Äthiopiens Klöster und Kirchen Felsenfester Glaube

Michael Martin

Blog von Michael Martin


Archaische Architektur an außergewöhnlichen Standorten - Äthiopiens Klöster und Kirchen sind atemberaubend. Und nicht immer leicht zu erreichen: Manchmal braucht es einen Lederriemen um die Brust.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Innerhalb weniger Minuten seilt sich der Mönch über die senkrechte Felswand ab, stellt sich vor mich und beginnt, mir einen Lederriemen um die Brust zu schlingen. Dann gibt er mir ein armdickes Seil in die Hand, an dem ich mich festhalten soll, und schon ziehen mich zwei Mönche an dem Lederseil nach oben.

Ich versuche, mit meinen Füßen Halt in der abgegriffenen und glatten Wand zu finden, vergeblich. Der Lederriemen hat sich bedrohlich zugezogen, ich bekomme kaum mehr Luft, trotzdem ziehen mich die beiden Mönche Zug um Zug weiter nach oben. Die 15 Höhenmeter erscheinen mir wie die Eigernordwand, dann endlich zerrt man mich wie einen Fisch über die hölzerne Schwelle.

Ich bin in Debre Damo, dem ältesten Kloster Äthiopiens. Meine Frau Elly muss am Fuß der Felswand warten, denn Frauen sind in vielen Klöstern Äthiopiens tabu. Nachdem ich mich erholt habe, führt man mich über den Tafelberg zur Abuna-Aregwai-Kirche, die auf das 10. Jahrhundert zurückgeht und damit zu den ältesten Kirchen Afrikas gehört. Sie gilt als Prototyp der Architektur des aksumitischen Reiches. Ein Mönch zeigt mir im Halbdunkel kunstvolle Schnitzereien und wertvolle christliche Manuskripte.

Bereits im 4. Jahrhundert verbreitete sich das Christentum in Äthiopien. Bis heute ist das äthiopisch-orthodoxe Christentum die bedeutsamste Religion des Landes. Es hat seine Wurzeln im Jüdischen, die typischen Rundkirchen und die Beschneidung von Jungen zeigen den hebräischen Einfluss.

Kulturelle Höhepunkte rund um Aksum

Von Debre Damo führt eine kurvenreiche Straße über das Abessinische Hochland nach Aksum. Es macht Äthiopien neben Lesotho zum höchstgelegenen Land der Erde und ist das Kernland des historischen äthiopischen Kaiserreiches. Der Norden des Landes wird von der Provinz Tigray eingenommen, wo die Hungerkatastrophe Mitte der Achtzigerjahre besonders viele Opfer forderte.

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Hochland von Äthiopien: Die Pilger der Felsenkirchen

Auch wenn man die Infrastruktur seither mit internationaler, heute auch massiver chinesischer Hilfe verbesserte, sind die Bauern Tigrays arm geblieben. Auf winzigen, an Steilhängen gelegenen Feldern produzieren sie mit Ochs und Pflug für den Eigenbedarf. Kinderarbeit ist weit verbreitet, der Zugang zu sauberem Trinkwasser und Elektrizität eine Ausnahme.

Aksum in Tigray ist das Zentrum des Kulturtourismus in Äthiopien, das so viele Unesco-Weltkulturerbe-Stätten besitzt wie kein anderes Land Afrikas. Die Stelen von Aksum zählen hierbei zu den spektakulärsten. Aber auch Gonder gilt mit dem Palast Fasiladas und der Debre-Birhan-Selassie-Kirche als ein Höhepunkt einer jeden Kulturreise durch das Hochland Äthiopiens.

Nach einer Nacht in einem seelenlosen modernen Hotel in Aksum schlafen wir am nächsten Tag in der höchsten Lodge Afrikas im Simien Mountains National Park - auf Deutsch Sämen-Nationalpark - und beobachten in 3200 Meter Meereshöhe den Sonnenaufgang über dem bis zu über 4000 Meter hohen Gebirge.

Deutlich tropischer und wärmer ist es in Bahir Dar am Lake Tana, aus dem der Blauen Nil Richtung Sudan und Ägypten fließt. Wir sind dort bereits um sechs Uhr in ein kleines Boot gestiegen und eineinhalb Stunden lang zur Halbinsel Zege gefahren. Dort stehen mit den beiden Klöstern Ura Kidane Mehret und Bete Maryam weitere Beispiele für die lange Geschichte des Christentums in Äthiopien. Ich werde die Bilder betender Mönche in den von der Morgensonne gefluteten äußeren Rundgängen der beiden Klöster nie vergessen.

Tausende Gläubige campieren vor Felsenkirchen

Welche Bedeutung der christliche Glaube auch für die einfache Bevölkerung hat, sollen wir in Lalibela erleben. Wir waren im angemieteten Landcruiser von Bahir Dar mehr als zehn Stunden zunächst auf der sogenannten Chinese Road, dann auf Pisten unterwegs, als wir das 2500 Meter hoch gelegene Lalibela erreichen. Es sind noch wenige Tage bis zum Weihnachtsfest, das gemäß dem äthiopisch-orthodoxen Kalender erst am 7. Januar unseres Kalenders gefeiert wird. Es sind aber schon Tausende Gläubige aus dem ganzen Hochland eingetroffen, die auf Grünflächen mitten in Lalibela campieren.

Felswand am Kloster von Debre Damo
Michael Martin

Felswand am Kloster von Debre Damo

Lalibela ist weltberühmt für seine vor 800 Jahren in den Fels geschlagenen Kirchen. Allein im Stadtgebiet sind zwölf davon zu finden. Als Elly und ich zum ersten Mal auf die Bet-Giyorgis-Kirche blicken, verschlägt es uns fast den Atem. Über eine enge Felsrinne gelangen wir nach unten in das Innere der Kirche. Dort sitzt ein Mönch und segnet die Gläubigen, die in großer Zahl in die Kirche drängen.

Den Höhepunkt unserer Reise durch das Abessinische Hochland jedoch erleben wir an einem frühen Sonntagmorgen, eine Woche vor dem äthiopischen Weihnachtsfest. Wir haben uns als einzige Europäer um vier Uhr morgens in der größten Felsenkirche Bet Medhane Alem inmitten Hunderter äthiopischer Gläubiger eingefunden und erleben eine feierliche, von Gesängen getragene Sonntagsmesse. Bei Sonnenaufgang erklimmen wir den Rand der Felsenkirche. Tief unter uns lehnen Männer und Frauen in Gebete versunken an den Felswänden.

Beseelt von diesen Stunden steigen wir zu unserem Fahrer Salomon in den Landcruiser und beginnen die zweitägige Fahrt in die Hauptstadt Addis Abeba. Vier Wochen in einem der faszinierendsten, aber auch anstrengendsten Reiseländer der Erde gehen zu Ende.

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2 Leserkommentare
takoko 18.01.2018
Flying Rain 18.01.2018

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