Äthiopien nimmt Stadtbahn in Betrieb "Jeder testet die neue Tram"

Die erste Tram Afrikas südlich der Sahara ist losgerollt. Die Einwohner von Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba sind begeistert. Den Bau haben chinesische Investitionen ermöglicht - auch die Fahrer sind Chinesen.

Addis Ababa Light Rail: "Meilenstein in der Entwicklung des Landes"
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Addis Ababa Light Rail: "Meilenstein in der Entwicklung des Landes"


Zahlreiche Menschen stehen in Addis Abeba geduldig vor einem Ticketschalter, um erstmals mit Äthiopiens brandneuer Stadtbahn zu fahren. "Ich habe mir gerade erst ein Auto gekauft, aber ich wollte unbedingt mit der neuen Bahn fahren", sagt Taye Worku. Am Bahnsteig herrscht freudige Aufregung. "Jeder testet jetzt die neue Tram", sagt der 37-Jährige.

Die von Chinesen gebaute und finanzierte Stadtbahnlinie - eine Mischung aus U-Bahn und moderner Straßenbahn - verbindet den Süden und Norden der rund vier Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt. Es ist die erste vollelektrische Stadtbahn ihrer Art in den knapp 50 Staaten Afrikas südlich der Sahara.

Insgesamt legt die Bahn 17 Kilometer zurück und hält an 22 Stationen. In den Waggons herrscht dichtes Gedränge. Es sei ein "Meilenstein" in der Entwicklung des Landes, sagt Worku.

Für die Einwohner von Addis Abeba ist es eine günstige Alternative zu den weit verbreiteten Minibus-Taxis. Mit umgerechnet 0,25 Euro kostet eine Tramfahrt knapp ein Drittel des Buspreises. Der 21 Jahre alte Daniel Worku ist begeistert. "Wir hätten ein Minibus-Taxi nehmen können, aber wir wollten unbedingt die Bahn ausprobieren", sagt er. "Wenn das schneller ist, werde ich von jetzt an Tram fahren."

Nach fünf Jahren Übergabe an Äthiopier

Lange galt Äthiopien als Armutsland. Hunderttausende Menschen starben in den Achtzigerjahren bei schweren Hungersnöten. Jetzt will sich der ostafrikanische Staat ein Image als Wirtschaftsstandort zulegen. In nur drei Jahren stampften nun überwiegend chinesische Unternehmen die 475 Millionen Dollar teure Stadtbahn aus dem Boden.

Tram in Addis Abeba: Finanziert, gebaut und gefahren durch Chinesen
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Tram in Addis Abeba: Finanziert, gebaut und gefahren durch Chinesen

Rund 85 Prozent der Gelder kamen von Chinas Import-Export-Bank. Und es ist nur eines von vielen Projekten, das von der Volksrepublik finanziert und gebaut wird. Selbst die Schaffner der neuen Bahn kommen aus China. Sie soll den Äthiopiern erst nach fünf Jahren Betrieb vollständig übergeben werden.

Aus Sicht der äthiopischen Regierung ist China ein logischer Partner, sagt Afrika-Analystin Emma Gordon von der Beratung Verisk Maplecroft. "China stellt Äthiopiens staatlich dominiertes Wirtschaft nicht infrage und hat den Ruf, Projekte schnell fertigzustellen."

Ein Risiko dabei ist aber sowohl die steigende Staatsverschuldung als auch die Gefahr, dass dringende Wirtschaftsreformen angesichts von prestigereichen Großprojekten vergessen werden, wie Gordon erklärt. "Die chinesische Vorliebe, eigene Materialien und Arbeiter mitzubringen, führt dazu, dass ihre Investitionen weder den Arbeitsmarkt unterstützen noch die örtliche Industrie stärken."

Die neue Bahn, zeigen sich die Behörden zuversichtlich, werde die Lebensqualität der Äthiopier verbessern und das Verkehrschaos in der Hauptstadt mildern. Zudem plant die Regierung eine weitere Linie, die schon bald den Osten und den Westen der Stadt verbinden soll.

Symbol des Fortschritts

Doch dafür fehlt Äthiopien derzeit der Strom. "Die Stromversorgung war eine große Herausforderung, die den Start um mehrere Monate verzögert hat", sagt der Leiter des Stadtbahnprojekts, Behailu Sintayehua. Dieses Problem will Äthiopien mit dem Bau von Staudämmen lösen. Am Blauen Nil an der Grenze zum Sudan entsteht derzeit der größte Damm Afrikas.

Doch noch kämpfen die Äthiopier mit den häufigen und unangekündigten Stromausfällen in ihrem Land. Der neuen Tram dagegen soll der Saft nie ausgehen. Sie werde weiterfahren, selbst wenn der Rest der Stadt in Dunkelheit versinke, versprechen die Behörden. Die Linie sei direkt mit dem staatlichen Netz verbunden und habe eine funktionierende Notversorgung.

Gleisübergang: Stromausfälle sind in Äthiopien ein Problem - aber nicht für die Bahn
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Gleisübergang: Stromausfälle sind in Äthiopien ein Problem - aber nicht für die Bahn

Seit 1991 hält sich Äthiopiens Regierungspartei an der Macht, die zuvor den Diktator Mengistu Haile Mariam verdrängt hatte. Eine Opposition gibt es faktisch nicht. Dissidenten würden verfolgt, die freie Meinungsäußerung sei nicht möglich, kritisieren Menschenrechtsaktivisten. Doch zumindest wächst die staatlich gelenkte Wirtschaft - in diesen Jahr erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) ein Wachstum von etwa acht Prozent.

Mit chinesischer Hilfe soll Äthiopiens Infrastruktur weiter ausgebaut werden. Autobahnen und Bahnstrecken sind geplant. Doch trotz aller schillernden Projekte herrschen vor allem in den ländlichen Regionen weiterhin Armut und Hunger. Allein in diesem Jahr brauchten rund 4,5 Millionen Äthiopier Nahrungsmittelhilfe, warnen die Vereinten Nationen. Auf dem Uno-Index für menschliche Entwicklung ist das Land mit Platz 173 von 187 unter den Schlusslichtern.

Doch die Äthiopier freuen sich über die neue Bahn als Symbol des Fortschritts. Worku ist schon nach der ersten Fahrt überzeugt, er will sein Auto künftig stehen lassen. "Vor wenigen Jahren hätte niemand so ein Projekt in Äthiopien für möglich gehalten", sagt er.

Marthe van der Wolf und Jürgen Bätz/dpa/abl

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