Abgebrochene Langzeitreisen Wenn der Traum zerplatzt

Was, wenn der große Traum gar nicht traumhaft ist? Wenn die Weltreise zur Qual wird? Drei Langzeitreisende erzählen, warum sie früher als geplant wieder zu Hause eintrudelten.

Konrad Amandi / Weitreise.de

Von


Die Entscheidung, seine Weltreise abzubrechen, traf Dominik Sommerer, 35, im Paradies. So hatte er sich die thailändische Insel zumindest vorgestellt, auf der er im Dezember 2013 eine Pause vom Reisen einlegen wollte.

Nachdem er zwei Monate in Russland, der Mongolei, Japan und China unterwegs gewesen war, sehnte er sich nach Ruhe. Das ständige Unterwegssein hatte den gelernten Reiseverkehrskaufmann erschöpft. "Sich immer wieder eine Unterkunft zu suchen und neu zu orientieren, ist anstrengend", sagt er. "Gerade, wenn man allein reist." Wenn er es ein paar Tage lang ruhiger angehen lasse, werde sich die Erschöpfung wieder legen, so seine Hoffnung.

Doch sein Aufenthalt am einsamen Strand strengte ihn nur noch mehr an. Weil eine Springflut das Wasser nachts bis kurz vor seine Hütte trieb, schlief er schlecht. Auch Kakerlaken und Ratten, mit denen er sich seinen Unterschlupf teilte, machten ihm zu schaffen. Was er zu Beginn seiner Reise locker weggesteckt hätte, fand er jetzt unerträglich. "Meine Abenteuerlust tendierte gegen null."

Sommerer war reisemüde, hatte Heimweh - und entschied, abzubrechen. Statt wie geplant nach Australien und weiter in die USA zu fliegen, buchte er ein Ticket nach Frankfurt. Nach 77 Tagen war seine für sechs Monate geplante Reise zu Ende. Das Projekt Weltumrundung, das er ein Jahr lang vorbereitet hatte, war gescheitert.

"In gewisser Weise habe ich den Abbruch als Niederlage empfunden", sagt Sommerer. "Ich hätte aber nicht weiterreisen können, ohne Spaß zu haben - nur damit ich am Ende sagen kann, ich habs geschafft." Sportliche Leistungen habe er schon in der Schule gehasst.

Der Fahrradfahrer: Nach 8000 Kilometern war Schluss

Sommerers Geschichte ist ungewöhnlich. Nicht, dass es keine Menschen gäbe, die ihre lang geplante Reise abbrechen. Doch so offen wie er spricht kaum jemand darüber, wie es sich anfühlt, aus freien Stücken umzukehren.

Reisegeschichten sind Erfolgsgeschichten. Sie erzählen von mutigen Leuten, die Grenzen austesten, Ängste überwinden und schon deshalb zu den Gewinnern gehören. Aber aufgeben und abbrechen? Freiwillig auf Abenteuer verzichten, um in den langweiligen Alltag zurückzukehren?

Auch Dominik Schenke, 31, hat das getan. Mit dem Fahrrad wollte er von Köln bis nach Kapstadt fahren, insgesamt 18.000 Kilometer. Eine Freundin hatte ihm von einem Chinesen erzählt, der von Berlin aus spontan mit dem Fahrrad nach Hause gefahren war. "Da habe ich angefangen, von so einer langen Tour zu spinnen", erzählt Schenke.

Ein Jahr später, im August 2015, setzte er sich aufs Rad und fuhr Richtung Süden. Griechenland, Ägypten, Äthiopien, Tansania, Mosambik, Südafrika, so der Plan. Doch Anfang Januar war Schluss. Nach 8000 Kilometern brach er die Reise in Äthiopien ab.

Schenke kehrte der Liebe wegen zurück nach Deutschland. Seine Freundin, die ihn in Griechenland zwei Wochen auf dem Fahrrad begleitet hatte, war unglücklich mit der Trennung. Nach einem Krisentelefonat am Neujahrstag war klar, dass seine Beziehung zu zerbrechen drohte. "Ich konnte mit diesem Gefühl nicht weiterfahren."

Ohnehin wäre das mit der Weiterreise so eine Sache gewesen: Ein paar Tage vor dem Krisengespräch wurde Schenkes Fahrrad gestohlen. Die Diebe kamen nachts und schnitten die Spanngurte durch, mit denen er sein Rad ans Zelt geschnürt hatte. Schenke bekam davon nichts mit. "Ich hatte einen anstrengenden Tag und habe geschlafen wie ein Stein." 160 Kilometer nördlich von Addis Abeba stand er ohne fahrbaren Untersatz da.

"Wäre es nur das gewesen, hätte ich trotzdem weitergemacht", sagt er. "Ich hätte mir vor Ort ein Rad gekauft oder mir eins schicken lassen." Denn bis dahin war seine Tour "eine total geile Erfahrung". Klar habe er sich durchbeißen müssen, etwa an Regentagen, an denen er stundenlang auf viel befahrenen Straßen fuhr. "Aber das war Teil der Herausforderung - und es war nie so, dass ich aufgeben wollte." Die Krise mit seiner Freundin änderte das. "Meine Beziehung für die Reise aufs Spiel zu setzen, hätte ich nicht gepackt."

Heute, fünf Monate später, hat Schenke beim Gedanken an den Abbruch gemischte Gefühle. "Ich trauere dem schon ziemlich hinterher." Vor allem, wenn er Fotos und Facebook-Einträge von Leuten sieht, die er unterwegs getroffen hat, packt ihn das Fernweh. "Ich will die Tour auf jeden Fall irgendwann fortsetzen." Allerdings müsste er sich dafür wieder ein halbes Jahr freischaufeln, und das ist gar nicht so einfach. "Ich fange gerade an, mir eine berufliche Basis aufzubauen." Nachdem er für die Reise seinen Job als Toningenieur gekündigt hatte, arbeitet er jetzt als Freiberufler.

Mit seiner Entscheidung hadere er trotzdem nicht. "Liebe ist doch ein sehr guter Grund, abzubrechen. Es sollte so sein."

Der Reiter: Der Knall war ein Glücksfall

Reisepläne wegen Herzensangelegenheiten zu ändern, ist gar nicht so selten. Das ist sogar statistisch erfasst: Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag einer Versicherung hat jeder Fünfte schon mal eine Reise storniert. Als Gründe gaben die Befragten hauptsächlich Unfall oder Krankheit (69 Prozent) und berufliche Verpflichtungen (17 Prozent) an. Immerhin ein Prozent nannte als Grund die Trennung vom Partner.

Auch Konrad Amandi, 39, warf seine Weltreisepläne wegen einer Beziehungskrise über den Haufen. Zusammen mit seiner Frau Natalia brach er 2010 zur Weltumrundung auf; zwei Jahre, nachdem sein Vater bei einem Unfall ums Leben gekommen war. "Er war ein Arbeitstier, hat immer gesagt, wenn er in Rente geht, will er reisen." Doch dazu kam es nicht mehr.

Der Online-Marketingmanager und seine Frau, die in einer Werbeagentur arbeitete, wollten nicht den gleichen Fehler machen. Sie gaben ihre Osnabrücker Wohnung auf, kündigten ihre Jobs und zogen für unbestimmte Zeit los.

Doch nach zehn Monaten kehrte Natalia ohne ihren Mann nach Deutschland zurück. Über Russland, die Mongolei, China und Südostasien hatte es das Paar bis nach Australien geschafft - dann war Schluss. "Natalia hatte starkes Heimweh und war von den oberflächlichen Gesprächen mit anderen Reisenden genervt", sagt Amandi.

Er selbst hatte von Abenteuern noch lange nicht genug. "Irgendwann hat es richtig geknallt. Natalia wollte zurück, ich nicht." Also brach sie die Reise ab, er reiste weiter. Wie es mit ihrer Beziehung weitergehen würde, war ungewiss.

Statt die geplante Weltumrundung fortzusetzen, flog er zurück in die Mongolei, lernte reiten, kaufte sich zwei Pferde und ritt drei Monate durchs Land - das Abenteuer, nach dem er sich gesehnt hatte. "Ich wollte die Weltreise nicht allein weitermachen. Das war unser gemeinsames Ding."

Als Amandi ein Vierteljahr nach seiner Frau nach Deutschland zurückkehrte, war dem Paar klar: Sie bleiben zusammen. Drei Monate später war Natalia schwanger, mittlerweile haben sie zwei Kinder. Den Abbruch sieht Konrad Amandi heute als Glücksfall. "Wir haben kapiert, dass wir ziemlich verschieden sind und Freiräume brauchen." Seitdem fährt er einmal im Jahr allein mit dem Motorrad durch Südafrika; sie geht gern in Cafés und liest. "Nur weil wir ein Paar sind, müssen wir nicht alles zusammen unternehmen - egal, was die anderen sagen."

Dominik Schenke machten die Reaktionen auf den Abbruch seiner Radtour mehr zu schaffen. "Ich hätte anfangs am liebsten gar nicht darüber geredet. Aber natürlich fragen dich alle, warum." Eltern und Freunde fanden es schade, dass er nicht weitermachte. "Sie hatten aber auch Verständnis." Vor allem die Frauen bewunderten, dass er der Liebe wegen zurückgekehrt ist. Ihre Reaktion? "So einen Freund hätte ich auch gern."

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 104 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
radnomade 25.05.2016
1. kleiner Tipp
1998 startete meine Frau und ich zu einer kleinen Weltreise mit dem Fahrrad. Nach einer Woche wollte meine Frau schon das erste Mal das Handtuch schmeißen, was sich dann im Laufe der nächsten 3 Monate noch 7 Mal wiederholt hatte. Was hatte sie denn dennoch daran aufzuhören? Es war eine Vereinbarung die wir vor der Abreise getroffen hatten und zwar, das wenn von uns jemand aufhören möchte, er, nachdem er dieses geäußert hatte, noch 7 Tage warten muss bevor er wirklich die Reise abbrechen kann. Der Frust, welcher zuvor zu dem Reiseabbruchwunsch geführt hatte, hatte sich dann aber innerhalb der 7 Tage von selbst aufgelöst und so konnte wir unsere Weltreise gut durchführen. Einen solchen Lösungsansatz kann man sich natürlich auch selbst als Grundlage machen aber wenn man natürlich keinen Sinn mehr in seiner Reise sieht und nur noch Frust hat, dann sehe ich einen Reiseabbruch nicht als Niederlage sondern als konsequente, richtige und auch wichtige Lebensentscheidung. Ach ja, sollte jemand ein wenig über unsere Reise nach stöbern wollen, hier ist unsere Webadresse: www.bicimundo.de
eunegin 25.05.2016
2. genug ist genug
Als Semesterferien-Backpacker starte ich nach dem Studium halbwegs erfahren zur großen Reise. Alles gut, aber was war anders? Nach ein paar Monaten reihte man die Orte auf wie Perlen auf einer Kette. Die Aufgabe fehlte, der Sinn. Unterwegs arbeiten? Geht nicht in jedem Land. Die x-te Präsentation für die heimische VHS vorbereiten? Nein danke. Abbruch nach 6 statt 12 Monaten. Spontan ein Rückflugticket gekauft und sehr bereichert in Deutschland eingetrudelt. War gut so und trotzdem klasse. Man muss für sich selbst entscheiden, wann genug ist und der Zeitpunkt für einen Schlussstrich gekommen ist. Gilt auch für Politiker ;-)
jujo 25.05.2016
3. ...
Ich erkenne bei keinem der geschilderten Fälle ein Scheitern. Die Abbrüche oder die Aufgaben der Reisen hatten doh alle gute und nahvollziehbare Gründe.
lauffreak 25.05.2016
4. Erfahrung
Auch meine Frau und ich brachen nach 4 Monaten unsere Weltreise ab. Allerdings ist der Grund für die Rückreise das schönste Geschenk unseres Lebens und heute 27 Jahre, Ingenieur und selbst auf Reisen. Lauffreak
upalatus 25.05.2016
5.
Zwei Monate in etlichen "anstrengenden" Ländern unterwegs, 8000 Kilometer mit Radl absolviert ist eh schon über Norm extrem, da abzubrechen ist meiner Ansicht nicht als Niederlage zu sehen. Den "Durst" hat man gelöscht, mission accomplished.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.