Besucherschwund in Kairo: Der verlassene Pharao

Aus Kairo berichtet

Auf den Straßen Kairos tobt der Machtkampf, im Ägyptischen Museum herrscht Grabesruhe. Die Touristenmassen bleiben seit Beginn der Unruhen aus. An kaum einem anderen Ort wird der Niedergang der für Ägypten so wichtigen Reisebranche deutlicher.

Ägyptisches Museum: Unschätzbare Kostbarkeiten, gähnende Leere Fotos
REUTERS

Wenn Nofretete das wüsste: Muss die schöne Herrscherin über Ägypten sich jedes Jahr in Berlins Neuem Museum von mehr als einer Million Besucher anschauen lassen, hat ihr Stiefsohn Tutanchamun derzeit ansturmfreie Bude. Dort, wo sich im ersten Stock des Ägyptischen Museums in Kairo sonst die Touristen drängeln, um einen Blick auf die Totenmaske des altägyptischen Königs zu werfen, hallen nur die Schritte der Museumswärter. Das Meisterwerk aus Gold und Lapislazuli, das das jugendliche Antlitz des jung verstorbenen Herrschers zeigt, steht verlassen.

Das Museum für ägyptische Altertümer, kurz Ägyptisches Museum genannt, enthält unschätzbar wertvolle Kostbarkeiten. Seine Sammlung umfasst 120.000 Artefakte, darunter Sarkophage, Stelen, Papyri und Dutzende Mumien der Pharaonen Altägyptens.

Die Grabbeigaben Tutanchamuns sind das Herzstück der Sammlung. Wohl jeder Ägypten-Tourist, der in Kairo Zwischenstopp macht, hat die goldenen Betten und Streitwagen, die Prunkgewänder und Kleinode bewundert, die dem mit wohl nur 20 Jahren verstorbenen Regenten das Nachleben versüßen sollten.

Im Zentrum des Machtkampfs

In den für Tourismus guten Zeiten, also vor der ägyptischen Revolution 2011, schoben sich täglich 12.000 bis 14.000 Besucher durch die Hallen des in verblichenem Rot gehaltenen Monumentalbaus zwischen Nil und Tahrir-Platz. Diese Zeiten sind vorerst vorbei. "Heute hatten wir 270 Ausländer", sagt der Generaldirektor des Museums, Said Amer, am Montag dieser turbulenten Woche.

Es ist Amers Pech, dass der Machtkampf in Ägypten sein Epizentrum direkt vor seinem Museum hat. Auch in der aktuellen Auseinandersetzung zwischen den regierenden Muslimbrüdern und der Opposition ist der Tahrir-Platz der wichtigste Aufmarschort der Unzufriedenen. Das Militär, das Präsident Mohammed Mursi ein am Mittwochnachmittag ablaufendes Ultimatum gestellt hat, weiß das. Immer wieder dröhnt das Donnern der über dem Platz kreisenden Kampfhubschrauber, die die Stärke der Armee demonstrieren sollen, durch die leeren Hallen des Museums.

Die martialische Szenerie vergrault die Ausländer, dabei wären die doch so wichtig. Mehr als zehn Milliarden Dollar jährlich setzte die ägyptische Tourismusindustrie vor 2011 um, jeder zehnte Ägypter arbeitete in der Branche. Die Besucherzahlen sind seitdem um ein Drittel zurückgegangen, etliche Ägypter haben ihren Job verloren. Private Unternehmen bieten deshalb selbst luxuriöse Ägypten-Reisen zu Dumping-Preisen an: So billig kann man so schnell nicht wieder am Nil oder am Roten Meer urlauben.

Kulturpolitik liegt brach

Amer sitzt mit einem Ägyptologenkollegen im Direktorenzimmer. Mit düsteren Minen bereden sie die Lage. Die Klimaanlage wälzt rauchgeschwängerte Luft um. Ein paar junge Museumswärterinnen stürmen herein. Ob sie freikriegen könnten, es seien doch eh keine Besucher da. Nach etwas Widerstand willigt Amer ein. 50 Wächter für 270 Besucher, das ist wirklich nicht nötig. Bald ist auf dem Bildschirm der neuen Überwachungskameras, die den Vorplatz des Museums zeigen, zu sehen, wie die Frauen ein mit Watte beklebtes Schild mit den Umrissen eines Schafes hochhalten: Das Tier ist das Symbol der ägyptischen Muslimbrüderschaft, gegen die die Frauen jetzt demonstrieren gehen.

Die neu montierten Kameras sind Teil einer Verteidigungsstrategie, mit der eine Wiederholung der Ereignisse von 2011 vermieden werden soll: Damals sollen in den Wirren der Revolution Diebe ins Haus eingedrungen sein, eine Handvoll Gegenstände fehlt seitdem.

Auch die Mauer ums Museum wurde in der vergangenen Woche ein bisschen erhöht, für mehr Sicherheitsmaßnahmen reichte das Budget nicht. "Die Einnahmen aus den Tickets gehen ans Ministerium, doch sie finden nicht den Weg zurück", sagt Lutfi Abdelramin Ghesi, Chef der Altertümerabteilung. Das Haus brauche dringend neue Schaukästen, eine neue Lichtanlage, auch fehlten die Mittel für museumspädagogische Aktivitäten. Tatsächlich glaubt man in Teilen der Ausstellung, sich ins Archiv verirrt zu haben. Die Vitrinen, in denen Kostbarkeiten gezeigt werden, sind dort selbst schon museumsreif.

Doch das Ministerium reagiere nicht auf die Wünsche von Ägyptens berühmtester Kultureinrichtung, sagt Ghesi. "Es gibt in diesem Land derzeit schlicht keine Kulturpolitik." Dabei bräuchten auch Ägyptens Museen eine Revolution. "Wir haben viele Firmen, die uns gern sponsern würden, aber die jetzigen Vorschriften erlauben das nicht." Doch für neue Gesetze bedürfte es einer arbeitsfähigen Regierung, und damit kann Ägypten derzeit nicht aufwarten. "Uns bleibt nur die Hoffnung auf die nächste Saison", sagt Ghesi.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. So schaufelt man das Touristengrab
kuschl 03.07.2013
Zitat von sysopREUTERSDraußen tobt der Machtkampf, doch im Ägyptischen Museum von Kairo herrscht Grabesruhe. Die Touristenmassen bleiben seit Beginn der Unruhen aus. An kaum einem anderen Ort wird der Niedergang der für Ägypten so wichtigen Reisebranche deutlicher. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/aegyptisches-museum-tutanchamun-allein-zu-haus-a-909212.html
Ich bin eigentlich als begeisterter Taucher ein Ägyptenfan, werde aber mein Urlaubverhalten nach der Situation einrichten. Einige Veranstalter reagieren schon und gehen weg aus dem Land. Erinnert mich an das Kenia der 90er, obwohl am Tropf des Tourismus, war nur noch das Geld erwünscht, nicht aber der Tourist. Schließt sich nur leider aus. Der herrschenden Klasse in Ägypten scheint dies ebenso zu gehen. Leider wird die aber die Konsequenz ihres Tuns als letzte erreichen, verarmen werden die, die vom Tourismus leben. Die können sich dann den radikalen Brüdern anschliessen, denn wer arm ist, ist eine leichte Beute: Ziel erreicht!
2. Die Touristenmassen
RogerT 03.07.2013
Zitat von sysopREUTERSDraußen tobt der Machtkampf, doch im Ägyptischen Museum von Kairo herrscht Grabesruhe. Die Touristenmassen bleiben seit Beginn der Unruhen aus. An kaum einem anderen Ort wird der Niedergang der für Ägypten so wichtigen Reisebranche deutlicher. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/aegyptisches-museum-tutanchamun-allein-zu-haus-a-909212.html
Die Touristenmassen gab es im Hochsommer in Kairo noch nie. Da ist es viel zu heiss und zu stickig, eine Luft wie Blei. Ich war vor ein paar Jahren mal im Frühjahr dort, das Museum war rappelvoll. Im Juni musste ich arbeitsmäßig wieder hin, da war ich im Ägyptischen Museum der einzige Besucher... auch die Pyramiden etc. alles recht dünn besucht. Um diese Zeit sind die Touristen entweder auf dem Nil und geniessen etwas frische Brise bei einer Kreuzfahrt oder sind gleich am Roten Meer. Kairo ist das klassische Massenziel in den Oster- und Herbstferien, da passt es auch mit den Temperaturen. Obwohl ich Ägypten nach 10 Jahren und vielen Aufenthalten sehr gut kenne, möchte ich jetzt nicht unbedingt in Kairo sein müssen. Die jetzige Situation ist unberrechenbar.
3. Von wegen
oliver.martin 03.07.2013
Zitat: "So billig kann man so schnell nicht wieder am Nil oder am Roten Meer urlauben." Eine mehr als ärgerliche Falschbehauptung. Eine zweiwöchige Flugreise (4 Sterne, AI, 2 Kinder, 2 Erw.) wird in Hurghada nachwievor um die 3.500 EUR angeboten. Das ist nicht nur kein Dumpingpreis, das ist angesichts der aktuellen Verhältnisse eine Unverschämtheit. So geht auch der Rest des ägyptischen Tourismus baden.
4. solche Länder meiden
Meckerliese 03.07.2013
In solchen Ländern mache ich keinen Urlaub. Mir hat mal vor Jahren Marokko schon gereicht. Mit der Mentalität komme ich nicht zurecht. Muss ich nicht haben. Wenn die Touristen aus Ägypten wegbleiben werden viele arbeitslos. Die sind dann leichte Beute für die Islamisten.
5. Unverständlich
manicmecanic 03.07.2013
war mir schon immer wie man in solchen Ländern Urlaub machen kann.Ich dachte schon vor 20 Jahren wie man da Urlaub machen kann wenn ständig schwerbewaffnete Soldaten aufpassen müssen damit man nicht umgelegt wird weil man ein Besucher aus dem Westen ist.Ich bin kein Sicherheitsfanatiker und war schon in anderen unsicheren Ländern.Aber nur in solchen wo man mich nicht während einer Schifffahrt auf dem Nil beschießt weil ich aus dem falschen Land zu Besuch komme.
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Was bedeuten die Hinweise des Auswärtigen Amtes?
Reisehinweise
Sie enthalten zum Beispiel Informationen über die Einreisebestimmungen, die medizinische Situation und straf- oder zollrechtliche Besonderheiten eines Landes. Solche Hinweise gibt das Auswärtige Amt für jedes Land.
Sicherheitshinweise
Solche Vermerke machen auf besondere Risiken für Reisende in einem Land und dort lebende Deutsche aufmerksam. Das betrifft zum Beispiel Gefahren durch Kriminalität oder Terrorismus. Das Auswärtige Amt kann wegen solcher Einschränkungen in einem abgestuften System von nicht unbedingt erforderlichen Reisen oder auch grundsätzlich von allen Reisen in ein bestimmtes Land abraten.

Reisewarnungen
Sie enthalten den "dringenden Appell", Reisen in ein Land oder in eine Region innerhalb des Landes zu unterlassen. Gewarnt wird dann, wenn "eine akute Gefahr für Leib und Leben besteht", heißt es beim Auswärtigen Amt. Deutsche, die in dem betroffenen Land leben, werden dann zur Ausreise aufgefordert.

Haben die Hinweise rechtliche Bedeutung?
Die Hinweise des Auswärtigen Amtes seien teilweise undurchsichtig und nicht bindend, sagte Reiserechtler Ronald Schmid von den Technischen Universitäten Dresden und Darmstadt. Grundsätzlich müssten Veranstalter und Reisende auf der Grundlage seriöser Berichterstattung in den Medien im konkreten Einzelfall auch selbstständig prüfen, ob in der Urlaubsregion eine vorher nicht zu erwartende höhere Gewalt vorliegt.

Wird die Reise dadurch "erheblich erschwert, gefährdet oder beeinträchtigt", können Urlauber den Vertrag laut Paragraf 651j des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) kündigen.

Es könne sich im Einzelfall schon um höhere Gewalt handeln, wenn noch keine "echte" Reisewarnung vorliegt, sondern nur von Reisen abgeraten wird, so Schmid. "Denn der Hinweis, nicht notwendige Reisen zu unterlassen, ist wohl eher als eine abgeschwächte Reisewarnung zu bewerten", sagte der Experte.