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Abenteuer Pamir-Highway: Schafschützen voraus!

Tief im tadschikischen Pamir-Gebirge liegt das Rückzugsgebiet der seltenen Marco-Polo-Schafe. Fotograf Michael Martin begab sich mit dem Teleobjektiv auf die Suche im Schnee - und traf auf ein Jagdcamp mit besonderem Anspruch.

Tief im Pamir: Jagd auf das Marco-Polo-Schaf Fotos
Jörg Reuther

"So früh hat es noch nie geschneit", erinnert sich der alte Kirgise in der behaglich geheizten Jurte. In holprigem Russisch ergänzt er, dass das Wetter in den vergangenen Jahren immer rauer wurde. "Bald werden wir unsere Yaks bereits Mitte September von der Weide nehmen müssen", übersetzt unser russischsprechender Begleiter Benedikt seine Sorgen.

Jörg, Benedikt und ich rücken noch ein Stück näher an den in der Mitte der Jurte stehenden Ofen und schlürfen Sircoj-Tee, gesalzen und mit Yak-Butter versetzt. Zum Abendessen gibt es eine Art Porridge, nicht unbedingt schmackhaft, aber wir haben nach einem langen Fahrtag Hunger. Wir sind seit zehn Tagen im Pamir, auf dem Dach der Welt, längst haben wir uns an die dünne Luft in gut 4000 Metern Höhe gewöhnt. Gemeinsam mit der Nomadenfamilie, Großeltern, Eltern und zwei Kinder, schlafen wir warm und friedlich in der geräumigen Jurte.

Nachts hatte es zu schneien aufgehört, der nächste Morgen bringt klares Wetter und die Herbstsonne zurück. Wir bedanken uns mit Polaroidfotos bei der Kirgisen-Familie für die Gastfreundschaft und fahren auf dem Pamir-Highway weiter nach Alichur.

Der Ort wirkt mit seinen weißen Häusern wie eine kleine Hafenstadt ohne Meer. Der eisige Wind treibt Sand durch die Gassen, in der Ferne glitzert ein Salzsee. Wir quartieren uns im einzigen Homestay des 200-Seelen-Ortes ein, der Besitzer ist ein weiser, ruhiger Kirgise mit Würde und Ausstrahlung. Er erzählt, dass er in jungen Jahren Jäger gewesen sei und präsentiert uns Bilder, die ihn mit erlegten Marco-Polo-Schafen zeigen. Interessiert zeigt er uns auf der Karte ihre letzten Rückzugsgebiete.

Seltene Schafe zum Abschuss frei

Dort müssen wir hin, wenn wir ihnen auch nicht mit dem Gewehr, sondern mit Teleobjektiven nachstellen wollen. Am nächsten Tag schaukeln Jörg, Benedikt und ich gemeinsam mit unserem Fahrer Pamirbek und seinem russischen UAZ-Bus auf einer schlechten Piste nach Süden.

Die Landschaft ist typisch für den Ostpamir: Hochebenen werden überragt von 5000 bis 6000 Meter hohen Gebirgszügen, die durch den frühen Wintereinbruch verschneit sind. Nach vier Stunden Fahrt verengt sich ein Tal, vor uns liegt ein provisorisch wirkendes Jagdcamp aus alten Containern. Hier kommen hauptsächlich im Winter vermögende Jäger aus aller Welt unter, denen ein Marco-Polo-Schaf in ihrer Trophäensammlung fehlt.

Wir hatten zunächst erhebliche Vorbehalte gegen das Camp und seine Bewohner, werden aber bald eines Besseren belehrt. Zum einen ist Atobek, der Inhaber des Camps, ein echter Naturliebhaber, zum anderen ist sein Konzept die einzige Möglichkeit, die seltenen Tiere vor weiterer Dezimierung durch Wilderer und Viehzüchter zu schützen. Er hat eine Konzession für ein Jagdgebiet von 3000 Quadratkilometern an der afghanischen Grenze, in dem Tausende der Schafe leben.

Nur ausgewählte, alte Widder werden zum Abschuss freigegeben. Eine derartige Trophäe ist manchen seiner Gäste bis zu 50.000 Dollar wert. Mit diesen Einnahmen finanziert Atobek den Schutz "seiner" Marco-Polo-Schafe vor meist afghanischen Wilderern. Er sucht auch den Ausgleich mit Viehhaltern, deren Yaks und Schafe um die raren Weidegründe mit den wilden Tieren konkurrieren. Nur gegen zwei natürliche Feinde kann und will er nichts unternehmen: den im Ostpamir allgegenwärtigen Wolf und den extrem seltenen Schneeleoparden.

Jörg und ich sind froh, immerhin eine Herde von 300 Marco-Polo-Schafen an einem Steilhang fotografieren zu können.

Bei den Ismaeliten von Langar

Am nächsten Tag fahren wir unmittelbar an der afghanischen Grenze entlang nach Westen. Unser Ziel ist der legendäre Wakhan-Korridor, der einst die Seidenstraße mit Afghanistan verband. Das tief eingeschnittene Tal stellt die Grenze zwischen dem tadschikischen Pamir und dem afghanischen Hindukusch dar. Wir blicken von den verschneiten Höhen des Pamir tief hinunter nach Langar, das als letztes Dorf vor der afghanischen Grenze in dem fruchtbaren, 2000 Meter hoch gelegene Korridor liegt.

Es ist so kalt, dass es bei unserer Ankunft in Langar auch dort schneit. Wir kommen im Gästehaus des Rais, des Ortsvorstehers, unter, der als Khalifa auch das geistige Oberhaupt der Ismaelitengemeinde von Langar darstellt. Die Ismaeliten repräsentieren eine besondere Glaubensrichtung des Islams: Es fehlen Moscheen, es gibt keinen Feiertag, Wissenschaft und Bildung werden hochgehalten, und über allem steht das geistige Oberhaupt, der Aga Khan. Der sorgt mit klugen Entwicklungs- und Bildungsprojekten nicht nur im Wakhan-Korridor für relativen Wohlstand und Frieden.

Bei Schneetreiben folgen wir dem Wakhan-Korridor 50 Kilometer nach Westen, um Interviews mit Waldpächtern zu führen. Der Wald war nach dem Ausbleiben der Kohlelieferungen durch die Sowjetunion auch hier von den Einwohnern gezwungenermaßen abgeholzt worden. Nun wird er mit Unterstützung der GTZ, der deutschen "Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit", wieder aufgeforstet und in die Obhut von Pächtern gegeben, um der voranschreitenden Verwüstung des Wakhan-Korridors Einhalt zu gebieten.

Herbstimpression im Pamir

Wir sind aufgrund der Dreh- und Fotoarbeiten so durchgefroren, dass uns der Gedanke an die heiße Quelle von Bibi Fatima nicht mehr loslässt. Eine Stunde später klettern wir über steile Stufen in die Felsgrotte, die von zwei kleinen Wasserfällen mit 40 Grad Celsius warmen Wasser gefüllt wird. Sie gilt als die schönste Thermalquelle des Pamirs.

Mit wiedererwachten Lebensgeistern treten wir in die Kälte und erleben, wie sich der Wolkenvorhang lichtet. Uns hält nichts mehr, wir fahren zurück nach Langar, verlassen dort den Wakhan-Korridor und klettern in der Abenddämmerung mit dem altersschwachen UAZ-Bus 2000 Höhenmeter nach oben. Neuschnee liegt auf den kahlen Bergen, die vom Mond beleuchtet werden. Eine Stunde lang versuchen wir, in der Kälte mit unseren Kameras den Zauber dieser Nacht einzufangen.

Um Mitternacht sind wir zurück in Alichur, schlafen bei der kirgisischen Familie, die wir schon kennen und machen uns am nächsten Tag auf den langen Rückweg. Bis in die tadschikische Hauptstadt Duschanbe sind es mindestens 20 Fahrstunden. Der Pamir verabschiedet uns mit einem Blick auf den Gunt-Fluss. In einer Biegung haben sich die Blätter der Pappeln gelb gefärbt, darüber spannt sich ein tiefblauer Himmel, in den verschneite Zacken mächtiger Berge hineinragen - wie in den Dolomiten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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1. Highway
stanis laus 28.09.2010
in ganz neuer Bedeutung. Eine Höhenstrasse über Berge und nicht die kreuzungsfreie Autobahn, die das Wort ursprünglich bedeutete.
2. Abenteuer Pamir-Highway: Schafe schützen
drchristapardeller 28.09.2010
Nicht Schafschützen, aber Schafe schützen. Tiere lieben, Tiere nicht quälen und Tiere nicht töten. Tiere sind Lebewesen. Tiere nicht essen, sind auch Lebewesen und Freunde. Kein Fleisch, keinen Fisch essen.
3. Schon einmalig,
marypastor 29.09.2010
Zitat von sysopTief im Pamir-Gebirge liegt das Rückzugsgebiet der seltenen Marco-Polo-Schafe. Fotograf Michael Martin begab sich mit dem Teleobjektiv auf die Suche im Schnee*- und traf auf ein Jagdcamp mit besonderem Anspruch. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,719121,00.html
so eine Reise. Wuerde ich auch gerne mal. Wie macht man sowas ? Wie finanziert man das ? Diese Reisen sind ja nicht billig, und nur hinterher vom Verkauf der Fotos oder eines kleinen Buches, sozusagen als Reisefuehrer, kann man die Kosten nicht decken.
4. zerebrale Degeneration durch Proteinmangel?
duk2500 29.09.2010
Zitat von drchristapardellerNicht Schafschützen, aber Schafe schützen. Tiere lieben, Tiere nicht quälen und Tiere nicht töten. Tiere sind Lebewesen. Tiere nicht essen, sind auch Lebewesen und Freunde. Kein Fleisch, keinen Fisch essen.
Jesses Maria, da hätte ich fast vor Schrecken den Kaffee über die Maus geleert, so ein weltfremdes Geschwurbel. Sogar der WWF unterstützt Projekte wie "camp fire", wo bestimmte Tierarten nachhaltig bejagt werden, um durch eben diese Erlöse den Einheimischen einen Anreiz zu schaffen, diese Arten zusammen mit ihren auf einmal auch finanziell wertvollen Ökosystemen zu erhalten. Klar, einem Veganer ist das schnurz, der denkt nur an seine eigenen Emotionen. Für den Natur- und Artenschutz ist allerdings das in dem lesenwerten Artikel beschriebene Beispiel nachhaltiger Naturnutzung durch ordentliche Jagd des wesentlich bessere Weg.
5. Nicht nur der WWF ...
JEW-T 01.10.2010
Zitat von duk2500Jesses Maria, da hätte ich fast vor Schrecken den Kaffee über die Maus geleert, so ein weltfremdes Geschwurbel. Sogar der WWF unterstützt Projekte wie "camp fire", wo bestimmte Tierarten nachhaltig bejagt werden, um durch eben diese Erlöse den Einheimischen einen Anreiz zu schaffen, diese Arten zusammen mit ihren auf einmal auch finanziell wertvollen Ökosystemen zu erhalten. Klar, einem Veganer ist das schnurz, der denkt nur an seine eigenen Emotionen. Für den Natur- und Artenschutz ist allerdings das in dem lesenwerten Artikel beschriebene Beispiel nachhaltiger Naturnutzung durch ordentliche Jagd des wesentlich bessere Weg.
... unterstützt solche Erhaltungs- und Schutzmaßnahmenm, auch der zitierte Agha Khan (das geistige Oberhaupt der Ismaeliten) durch seine gleichnamige AK Foundation, der Sierra Club, die GTZ und das BMZ, ..., sie alle unterstützen solche Vorhaben erfolgreich und Ergebnis-orientiert. Lediglich die Spenden-orientierten Tierschützer schaffen das seit Jahrzehnten nicht -Paradebeispiel Kenia-, machen aber trotzdem unverdrossen und unverändert weiter. Man läßt sich halt nicht gerne durch Fakten verwirren...
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Zur Person

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de


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