Äußere Hebriden: Wo der Postmann niemals klingelt

Von Peter Linden

Im kleinsten Postamt Schottlands arbeitet Michael Campbell. Außerdem ist er Kartoffelbauer, Fischer, Viehzüchter, Kfz-Mechaniker, Feuerwehrmann und Tierarzt. Und spielt Akkordeon in der besten Band der Insel. Alles ganz normal - zumindest auf der Hebrideninsel Vatersay, wo eigentlich nichts normal ist.

Äußere Hebriden: Inseln der Einsamkeit Fotos
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Das dickste Paket an diesem Morgen ist für Mrs. M. M. MacDougall. Die alte Frau ist wie immer nicht zu Hause, aber Michael Campbell kennt den Weg: Durch den Garten, hinein in die gute Stube, das Paket einfach auf dem Tisch ablegen - in Michaels Revier sperrt niemand seine Haustür ab. Die Sonne scheint, der Strand unter Mrs. MacDougalls Haus blendet, so weiß ist der Sand. Michael Campbell fährt weiter auf dem welligen, einspurigen Sträßchen. Die Empfängerin des nächsten Pakets wohnt noch etwas idyllischer als Mrs. MacDougall. Ein Sandstrand links, ein Sandstrand rechts, dahinter ein sattgrüner Grashang, an dem Schafe knabbern.

In wenigen Minuten könnte Michael hinauflaufen zum Grat, sich auf einen von der Eiszeit geglätteten Granitfelsen setzen und über die Bucht hinweg in sein Heimatdorf schauen, das den Namen der Insel trägt: Vatersay. Doch Michael Campbell ist nicht nur Postbote. Er ist auch Kartoffelbauer, Fischer, Viehzüchter, Kfz-Mechaniker, Feuerwehrmann, und notfalls gibt er den Tierarzt. Also tuckert er weiter von Gehöft zu Gehöft, bis das Sträßchen schließlich vor seinem Elternhaus endet. Dort betreibt Mama Peggy das kleinste Postamt Schottlands. Vier Quadratmeter Schuppen aus Blech und Beton, aber mit dem offiziellen roten Schild: Post Office.

Vatersay, auf Gälisch Bhatarsaigh. Man braucht schon eine sehr gute Landkarte, um die Insel überhaupt zu finden: Knapp 57 Grad nördlicher Breite, etwas mehr als sieben Grad westlicher Länge, ein paar Hektar Land am unteren Ende der Insel Barra. Vatersay ist der südlichste bewohnte Vorposten der Äußeren Hebriden. Danach kommen noch Sandray, Pabbay, Mingulay, Berneray, doch die sind allesamt längst aufgegeben von den Menschen.

Und wer weiß, vielleicht wäre Vatersay als nächstes an der Reihe gewesen, wenn sie 1991 nicht endlich den 250 Meter langen Damm aufgeschüttet hätten. Seither müssen die 80 Bewohner keine Angst mehr vor den atlantischen Stürmen haben, wenn sie Barras einzigen Arzt in Castlebay aufsuchen wollen. Und der Schulweg der 20 Kinder dauert zehn Autominuten anstatt einer schaukeligen Bootsstunde.

Whisky-Segen der "Polly"

Michael Campbell hat nicht nur eines der schönsten, er hat auch eines der kleinsten Reviere der Königlichen Post Großbritanniens. Wenn er sich beeilen würde, er könnte seine Briefe und Pakete in weniger als einer Stunde loswerden. Aber wer beeilt sich schon auf Barra und auf Vatersay, wo kein Wegweiser die Kilometerzahl angibt und der Frühschoppen nach dem katholischen Sonntagsgottesdienst schon einmal sieben Stunden dauert? Wenn die Leute zu Hause sind, bleibt immer Zeit für ein Schwätzchen, und wenn er jeden Whisky annehmen würde, der ihm auf seinen Runden offeriert wird - Michael käme jeden Tag betrunken nach Hause.

Whisky gehört zu den Grundnahrungsmitteln auf Barra und auf Vatersay, nicht erst, seit 1941 die "Politician" auf Grund lief mit vielen tausend Kisten davon an Bord. Die Fracht kam wie ein Segen über die Inseln. Zwar erwischte der Zoll ein paar Männer mit ihrer Beute, die meisten aber hatten das nächtens aus dem sinkenden Schiff geborgene Gut in den Vogelklippen oder im offenen Moorland gut versteckt. In den Jahren der "Polly", wie man die "Politician" zärtlich nannte, heilten die Menschen von Barra und den Nachbarinseln jede Krankheit und jede Wunde mit Whisky. Von einer alten Frau wird erzählt, sie habe ihre müden Füße darin gebadet, selbst kranken Kühen und Schafen flößten die Bauern Whisky ein, wenn sie sich anders nicht mehr zu helfen wussten.

Geschichte und Geschichten - als Michael Campbell 1966 geboren wurde, waren die Vorräte von der "Polly" längst versoffen, verbadet und verflossen. Strandgut, welcher Art auch immer, war selten geworden, seit immer mehr moderne Schiffe aus Stahl an den Hebriden vorbei über den Atlantik kreuzten. Die Menschen von Vatersay konnten in ihrer Isolation kaum mit Hilfe von außen rechnen, man half sich lieber selbst. Das galt schon 1901, als eine Handvoll armer Bauern die Insel einfach in Besitz nahm, um endlich ein Auskommen zu finden. Die Großgrundbesitzerin Lady Gordon Cathcart schickte Armee und Polizei, einige mussten ins Gefängnis. Doch dann, 1909, kaufte ihr die Regierung das Land ab und verpachtete es an die Besetzer. Der Kampf war gewonnen.

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1. Musikanlage
coloniaexpress 24.01.2011
Da handelt es sich wohl eher um eine 2000 *Watt*-Anlage... Ansonsten sehr schön geschrieben!
2. MS Politician
obertrulla 24.01.2011
mal wieder unschön recherchiert. die MS politician ist vor Eriskay untergegangen, und nicht vor Vatersay oder Barra. eriskay gehört zwar auch zu den äußeren hebriden, das ist aber ne ganze andere inselgruppe.... (uists).
3. Motorradtour
yarx 25.01.2011
Wer mit dem Motorrad nach Schottland fährt und ein wenig Zeit hat, sollte auf jeden Fall einen Abstecher auf die Inseln machen. Nette, gastfreundliche Menschen, eine atemberaubende Landschaft. Besonders fasziniert haben mich die "Standing stones of Calanish" auf Lewis. Apropos "Lewis": Ein Einheimischer erzählte, es gäbe eine Sage über den Untergang der "Isle of Lewis". Eine der Fähren heißt ebenfalls so. Es soll Einheimische geben, die mit dem Ding nicht fahren wollen. Als er die Geschichte zum Besten gab, saßen wir auf eben dieser Fähre. Vielleicht wollte er mir ja nur einen Bären aufbinden....
4. SPON mediengerecht!
Ronald Dae 26.01.2011
Toll, dass SPON es nach Jahren endlich geschafft hat zu einigen Artikeln eine interaktive Landkarte einzubauen. Eine solche taucht ja jetzt immer häufiger auf. Bravo! Ich ärgere mich schon geraume Zeit darüber, dass ich hier geopolitisch ungebildet zurückgelassen werde bzw. ich mir diese Zusatzinfo mühselig im zweiten Browserfenster selber zusammensuchen muss. Es hat ja nicht jeder Geographie als Zweitstudium gewählt und weiß blind auf der Landkarte "Tamil Nadu" anzutippen. Übrigens, wenn's um die Form geht: Einfach mal beim Mitbewerber ZEIT Online schauen, da gibt's dann noch mehr Gutes abzuschauen rechts oben neben dem Artikel! Es sollte ja wohl leicht möglich sein Euer CMS um diese einfachen und mediengerechten Features zu ergänzen. :-)
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  • Montag, 24.01.2011 – 09:45 Uhr
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Corbis
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