Ägyptens Touristenhochburg Hurghada Ballermann am Wüstenrand

Hurghada ist alles - nur nicht Orient. Der ägyptische Küstenort gilt als Taucher-Mekka und als Ibiza-Ersatz für russische Touristen. Doch wer Schätze sucht, wird sie auch finden: An den küstenfernen Riffen gibt es eine faszinierende Unterwasserwelt zu erkunden.

red-sea-guide.com

Von Linus Geschke


Jetzt heißt es, mutig zu sein: Ein russischer Riese hat sich vor Sven Reinhard aufgebaut, schaut ihm fest in die Augen und sagt zum zweiten Mal "Ty mogesch nas sfotografirovat?", diesmal mit Nachdruck. Für jemanden wie Reinhard, der gerade auf einem Bein hüpft und verzweifelt versucht, das andere in den Neoprenanzug zu bekommen, klingt dies schon bedrohlich.

Zumindest solange bis Mahmut lacht. Mahmut, der ägyptische Tauchguide, der neben Deutsch auch ein paar Brocken Russisch versteht. "Keine Panik! Wladimir will nur wissen, ob du ihn mit seiner Freundin einmal unter Wasser fotografieren kannst."

Gota Abu Ramada heißt der Tauchplatz, den Reinhard gemeinsam mit seinen neuen Urlaubsbekanntschaften erkunden wird. Früher hat man den Platz wegen des großen Fischreichtums auch "Aquarium" genannt. Heute ist er eher das Refugium schlecht ausgebildeter Taucher. 20 Schiffe ankern hier, jedes mit durchschnittlich gut 20 Tauchern besetzt, die fast gleichzeitig auf das Riff losgelassen werden.

Für Sven Reinhard ist es nicht einfach, die beiden Russen abzulichten: Mal ist eine Flosse im Bild, mal kreuzt ein Guide mit einem Schnuppertaucher seinen Weg, mal wird er angerempelt. Fische gibt es hier noch immer, allerdings nur kleinere Exemplare: Alles, was größer ist als ein Meter, trägt Neopren und stößt blubbernde Atemblasen aus. Stau am Riff.

Mahmut kennt das Problem: "Gerade die flachen und küstennahen Tauchplätze sind meist hoffnungslos überfüllt. Hier fahren sie alle hin, mit den Anfängern, den Schnuppertauchern, den Kursabsolventen." Dabei gebe es vor Hurghada auch Spots, wo man noch richtig viel Fisch sieht, Rochen und mit ein wenig Glück auch Haie. "Nur leider sind diese Plätze nicht anfängertauglich", sagt der Guide, "wegen der Strömung und wegen der tief abfallenden Riffkanten, die eine bessere Tarierung voraussetzen."

Zwischen Kitschpalast und Plattenbausiedlung

Während der Überfahrt zum nächsten Tauchplatz zeigt Reinhard Wladimir Kowalewski auf dem Kameradisplay die Bilder, die er von ihm und seiner Freundin Elena gemacht hat. "Diving gut, Foto gut!", sagt Kowalewski, zwinkert einmal und klopft ihm dabei anerkennend auf die Schulter. Tauchen verbindet eben. Und diesmal braucht der Deutsche auch keine Übersetzung von Mahmut, der in der Zwischenzeit das nächste Tauchziel auf seiner Tafel einzeichnet.

Hurghada, vor 20 Jahren noch klein und verschlafen, ist zur Bettenburg an Ägyptens Rotmeer-Küste mutiert. Über 120 Tauchschulen buhlen um die Gäste, meist sind es osteuropäische Mittelschichtler oder deutsche Pauschalurlauber. All-inclusive dominiert die Hotelanlagen, die sich ohne Unterbrechung gut 30 Kilometer die Küste entlangziehen - von der Optik her häufig zwischen Kitschpalast und Plattenbausiedlung angesiedelt.

Wer hier die Stimmung aus Tausendundeiner Nacht sucht, ist definitiv am falschen Ort gelandet: Die beliebtesten Cafés heißen "Praha" oder "Big Brother". Der Souvenirshop neben dem Tauchcenter "Bratislava" und in der größten Discothek "Calypso" tanzt der Ostblock Samba - unterstützt von Go-Go-Tänzerinnen, deren Bekleidung in krassem Gegensatz zu den muslimischen Gepflogenheiten steht. Die männlichen Besucher tragen bevorzugt weit aufgeknöpfte Hemden oder T-Shirts mit Ed-Hardy-Aufdruck, bei den weiblichen dominieren Bonbonfarben in allen Variationen.

"Es ist der Wahnsinn", sagt Christiane Nedwed, Inhaberin des Seawolf Diving Center. Die 43-Jährige lebt seit zehn Jahren in Hurghada und sieht der Wandlung des Ortes immer noch staunend zu. "Früher war fast jeder Tourist auch ein Taucher, Hurghada eher gemütlich. Abendunterhaltung? Das waren ein paar Cafés, in denen arabische Musik lief und die Gäste Wasserpfeife rauchten. Heute ist hier alles eher wie auf Ibiza - Partys, Alkohol, Singlereisen." Lebt sie dennoch gerne hier? "Klar! Ich halte nichts von dem 'Früher war alles besser' - es war nicht alles besser, nur alles anders."

Giftige Pyjama-Nacktschnecke

Derweil erklärt Mahmut anhand der Tafel, wo es bei "Umm Gamarr" unter Wasser lang geht. Umm Gamarr bedeutet "Mutter des Mondes" - wenigstens in den blumigen Riffbezeichnungen ist die orientalische Erzählkunst noch zu finden. Eine dicht bewachsene Steilwand wird den Gästen versprochen, mit Weichkorallen, hohem Fischreichtum und der - wenn auch eher kleinen - Chance auf Begegnungen mit Grauen Riffhaien.

Wenige Minuten nach dem Abstieg ist den Tauchern klar, warum Hurghada einst das Mekka für tauchende Rotmeer-Touristen war. An der bis auf große Tiefen reichenden Riffwand stehen drei Korallentürme ab, von denen die ersten beiden innen hohl sind. Unzählige, fast durchsichtig erscheinende Glasfische tummeln sich darin. Sie bewegen sich wie eine Wolke, welche sich erst kurz vor den Tauchern öffnet und unmittelbar hinter ihnen wieder verschließt.

Purpurfarbene Korallen bedecken die Wände, und in den Ritzen finden sich Pyjama-Nacktschnecken, die mit ihrem gelb-weiß-blauen Gewand Fischen signalisieren: Besser nicht fressen! In ihrem Körper haben sich Fraßgifte von Feuerschwämmen angesammelt, die die Chromodoris quadricolor zur ungenießbaren Beute machen - ein schönes Fotomotiv ist das Tier dennoch.

Wunsch ist Vater der Haisichtung

Kowalewski und Reinhard tauchen noch ein Stück weiter, bis sie auf den dritten Korallenturm treffen. In 27 Meter Tiefe stoßen sie auf eine kleine Höhle, deren Boden vollständig mit Korallensand bedeckt ist. Was dort ebenfalls liegt, ist nicht einfach nur ein Kugelfisch - es ist die Mutter aller Kugelfische, ein Exemplar von solchen Ausmaßen, wie es die beiden vorher noch nie gesehen haben. Angst vor den Tauchern scheint es nicht zu haben: Mit aller Seelenruhe lässt das Ungetüm das Blitzlichtgewitter aus Reinhards Kamera über sich ergehen, bis die Taucher sich wieder auf den Rückweg machen.

Plötzlich wird Kowalewski hektisch, zeigt mit ausgestrecktem Arm ins Freiwasser und legt die Handkante des anderen Arms aufrecht an die Stirn: Das unter Tauchern übliche Zeichen für "Hai!" Auch Reinhard blickt in diesem Moment vom Riff weg und sieht ... irgendetwas. Die Kontur eines großen Fisches. Ein Hai? Ein Tunfisch? Eine Makrele? Reinhard würde auf einen Tunfisch tippen: Wasser ist für die Sinne ein trügerisches Element, der Wunsch oftmals der Vater der Sichtungen.

Wieder zurück an Bord, wird Reinhard seinen russischen Buddy fragen, ob er sicher einen Hai gesehen hat: "Da!" wird dieser ihm antworten, "Ja!", voller Überzeugung. Dann wird er ihm erneut auf die Schulter hauen, breit grinsen und "Egypt gut" sagen - und Reinhard würde ihm jetzt auch dann nicht widersprechen, wenn er 20 Zentimeter größer wäre.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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mytilus54 14.07.2010
1. Zahnlos wie ein Walhai formuliert!
Taucher kennen Linus Geschke als treffsicher und oft satirisch formulierend diverse negative Folgeerscheinungen der Aktivitäten von homo touristicus ssp vulgaris darstellend. Ich kenne ebenfalls Hurghada seit 1982 als Taucher und kommte die Entwicklung seitdem jährlich mitverfolgen. Dieser Artikel ist doch fast schon eine stille Hommage an dieses Massenreiseziel und daher total missraten. Wo bleiben die klaren und nichtbeschönigenden Aussagen und Belege, was der Massentourismus bereits endgültig ruiniert hat (an Land und in den Riffgebieten)? Wo bleibt die berechtigte und vielfach mühelos belegbare Untermauerung der reißerischen Ballermann-Überschrift? Auch und gerade die deutschen Urlauber fallen dort doch ein wie die Heuschrecken und wollen nur Sonne bis zum Kollaps und drittgradigen Verbrennungen auf reservierten Liegen, sich den Bauch vollschlagen, dank AI (man verschenkt ja nichts) Pegeltrinken absolvieren, die jüngere Generation nachts auf die Discopiste gehen, zwischendurch mal, wenn es die Urlaubskasse zulässt, eine Runde Riffzerstörung spielen (genannt Schnorchelausflug oder Schnuppertauchen). Das ist der reale Hurghada-Ballermann! Für mich hat Hurghada einen Pluspunkt, das ist der Flughafen. Ankommen, ins Auto steigen, weg von diesem Moloch, der für ganz viele Leute Ägypten darstellt.
AntiTaliban 14.07.2010
2. Hurghada und die Untredrückung der Christen
In der Gegend von Hurghada befindet sich ein koptisches Kloster, dass vor wenigen Jahren von der Miliz belagert wurde. Der Grund? Die Mönche hatten begonnen, einen Mauer zum Schutz gegen Islamisten zu errichten. Dies gefiel dem Gouverneur von Hurghada überhaupt nicht. Denn in Ägypten dürfen Kirchen ohne Genehmigung von höchster politischer Stelle nicht einmal die Türe eines Klohäuschens reparieren. Dieser islamische Gouverneur schickte jedenfalls Polizei mit automatischen Waffen und Bulldozer, um die begonnene Mauer niederzureisen. Die Mönche stellten sich den Bulldozern und der Miliz in den Weg. Zu einem Massaker kam es aber nicht, da erstens australische Journalisten Wind von der Sache bekamen, zweitens einige europäische Wissenschaftler, die mit dem Kloster zu tun hatten, betroffen waren, und da drittens der Staatspräsident nach seiner Rückkehr von einer Auslandsreise ein Machtwort in Richtung des Gouverneurs von Hurghada sprach. Soweit zum Thema islamische Toleranz gegenüber einer der ältesten christlichen Kirchen.
Windom Earle 14.07.2010
3. Never ever ...
... würde ich Urlaub in Hurgahda machen. Ein scheußlich verbauter Ort mit diversen Bauruinen, die eher an eine Bürgerkriegsgegend erinnern. Schön wäre es gewesen, wenn der Autor einmal ein paar Alternativen aufgezeigt hätte. Man braucht nur die Küste Richtung El-Quesir/Marsa Alam hinunter zu fahren, dort kann man sehr schön AI-Urlaube machen, sogar ohne Discogepolter und Saufgelagen. Ach ja, und tauchen kann man dort sogar auch!
Hiddensee65 14.07.2010
4. Wie Faust auf Auge!
Kenne Hurghada ebenfalls seit unzähligen Jahren und habe mich beim Lesen des Berichtes köstlich amüsiert: Genau so sieht es da aus, genau so ist der Umgang zwischen Russen und Deutschen und genau so habe ich das Tauchen dort auch empfunden :-) @mytilus: Die Bausünden, die Auswirkungen auf die Riffe und die Disko-Nächte sind doch treffend beschrieben. Haben Sie den Bericht nur überpflogen? Die im Artikel angesprochene Diskrepanz zwischen den flachen, küstennahen Riffen (viele Anfänger und Schnuppertaucher, wenig Fisch) und den ferneren, tieferen Riffen (deutlich besserer Zustand) würde ich auch so einstufen: Hurghada hat immer noch schöne Tauchplätze zu bieten, man muss nur wissen, wo! Kompliment zur Überschrift: Ballermann am Wüstenrand passt wie Faust auf Auge ;-)
keyzer 14.07.2010
5. bitte keine
empfehlungen für andere urlaubsorte dort. sonst werden die auch noch platt gewalzt... ich war vor 3 jahren in hurghada. schlimm. auch ich hab einen schnuppertauchkurs gemacht und bin mit so nem kleinen boot (1 von ca. 150 die dort morgendlich ablegen um jew. 15-40 leute zu den riffen zu bringen) rausgefahren. Jedoch waren wir 2 die einzigen denen klar war, dass man nicht auf den korallen rumtrampeln sollte... Einfach schlimm. Vor allem wenn man das unter wasser betrachten durfte. Noch 3-4 Jahre, dann sind alle riffe die nicht tiefer als 3-4 meter liegen platt. Hoffentlich zieht der schwarm dann nicht weiter. Der mensch ist dumm
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