Abalone-Fischen in Kalifornien: Schnecken mit Schrecken

Von "Mare"-Autor Peter Haffner

Abalonen sind ein Schmaus für den, der weder Mühe noch Gefahr scheut. Denn wer die Meeresohren zum Dinner will, muss in der Van-Damme-Bucht bei San Francisco abtauchen - und darf den Weißen Hai nicht fürchten.

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Serge Hoeltschi

Beuteglück: Hillel Posner ertaucht ein Abendessen zu zweit

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"Du bleibst immer in meiner Nähe und schaust nach Haien aus, klar?"

"Aye, aye, Sir!", sagte ich, und Hillel tauchte ab.

Es war ein Tag zum Reinbeißen. Weiße Gischt zerstob an den Felsen, eine leichte Brise kühlte die Sonnenglut, und das Wasser lag so ruhig und blau, dass es einen juckte, geradewegs nach China zu schwimmen.

Das Kajak war keine drei Meter lang, nicht halb so groß wie Weiße Haie. Hier, an der kalifornischen Pazifikküste, sorgen sie alle paar Jahre dafür, dass Steven Spielbergs Naturschocker nicht in Vergessenheit gerät. Kürzlich hat einer von ihnen einem 19-jährigen Bodysurfer das linke Bein abgebissen.

Hillel Posner, mein Kumpel, trug einen Neoprenanzug mit Bleigurt, Flossen, Maske und Schnorchel. Und keine Waffe, bis auf das Abaloneeisen. Vergleichsweise nackt, wie ich war, zählte ich darauf, das Untier würde im Zweifelsfall eine Unterwasserkreatur wie ihn mir und meinem schwerverdaulichen Boot vorziehen. Außerdem war Hillel um einiges jünger und bestimmt schmackhafter.

Soldatenhelm mit Einschusslöchern

Nach knapp zwei Minuten tauchte er auf und warf mir einen Soldatenhelm vor die Füße. Er war rostrot und hatte ein halbes Dutzend sauberer Einschusslöcher, die in einer sanft geschwungenen Linie angeordnet waren, als sei Lucky Luke am Werk gewesen, der Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten.

Es war aber kein Helm. Es war eine Abalone mit ihren Atemöffnungen, die Delikatesse, auf die wir aus waren. Die Seeohren, wie sie auch genannt werden, gehören zur Gattung der Schnecken aus der Familie der Haliotidae. Sie sind in den wenigstens halbwegs warmen Küstengewässern jedes Kontinents verbreitet, mit Ausnahme der Atlantikküsten Süd- und Nordamerikas und der Karibik.

Hillel hatte mir vorgeschwärmt, wie gut das Fleisch der Tiere schmecke, ob roh, gekocht oder gebraten. So gut, dass es vielerorts einen Schwarzmarkt dafür gibt und die Mollusken als gefährdete Spezies gelten.

Kalifornien jedoch hat den Fang strikt geregelt, für Überwachung wird gesorgt, und die Populationen sind stabil. Man darf nicht mehr als drei Stück am Tag nehmen und nicht mehr als 24 im Jahr, nur die rote Art und keine unter einem Durchmesser von 18 Zentimetern und all dies nur in der Saison von April bis November, ausgenommen Juli.

Nebst einer Fischereilizenz ist eine Stempelkarte mit Banderolen erforderlich, um die Beute als legal zu markieren. Der Fang mithilfe von Tauchgeräten ist ebenso verboten wie der Verkauf der Tiere oder nur schon der schönen Schale, deren Innenseite in allen Perlmuttfarben schillert.

In Großbritannien, wusste Hillel, war es zur weltweit ersten Unterwasserverhaftung gekommen, als ein Polizist in voller Tauchermontur einen Einwohner von Guernsey im Ärmelkanal festnahm, der das dort geltende Verbot, bei der Jagd nach Abalonen nur schon den Kopf unter Wasser zu stecken, missachtet hatte.

Verschollene Abalonetaucher

Hillel war wieder unten, tauchte auf, schnappte Luft und ging erneut los. Die Schnecken klebten an den Felsen, und schob er das Abaloneeisen nicht blitzschnell unter ihren Fuß, klammerten sie sich fest. "Nicht mal mit einem Bagger würdest du sie dann loskriegen", sagte er.

Bald legte er die zweite Abalone ins Kajak, die er ebenso mit der Messschraube geprüft hatte. Alles in Ordnung, 20 Zentimeter Durchmesser, ein Prachtstück.

Dann tauchte er ein letztes Mal ab und kam nicht wieder hoch. Ich fixierte die Stelle bei dem kleinen Wald von Seetang, vergeblich. Unlängst, hatte er mir gesagt, seien vier Abalonetaucher ebenda, in der Van-Damme-Bucht bei Mendocino, verschwunden und nie mehr gesehen worden.

Plötzlich gurgelte Wasser hinter mir. Ich wandte mich um. Und sah das grauschwarze Dreieck - die Rückenflosse des Weißen Hais! Er kam hoch, ich schluckte, blinzelte gegen die Sonne, und das Monster riss sich die Maske vom Gesicht. Es war Hillel, mit der dritten Abalone.

Am Ufer begrüßte uns der Ranger, inspizierte den Fang und wünschte guten Appetit. Wir fuhren nach Hause, öffneten eine Flasche Weißwein und machten uns an die Zubereitung der Beute. "Na, Schiss gehabt vor dem Weißen Hai, was?", fragte Hillel, als er den ersten Bissen nahm.

"Aber sicher", sagte ich. "Wie sollte der einen alten Sack wie dich fressen wollen, wenn er mich haben kann?"

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Serge Hoeltschi

Blubb: Es gilt, schnell wieder aufzutauchen, um nicht selbst als Leckerli zu enden

Rezept: Pochierte Abalone mit Zitronengras und Ingwer

Zutaten (für 2 Personen)

2 EL Olivenöl, 1 Stängel Zitronengras, gehackt, 1 Stück Ingwer, gehackt, 1Tasse trockener Weißwein, 1 frische Abalone (oder aus der Dose aus dem Asia-Laden), 150 Gramm schwer, 1/2 Tasse Schlagrahm, Salz, Pfeffer.

Zubereitung

Olivenöl, Zitronengras und Ingwer in einem Saucenpfännchen 20 Minuten bei niedriger Hitze ziehen lassen. Wein hinzugeben, aufkochen und um zwei Drittel reduzieren. Die Abalone in drei Millimeter dicke Scheiben schneiden und flach klopfen. Den Inhalt des Pfännchens in eine Bratpfanne gießen und Rahm einrühren. Zum Kochen bringen, leicht reduzieren und würzen. Die Abalone dazugeben, dünsten und in der Sauce servieren. Dazu passt Pasta mit Gemüse.

Dieser Text stammt aus dem "Mare"-Heft Nr. 98, Juni/Juli 2013.

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insgesamt 20 Beiträge
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    Seite 1    
1.
c_c 19.06.2013
Zitat von sysopSerge HoeltschiAbalonen sind ein Schmaus für den, der weder Mühe noch Gefahr scheut. Denn wer die Meeresohren zum Dinner will, muss in der Van-Damme-Bucht bei San Francisco abtauchen - und darf den Weißen Hai nicht fürchten. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/abalone-tauchen-in-kalifornien-a-906179.html
Müssen denn die Menschen wirklich ALLES fressen!?
2. Video
skombil 19.06.2013
Für alle die mehr sehen wollen: http://www.youtube.com/watch?v=j3KHuYQd8zA
3. @ c_c, klar,
cmburns1 19.06.2013
genauso wie der Mensch auch ALLES vernichtet, wo er hinlangt!
4.
Flari 19.06.2013
Zitat von c_cMüssen denn die Menschen wirklich ALLES fressen!?
Natürlich nicht! Ich z.B. kann gut auf Tofu verzichten.
5.
Synapsenkitzler 19.06.2013
Hatte der Schreiber für sich Haikostüme dabei, um der Aufforderung gerecht zu werden?
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