Aktionskünstler gegen Bush Guerilla unter Magnolien

Er macht seit fast 20 Jahre Polit-Kunst, klebt seine Plakate überall da auf, wo es verboten ist, und war schon dreimal im Gefängnis. Und George W. Bush ist natürlich sein Lieblingsfeind. Dabei wäre Robbie Conal gern ein stolzer Amerikaner.

Von Henryk M. Broder


Aktionskünstler Conal mit Assistentin "Boom-Boom": "Read My Apocalips"
Henryk M. Broder

Aktionskünstler Conal mit Assistentin "Boom-Boom": "Read My Apocalips"

Robbie Conal springt auf die Bühne, ergreift das Mikrofon und legt los. "Wenn ihr deprimiert und wütend seid, dann lasst mich für euch deprimiert und wütend sein. Ich bin alt und ich bin unreif. Und ich strahle in der Dunkelheit."

Und dann erzählt Robbie Conal von seiner Kindheit in Manhattan, von seinen Eltern, die beide "union organizers" waren, hauptamtliche Gewerkschafter, dass sie nie zu Hause waren und dass er einen großen Teil seiner Kindheit in Museen verbracht hat. Wenn er nach der Schule heimkam, lag oft ein Zettel auf dem Tisch, neben einem Erdnussbutter-Sandwich und einem Dollarschein: "Geh ins Museum und mach dir einen schönen Nachmittag. Liebe und Solidarität. Mom and Dad."

Im Saal des "Magicopolis", wo sonst Zauberer Kaninchen aus Hüten holen und Tauben verschwinden lassen, sitzen etwa 50 Besucher, die meisten hat Robbie am Eingang persönlich begrüßt, einige umarmt.

"Meine Kunst ist selbst Politik"

Es ist Dienstag, und dienstags gibt es im "Magicopolis" die Reihe "Entertaining Politics", mit Künstlern, die in der alternativen Szene aktiv sind. Heute ist Robbie Conal an der Reihe, ein "guerilla artist", der mit seinen Agitations-Plakaten den Konservativen in den USA ähnlich zusetzt, wie es Klaus Staeck mit seinen frühen Arbeiten in der alten Bundesrepublik tat. Conal hat einen Kasten mit Dias mitgebracht, führt vor, was er in den letzten 20 Jahren geschaffen hat, erklärt jedes Bild und sagt zwischendurch, was seine Freunde von ihm hören wollen: "Demokratie ist bei uns nur noch ein Gerücht." Arnold Schwarzenegger, den kalifornischen Gouverneur, nennt er einen "Gruppenführer", auch das kommt im Saal gut an. "Meine Kunst dreht sich um Politik, ist aber auch selbst Politik."

"Warnung: Das Bush-Regime ist eine Gefahr für das Leben von  Frauen": T-Shirt für Planned Parenthood
Henryk M. Broder

"Warnung: Das Bush-Regime ist eine Gefahr für das Leben von Frauen": T-Shirt für Planned Parenthood

Zwei Stunden dauert die Show, dann bietet Robbie seine Plakate zum Kauf an, die er auf Wunsch mit einem Filzstift signiert. Am besten geht das Plakat "Read My Apocalips", das Bush mit leicht geöffnetem Mund zeigt. Schaut man genauer hin, merkt man, es ist nicht der Mund, den Bush öffnet. Politische Kunst muss eben derb und heftig sein, wenn sie ankommen will.

Künstler statt Kunstdozent

Zwei Tage nach seinem Auftritt im "Magicopolis" besuche ich Robbie Conal in seinem Haus in einer ruhigen Straße am Rande von Santa Monica. Der "guerilla artist" arbeitet im Schatten von Magnolienbäumen. Seine Assistentin "Boom-Boom" hilft ihm beim Verpacken und Verschicken der Plakate. Elisabeta, so heißt die junge Frau wirklich, ist vor zehn Jahren aus Jugoslawien in die USA gekommen, ihre Eltern sind Mazedonier.

Unter vier Augen ist Robby ruhig und zurückhaltend, fast schüchtern. Vor kurzem wurde er 60 Jahre alt und ist noch immer das Kind seiner Eltern, die ihn geprägt haben, obwohl er sie kaum gesehen hat. Der Vater stammte aus einer irisch-jüdischen Familie und hieß Cohen, die Mutter kam sehr jung in die USA - aus Warschau, noch bevor die Nazis Polen besetzt hatten. Beide waren überzeugte Sozialisten.

Und so wurde Robbie ein Hippie. Mit 17 haute er nach San Francisco ab, um seiner Familie und der Einberufung zur Armee zu entkommen. Er nahm Drogen, fuhr Taxi, arbeitete in Fabriken, machte lauter "shit jobs" und schloss sich natürlich der Anti-Kriegs-Bewegung an. Trotzdem schaffte er zuerst den Bachelor, später den Magister und schlug sich dann als "studierter Zigeuner" durch, gab dort mal einen Kurs und da eine Vorlesung, wo immer man ihn haben wollte. 1986 beschloss er, Künstler zu werden, statt über Kunst zu dozieren. Seine erste Arbeit waren Porträts von vier Politikern, darunter Ronald Reagan, die er "Men with no lips" nannte, weil sie nie sagen, was sie meinen.

Eine milde Form zivilen Ungehorsams

Heute, 18 Jahre später, hat er immer noch keinen Galeristen, hat kein Museumsdirektor je an seine Tür geklopft. Aber verschiedene Organisationen melden sich immer wieder bei ihm, wenn sie etwas brauchen, womit sie auffallen können. Für "Planned Parenthood" hat er ein T-Shirt entworfen, das eine gekreuzigte Frau zeigt: "Warnung: Das Bush-Regime ist eine Gefahr für das Leben von Frauen".

"Contra-Diction": "Demokratie ist bei uns nur noch ein Gerücht"
Henryk M. Broder

"Contra-Diction": "Demokratie ist bei uns nur noch ein Gerücht"

Er vertreibt seine Arbeiten über das Internet (www.robbieconal.com) und mit Hilfe von Freunden in ganz USA. Vom "Read My Apocalips"-Poster wurden 5000 Stück in New York, Boston, San Francisco, Denver und anderen Städten wild geklebt. "Das ist auch ein politischer Akt, eine milde Form zivilen Ungehorsams."

Conal spricht von "so genannter Demokratie" in den USA und nennt Bush "eine Gefahr für den Planeten und die ganze Menschheit". Bush habe es auf die "Weltherrschaft" abgesehen. Wie aber, frage ich ihn, hat sich das Bush-Regime auf dein persönliches Leben ausgewirkt? Robbie macht eine Pause, die länger dauert als die Antwort, die er schließlich gibt. "Er macht es mir unmöglich, ein stolzer Amerikaner zu sein."

Und das möchte er gerne sein, ein stolzer Amerikaner, statt sich für die amerikanische Politik entschuldigen zu müssen, wie neulich auf einer Reise durch Europa, zu der er von "Amerikanern im Exil" eingeladen wurde. Er war in Paris, Brüssel, Prag, London, Padua und Heidelberg, wo er Klaus Staeck traf, mit dem er sich sofort gut verstand, "obwohl der überhaupt keinen Humor hat".

Dreimal im Gefängnis

Ob er schon mal daran gedacht hat, auszuwandern? "Es gibt keinen Ort, wohin man flüchten könnte." Nicht einmal nach Kanada? "Da war ich schon, schrecklich langweilig." Wenigstens über einen Mangel an Abwechslung und Aufregung kann er sich nicht beklagen. Dreimal war er schon im Gefängnis, zuletzt im März 2003 in New York, wo er seine Poster auf Verteilerkästen und Telefonzellen geklebt hatte. Nach sieben Stunden wurde er freigelassen und zu einem Tag "community service" verurteilt.

Nun will er es wieder riskieren und seine Plakate in Los Angeles kleben. Mit Freunden, die wie er eine Wiederwahl von Bush verhindern wollen. Was er am 2. November machen wird, weiß er noch nicht. "Wenn ich könnte, würde ich meine Stimme Boom-Boom geben."

Aber Elisabeta steht nicht zur Wahl. Sie hat eben eine eigene Galerie aufgemacht und keine Zeit für Politik.

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