Abenteuer Weltumrundung Wogen als Wiege, Windel im Segel

Sie ankerten vor traumhaften Stränden, tauchten an Korallenriffen und ernährten sich von Fischen: Sechs Jahre lang segelten Michael Wnuk und Nathalie Müller aus Düsseldorf um die Welt, um Abenteuer zu erleben - bis die Geburt ihrer Kinder das Leben an Bord umkrempelte.

Von Reinhild Haacker


Die kleine Maya ist noch sichtlich wacklig auf den Beinen - für musikalische Darbietungen aber reicht das Stehvermögen allemal. Nur mit einer Windel bekleidet, donnert sie munter den Topfdeckel auf die lackierte Holzbank, dreht ihn neugierig um, um ihn dann scheppernd über die Oberfläche gleiten zu lassen. Papa Michael fängt die Szene mit seiner Videokamera ein und ist dabei mindestens so stolz wie die Hauptdarstellerin. Genervte Kommentare geräuschempfindlicher Nachbarn müssen beide nicht fürchten – die sind viele Meilen entfernt. Sehr viele.

Atlantik, Panama-Kanal, Pazifik, Indischer Ozean - von Ost nach West führte der Kurs von Michael Wnuk und Nathalie Müller auf der " Iron Lady", einem über zwölf Meter langen Stahlsegelboot. Insgesamt sechs Jahre waren die beiden Düsseldorfer unterwegs. Tauchen in der Karibik, Tiere beobachten auf Galapagos und monatelange Aufenthalte in traumhaften Buchten im Pazifik - kaum ein Abenteuer ließen die beiden aus, bis Nathalies Schwangerschaft das Leben der beiden umkrempelte.

"Kreißsäle zum Weglaufen"

"Die Hormone spielten die ganze Zeit verrückt", sagt Michael, den Schwangerschaft und Geburt mindestens so emotional bewegt haben wie seine Partnerin. "Und man hat ständig Angst, dass man die falsche Entscheidung trifft." Während 25 Knoten Wind dem Weltumsegler-Paar auf ihrer bisherigen Reise nichts anhaben konnten, hat die Verantwortung für die werdende Familie den Seebären Michael zum Nachdenken gebracht. "Ich bin plötzlich viel vorsichtiger geworden", sagt Michael. Je näher der Geburtstermin rückte, um so heftiger war der Drang, geschützte Häfen anzulaufen.

Zur Welt kam die kleine Maya dann in Malaysia. "Die Kreißsäle dort sind zum Weglaufen. Nicht wie bei uns mit Räucherstäbchen und gedämpften Licht. Aber zumindest von der Hygiene her war das private Krankenhaus, in dem ich entbunden habe, in Ordnung", sagte Nathalie. Durch einen Yogakurs beim Heimatbesuch und dank einer früheren Hospitanz in der gynäkologischen Abteilung eines Krankenhauses fühlte sie sich bestens vorbereitet.

Babybad im Ozean, Fisch statt Fertignahrung

Ins Bordleben wurde das Baby sehr schnell integriert. Die Schaukelbewegungen des Bootes ersetzten die Wiege, das Tragetuch den Kinderwagen, und während ihre Altersgenossen erste Planscherlebnisse in wohltemperierten Badewannen vollzogen, war der indische Ozean der Ort für Mayas Erstwasserung.

Dank fehlender Erziehungsratgeber genoss Nathalie den Luxus eines komplett ungezwungenen Mutterdaseins. "Die ersten Monate waren in jeder Hinsicht positiv. Wenn man nicht ständig damit konfrontiert wird, wie was gemacht werden sollte - dann stillt man einfach und macht sich keine Gedanken darüber."

Die 33-Jährige wuchs schnell in ihre Rolle hinein – und entwickelte sich nebenbei zur Fachfrau in Entsorgungsfragen. An Bord stand ein Eimer mit Wasser bereit, um Mayas Hinterlassenschaften wegzuspülen. Windel-Müllberge wurde zudem dank ausgefeilter Waschtechnik vermieden. "Die Stoffwindeln haben wir aneinandergebunden und hinter dem Boot hergezogen. Das war dann der Hauptwaschgang", erklärt Nathalie. Der Wind ersetzte den Wäschetrockner und wehte das Salz des Wassers gleich mit heraus.

Entsprechend der Gegebenheiten an Bord hat sich bei Maya auch der Speiseplan entwickelt. "Es gab in den ersten Monaten viel Kürbis und Bananen und Fisch. Den mag sie heute noch gerne", sagt Nathalie. Michael pflichtet ihr bei. "Ja, Fisch in allen Variationen: Rollmops, Thunfisch, Forelle und sogar Sushi."

Schwierige Rollenverteilung

Das Leben mit Nachwuchs an Bord hat aber auch Schwierigkeiten mit sich gebracht, so sieht es jedenfalls Nathalie. "Mich hat genervt, dass ich nicht mehr mitsegeln konnte", sagt sie über die Zeit als junge Mutter. Weil sie unter Deck mit der Kinderversorgung beschäftigt war, hatte Michael die Arbeit an Ruder und Winsch übernommen. "Ich habe mich plötzlich nicht mehr als vollwertiges Crewmitglied gefühlt - und das ist wohl das, was viele Mütter in Deutschland in ihrem Alltag erleben."

Auf dem Festland in Düsseldorf haben sie später die Rollen getauscht. Michael arbeitet heute als freischaffender Grafiker und Segellehrer und kümmert sich um den Nachwuchs. Nathalie macht ihre Facharztausbildung in plastischer Chirurgie. Für ihr Familienleben haben sich die beiden auf ihrer Weltreise viele Anregungen geholt. "Uns ist aufgefallen, dass die Kinder zum Beispiel in Asien mehr in den Alltag eingebunden werden. Es ist in Indien normal, wenn die Frau auf dem Markt die Tomaten abwiegt und dabei das Baby stillt", sagt Nathalie. "Oder die Kinder hängen im Tuch verknotet an der Federwaage - und alle paar Minuten zieht dann jemand dran."

"Verantwortung in Bauch, Herz und Rücken gespürt"

Ein Jobangebot für Nathalie und die bevorstehende Geburt ihrer zweiten Tochter Lena im Jahr 2007 hatten das Ende der Weltreise beschleunigt. "Mit einem Kind segeln - das geht ja. Mit zwei Kindern die gefährlichen Gewässer zu durchqueren - das war uns zu riskant", sagt Michael mit Blick auf die Seegebiete vor der afrikanischen Küste, aus denen immer wieder von Piratenüberfällen berichtet wird. "Ich habe plötzlich die Verantwortung im Bauch, im Herzen und im Rücken gespürt", sagt Michael.

Nach Deutschland zurückgebracht haben Michael und Nathalie viele Erinnerungen, die sie in ihrem Buch "Meer als ein Traum" verarbeitet haben. Mit zwei Kindern unterscheidet sich ihr heutiges Leben komplett von dem vorm Start der Reise: "Wir haben ein anderes Leben zurückgebracht", sagen die beiden heute.

Abschied mit Hindernissen

Den Schritt von damals hat Michael nicht bereut. "Ich hatte die Schnauze voll", erinnert er sich an die 12-bis-16-Stunden-Arbeitstage in einer Werbeagentur. Allerdings war der Start ins neue Leben nicht ganz frei von Problemen: Der Kauf des Bootes und viele Reparaturen haben die finanziellen Vorräte der beiden Weltumsegler schnell ausgedünnt. "Wir sind mit absolut wenig Geld gesegelt", sagt Wnuk.

Hinzu kam auch der Abschied von guten Freunden und den Verwandten. "Vater und Mutter allein zu lassen, ist nicht einfach", sagt Michael. Und die Erinnerung an die ersten Tage in der Fremde lässt ihn schaudern. "Auch wenn ich immer den Coolen spiele, so cool war ich denn doch nicht."

Die "Iron Lady" liegt heute geschützt in einer Bucht in Südafrika, der alljährliche Besuch der Crew ist geplant. Und Nathalie und Michael schließen nicht aus, dass sie Deutschland mit ihren Töchtern irgendwann endgültig den Rücken kehren - natürlich auf der "Lady". Das Fernweh sei durch ihre lange Reise nicht gestillt, sondern erst recht geweckt worden.

"Vor allem möchten wir unseren Kinder all die schönen Plätze auf dieser Welt noch einmal zeigen", lautet die Motivation der beiden für einen erneuten Aufbruch. Und ein weiterer Grund spielt eine große Rolle: "Wenn man so lange in den Tropen gelebt hat, dann hat man keine Lust mehr auf Regenwetter."



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Seite 1
ante84 06.10.2008
1.
Zitat von sysopViele denken darüber nach, wenige realisieren es tatsächlich: dem bisherigen Alltagsleben "Adieu" sagen und für eine (un-)bestimmte Zeit Aussteigen. Doch ist ein solches Vorhaben angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen Turbulenzen überhaupt zu verantworten? Und wenn ja, welches wären Ihre Ausseiger-Träume?
Einsame Insel mit Frau und Eigenversorgung. Und ne Riesenplantage für Hanf... :-)
fritze meier, 06.10.2008
2.
Zitat von sysopViele denken darüber nach, wenige realisieren es tatsächlich: dem bisherigen Alltagsleben "Adieu" sagen und für eine (un-)bestimmte Zeit Aussteigen. Doch ist ein solches Vorhaben angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen Turbulenzen überhaupt zu verantworten? Und wenn ja, welches wären Ihre Ausseiger-Träume?
was was was??? verantworten? vor wem denn, wenn nicht vor sich selbst? es gibt einen einzigen grund, auszusteigen, und das ist bereits der gedanke daran. zuviele menschen leben nach zielen und vorstellungen, die nicht ihre eigenen sind. vielmehr lernen wir zu früh, materielle werte als erstrebenswerte zu erachten und vergessen, wie wir uns eigentlich als denkendes individuum fühlen. auto, führungsposition, bausparvetrag, altersvorsorge... schon als noch völlig unfertige menschen werden wir mit diesen lebenskonzepten als einzig gültige konfrontiert. in ermangelung von mut und unterstützung, streben wir 20 jahre danach, um in der mitte des lebens zu merken, dass es andere für uns leben. es ist nie zu spät, allen und allem adieu zu sagen, wenn es nur dazu dient, sich selbst wiederzufinden. keine familie, kein freund, kein kollege hat wirklich etwas von uns, wenn wir uns selber nicht für unsere eigenen ideen anerkennen und lieben. seien sie noch so andersartig oder konträr. mein aussteiger-traum ist keiner mehr, er ist paradiesische realität.
Lopez21 06.10.2008
3. Sysop, ist das zynisch gemeint?
... angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen Turbulenzen ueberhaupt zu verantworten? Mein lieber Jolly, ich frage, ist es ueberhaupt noch zu verantworten, NICHT auszusteigen? Soll das ganze noch so weitergehen wie die letzten 50 oder 60 Jahre? Das Ergebnis dessen lesen wir ja nun tagtaeglich in den Medien...! Es ist absolut unverantwortlich, nicht spaetestens jetzt auszusteigen. Wer's glauben will oder nicht, aber die Bauernhoefe beginnen wieder eine Rennaisance zu erleben. Und etwa nicht eines guten Geschaeftes wegen sondern lediglich dem Ueberleben wegen. Wer immer noch als Otto Normalo glaubt, es gehe ihm im jetzigen System irgendwann wieder besser und das ganze komme schon wieder zur Ruhe; naja, ich lasse jedem seine Traeume.
matthias schwalbe, 06.10.2008
4.
Ist doch alles ganz einfach-''...wer den Himmel auf Erden sucht,hat im Erdkundeuterricht nicht aufgepasst...''
toledo, 06.10.2008
5.
Aussteigen? Gern.. sofort! Wie bei vielen anderen Menschen scheitert es aber einfach am Geld und bürokratischen Hürden! Die Welt ist leider eingeteilt in Staaten mit VISA-Pflichten, NoGo Areas usw. Da hatten es die Weltentdecker da Gama, Cook, Columbus etc. doch etwas einfacher! Nun, noch 6 Jahre und dann ist die Pension erreicht. Und dann beginnt die eigene Welterkundung! Ein paar Euro's in der Tasche macht es schon etwas leichter...
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