Abenteuer Anden Auf den Pfaden der Inkas

Der Aufstieg ist mühsam, das Erlebnis grandios: Gigantische Zeugnisse einer geheimnisvollen Kultur liegen vor den Wanderstiefeln in Choquequirao, der "Wiege des Goldes". In der alten Inka-Stadt in den Anden Perus treffen sich Hobby-Archäologen und Trekking-Fans.


Noch ein anstrengender Aufstieg, dann ist es geschafft: Der letzte Pass ist genommen und es kommt - spektakulär auf einem Bergrücken in 3100 Meter Höhe liegend - die alte Inkastadt Choquequirao in den Blick.

"Wiege des Goldes" bedeutet ihr Name in Quechua, der alten Sprache der Inka. Manchmal wird die Ruinenstadt auch "die Schwester Machu Picchus" genannt - weil sie dem berühmten Besuchermagneten in den peruanischen Anden so ähnlich ist. Und mit ihren Ausblicken ins tiefe Apurimac-Tal stellt Choquequirao in der Tat eine Alternative zum Besuch des überlaufenen Weltwunders dar.

Mit rund 2000 Besuchern täglich ist der Peru-Klassiker Machu Picchu mittlerweile deutlich überlastet. Auf dem "Inka-Trail" treten sich jährlich 500 Gruppen mit jeweils bis zu 40 Trekking-Fans auf die Wanderstiefel. Der Rest kommt mit Bussen und Zug. In Choquequirao hingegen sind die wenigen Abenteurer fast unter sich - abgesehen von den Archäologen, denen sie bei der Arbeit zuschauen können.

Aquädukte und Gebetsstätten

Choquequirao ist knapp 45 Kilometer vom Machu Picchu entfernt und flächenmäßig sogar größer: Bisher ist die Stadt nur zu einem Viertel freigelegt. Sie gilt als eine der letzten Bastionen des Widerstandes der Inka gegen die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert. Die Stadt besitzt zahlreiche Aquädukte, Tempel, Wohnhäuser und Brunnen. Berühmt und einzigartig sind vor allem die "weißen Lamas" aus Stein, welche die gigantisch großen Terrassen zieren. Auf einer Anhöhe liegt eine ovale Ritualplattform, von der aus der Hohepriester die Inka-Götter anbetete. Nachmittags ziehen hier Kondore ihre Kreise.

Die "Wiege des Goldes" wurde 1710 von dem peruanische Forscher Juan Diaz Arias Topete wiederentdeckt, geriet aber für Jahrhunderte in Vergessenheit, bis 1909 der Machu-Picchu-Entdecker Hiram Bingham hierher kam. Erste Ausgrabungen wurden 1986 vorgenommen, die ersten Trekking-Freaks kamen 1993 an. Viel hat sich immer noch nicht geändert. Gerade 60 Personen besuchen pro Woche die Anlage. Wie Anfang der 90er Jahre Machu Picchu, gilt Choquequirao heute als Geheimtipp für Hobby-Archäologen und Abenteuerlustige.

Keine Straße und keine Eisenbahn führt hierher - und selbst der Wanderweg ist kein Kinderspiel. Es gibt die sechstägige Route von Cachora aus sowie die lange, abenteuerliche Strecke von Huancalle über Choquequirao nach Cachora. Gerade einmal 20 Gruppen machen sich pro Jahr auf, um diese 13-tägige, spektakuläre Route zu meistern.

Täglich acht Stunden Fußmarsch

Von Huancalle zur "Wiege des Goldes" sind es rund 90 Kilometer Fußmarsch. Um 6.00 Uhr morgens setzt sich der Trupp in Bewegung. Der Weg führt durch die tiefen Schluchten das Vilcabamba-Gebietes, des letzten Rückzugsraums der Inka, nachdem die Spanier ihr Reich erobert hatten. Es war im Jahr 1537, als sich Häuptling Mancu Inca gegen die Eroberer auflehnte. Nachdem er die Schlacht um Cusco verloren hatte, zog er sich mit seinen Gefolgsleuten ins Vilcabamba-Gebiet zurück, um an der Grenze zum Amazonas-Urwald einen neuen Staat zu gründen.

Viele Jahre konnten die Inka neue Städte errichten. Dutzende Ruinen und Inka-Siedlungen überziehen deshalb heute die Region. Trotz der historischen Bedeutung und landschaftlichen Reize von Vilcabamba verirren sich Touristen aber nur selten in diesen abgelegenen Winkel der Anden. Selbst Archäologen bahnen sich nur langsam den Weg zu neuen Funden. "Es gibt hier so viele versteckte Inka-Ruinen, dass es noch Jahre dauern wird, nur einen Teil davon freizulegen", versichert Edison Perez Sanchez, der die Wanderer nach Choquequirao begleitet.

Das Erlebnis muss hart erkämpft werden: Geschlafen wird in Zelten neben rauschenden Gebirgsbächen oder auf dramatisch gelegenen Felsvorsprüngen mit Panoramablick ins Tal. Täglich müssen rund acht Stunden zu Fuß zurückgelegt werden - kein einfaches Unternehmen in Höhen von zum Teil mehr als 4000 Metern. Bereits am zweiten Tag führt der Weg bis zum verschneiten Choquetacarpo-Pass auf 4635 Meter hinauf. Reiseleiter Wilbert Yucra versucht, die atemlosen Abenteurer mit Indioliedern auf seiner Holzflöte voranzutreiben.

Brillenbären und Gletscher-Panorama

Der Weg führt durch tiefe Canyons, über hohe Gebirgspässe und durch dichten Nebelwald. Vorbei an verschneiten Fünftausendern geht es auf den Inkapfaden bergauf und bergab. Nach fünf Tagen erscheint im Yanama-Tal die erste Indio-Siedlung. Aus den Holzhütten steigt Rauch auf. Frauen bereiten gerade Cuy zu, kleine Meerschweinchen, während die Männer die Felder auf den steilen Berghängen bearbeiten.

Von Yanama aus geht es wieder steil bergauf. Dichter Nebel hält die Wanderer auf dem schmalen Pass dicht an der Felswand. Vorbei an den alten Silberminen spanischer Konquistadoren erreicht die Gruppe den 4100 Meter hoch gelegenen Victoria-Pass. Im Hintergrund strahlt über dem Grün des Nebelwaldes der schneeweiße Warwaqiara-Gletscher.

Übernachtet wird in Maizal, einem Felsvorsprung, von dem aus bereits die Inka-Terrassen von Pinchinuyoc zu sehen sind. 20 Arbeiter sind dort mit der Restaurierung der rund 80 Terrassen und der Kultstätten beschäftigt. Die Zelte werden direkt neben den Ruinen aufgeschlagen. In der Nacht versucht ein Brillenbär eines der Maultiere zu reißen. All das ist Abenteuer pur - doch der Höhepunkt erwartet die Trekking-Gruppe erst am Tag darauf: Choquequirao.

Manuel Meyer, dpa



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