit den Augen. Neun vollgestempelte Reisepässe liegt das zurück, die Frau Schmid sorgsam aufbewahrt; wenn sie in den Ausweisen blättert, ist es wie eine Zeitreise durch Länder, Brillenmodelle und Frisuren.

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Bildertext
rheinläufer 01.02.2012
Zitat von sysop169 Länder, 27 Äquatorübergänge und 18.132 Stunden am Lenkrad: Eigentlich wollte ein Schweizer Ehepaar*nur zu einer einjährigen Tour aufbrechen. Aber nach mehr als einem Vierteljahrhundert sind die Schmids noch immer unterwegs. Was wird aus einer Weltreise, wenn sie kein Ende mehr findet? http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,811744,00.html
Hinweis an die Redaktion: Zürich ist nicht die Hauptstadt der Schweiz.
2. Hauptstadt Zürich
volatus123 01.02.2012
Zitat von sysop169 Länder, 27 Äquatorübergänge und 18.132 Stunden am Lenkrad: Eigentlich wollte ein Schweizer Ehepaar*nur zu einer einjährigen Tour aufbrechen. Aber nach mehr als einem Vierteljahrhundert sind die Schmids noch immer unterwegs. Was wird aus einer Weltreise, wenn sie kein Ende mehr findet? http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,811744,00.html
Die Hauptstadt der Schweiz ist Bern und nicht Zürich..
3. Suchtfaktor Weltreisen
insidecanada 01.02.2012
Zitat von sysop169 Länder, 27 Äquatorübergänge und 18.132 Stunden am Lenkrad: Eigentlich wollte ein Schweizer Ehepaar*nur zu einer einjährigen Tour aufbrechen. Aber nach mehr als einem Vierteljahrhundert sind die Schmids noch immer unterwegs. Was wird aus einer Weltreise, wenn sie kein Ende mehr findet? http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,811744,00.html
Traumhaft geschrieben, Kompliment! Den Suchtfaktor bei Reisen scheint es tatsächlich zu geben. Nicht ganz so lang wie die Schmids war der Kanadier Jean Béliveau unterwegs - zu Fuß: In elf Jahren zu Fuß um die Welt | Inside Canada: So lebt sich's hier (http://canada365.wordpress.com/2011/10/18/in-elf-jahren-zu-fus-um-die-welt/)
4. nicht ganz...
hottrod 01.02.2012
Zitat von volatus123Die Hauptstadt der Schweiz ist Bern und nicht Zürich..
Streng genommen hat die Schwez keine Hauptstadt. Der Regierungssitz ist Bern und somit zwar de facto Hauptstadt. De jure jedoch, ist Bern es nicht. Einen schönen Gruss aus der Schweiz.
5. Man braucht auf Reisen viel weniger Geld als Daheim!
merapi22 01.02.2012
Zitat von insidecanadaTraumhaft geschrieben, Kompliment! Den Suchtfaktor bei Reisen scheint es tatsächlich zu geben. Nicht ganz so lang wie die Schmids war der Kanadier Jean Béliveau unterwegs - zu Fuß: In elf Jahren zu Fuß um die Welt | Inside Canada: So lebt sich's hier (http://canada365.wordpress.com/2011/10/18/in-elf-jahren-zu-fus-um-die-welt/)
Das Leben ist eine Reise, viel zu schade wer das ganze Leben immer an derselben Stelle verbringt! Es hat noch einen guten Spiegel-Artikel: 20 Jahre auf dem Meer / Zu Hause ist, wo das Boot ist" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Reise (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,793695,00.html) Malaysia ist zur Zeit der Treffpunkt für Langzeitreisende, hier bekommt man problemlos ein 3 Monate Visum, es hat eine Multikulti Gesellschaft welche die Festtage aller zu Feiertagen gemacht hat, nach Wochenlangen chinesisch Neujahr, beginnt am Wochenende das indische Thaipusam-Fest .Das Leben wird so zum Fest und wie das nette Ehepaar gut erklärt, man braucht auf Reisen viel weniger Geld als Daheim! Zeit zur Abreise, nur Mut!
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