Legendäres Hundeschlittenrennen Klimawandel macht Iditarod-Teilnehmern zu schaffen

Der Startschuss zum Iditarod-Rennen ist gefallen. 1800 Kilometer durch Alaska liegen vor den fast 80 Mushern, bei eisigen Temperaturen und Schneestürmen. Zunächst hatten sie aber mit einem anderen Problem zu kämpfen - mit Wärme.

REUTERS

Fairbanks/Anchorage - Kein Sportereignis auf dieser Erde hat härtere Bedingungen: 1800 Kilometer. Minus 50 Grad Celsius, manchmal auch 70. Schneestürme mit "Whiteout", bei denen man nichts mehr sieht. Zehn, zwölf oder mehr Tage fast ohne Schlaf.

Da brauchen die Sportler ein dickes Fell, und die meisten haben es auch: Iditarod in Alaska ist das härteste und berühmteste Hundeschlittenrennen der Welt. Am Samstag wurde es offiziell in Anchorage gestartet - im Zeichen des Klimawandels. Denn selbst am Polarkreis wird es wärmer, und das hat zu einer bizarren Situation geführt: Alaska geht der Schnee aus.

In dem riesigen US-Staat wurden die Winter in den vergangenen 50 Jahren um gut drei Grad wärmer - doppelt so viel wie im Rest des Landes. Ein zweites Mal musste die Strecke nun weiter nach Norden verlegt werden, damit die Schlitten fahren können.

Wirklich los ging es am Montag daher nicht in Nenana, sondern im hundert Kilometer entfernten Fairbanks. 78 Hundeschlittenlenker ("Musher") mit ihren jeweils 16 Hunden gingen an den Start. Auch da hatten die Veranstalter zunächst mit Temperaturen deutlich über null Grad zu kämpfen - normal sind 20 Grad minus. Am Montag sank die Temperatur allerdings auf minus zehn Grad.

Nugget, Digger und Bullet sind die Stars

Einige der Wettkampfteilnehmer sehen aus, wie man sich einen Musher vorstellt: breite Schultern, voller Bart, wettergegerbte Haut. Alaska eben. Doch auch Musher aus Texas und Australien sind dabei, nicht gerade klassische Schlittenregionen.

Der Jüngste ist 18, die Älteste 61, in Frankfurt am Main als Tochter eines US-Soldaten geboren. Ein Drittel der Musher sind Frauen. 1985 gewann die 29 Jahre alte Libby Riddles als Erste. Ein Jahr später war es Susan Butcher. Und im Jahr darauf. Und darauf. Und zwei Jahre später noch einmal. Als Butcher 2006 mit 51 Jahren an Leukämie starb, war Alaska in Trauer.

Denn die Musher sind Stars - und die Hunde auch. Nugget und Digger, Red und Bullet, Granite und Tolstoi, Guinness und Diesel; das sind Hunde, die in Alaska so bekannt sind wie andernorts Mittelstürmer. Es sind die Leithunde, die für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich sind.

"Ohne einen guten Leithund ist man chancenlos", sagt William Kleedehn. Der Niedersachse lebt seit mehr als 30 Jahren in Kanada und ist mit allen Rennstrecken vertraut. "Man kann ein noch so guter Musher sein. Wenn die Hunde nicht gut sind, bleib zu Hause! Und die Psychologie zwischen Mensch und Hund muss stimmen."

Der Schweizer Martin Buser hat 32 der 42 Rennen mitgemacht. Viermal hat er gewonnen, er ist eine Iditarod-Legende. "Leider stimmt das Bild nicht, dass vorn die Hunde hecheln und wir uns hinten gemütlich ziehen lassen", sagt er. "Die Hälfte der Strecke läuft man mit oder schiebt."

"So billig ist kein Snowmobil"

Auf sechs Stunden Rennen folgen sechs Stunden Pause. "Die Hunde können ausruhen, aber der Musher muss sie versorgen, ihnen Schnee schmelzen, ihre Körper massieren und den Schlitten prüfen", sagt Buser. "Wenn man eine Stunde Schlaf bekommt, hat man Glück."

Buser, seit 36 Jahren in Alaska, ist mit fast 57 einer der Ältesten. Einen Konkurrenten kennt er gut: Sein 25 Jahre alter Sohn Rohn macht seit 2008 mit. Ob der das Geheimnis des Sieges kennt? "Keine Ahnung", sagt Buser. "Wenn ich es kennen würde, hätte ich öfter gewonnen."

Iditarod gibt es seit 1973, doch die Ursprünge sind viel älter. Berühmt wurde die Strecke 1925, als eine Diphterieepidemie vor allem die Kinder der Ureinwohner in der Stadt Nome bedrohte. 20 Musher transportierten rettendes Serum in fünfeinhalb Tagen quer durch Alaska; die etwa 150 Hunde wurden zu Helden.

"Hier gibt es kein besseres Transportmittel als den Schlitten", sagt Peter Dally. Der Park Ranger arbeitet am Mount McKinley, Nordamerikas höchstem Berg. "Wenn hier ein paar Fuß Schnee liegen und die Kälte den Diesel gefrieren lässt, sind die Hunde unsere einzige Chance", sagt Dally.

"Sie kosten 2,50 Dollar Futter am Tag. So billig ist kein Snowmobil. Und die Hunde halten meinen Schlitten an, wenn wir an ein verdecktes Wasserloch kommen. Welcher Motorschlitten kann das?"

Chris Melzer/dpa/abl

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insgesamt 7 Beiträge
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Delago 10.03.2015
1. So so, der Klimawandel
Wie waren denn die Temperaturen des Iditarod-Rennens in den letzten 20-30 Jahren? Sind die bis heute systematisch und signifikant angestiegen? Oder war das ein Phänomen dieses Winters? Im Ostteil Nordamerikas waren die beiden letzten Winter lausig und rekordverdächtig kalt. War das nun Klima oder Wetter? Kennt der Autor den Unterschied?
rudolf.kipp 10.03.2015
2. Klima? Wetter?
In den letzten 30 Jahren sind die Temperaturen in Fairbanks nicht gestiegen. Und auf dem gleichen Niveau wie heute waren sie auch schon in den 40er Jahren. http://data.giss.nasa.gov/cgi-bin/gistemp/show_station.cgi?id=425702610000&dt=1&ds=14
nic 10.03.2015
3.
Nennen wir es doch Wetterwandel. Am Ende dessen steht dann sowieso der Klimawandel.
alyeska 10.03.2015
4. Bitte besser recherchieren!
Das Rennen 2015 hat eine Gesamtlänge ab Fairbanks von 1.548 km und der Ort des Restart ist normalerweise Willow und nicht Nenana. Nenana ist der zweite Checkpoint in diesem Jahr ... 61 Meilen nach Fairbanks. Und bei Minus 70 Grad kann man ohne Sauerstoffgerät nicht mehr atmen.
Backcountry 10.03.2015
5. Iditarod ist nicht das härteste Hundeschlittenrennen der Welt
“Iditarod in Alaska ist das berühmteste Hundeschlittenrennen der Welt” aber nicht “das härteste”. Diese Beschreibung muss man dem auch in Alaska stattfindenden Yukon Quest-Rennen überlassen, weil trotz gleicher Länge das Terrain anspruchsvoller ist, die Winterverhältnisse extremer sind, die Checkpoints weiter auseinander liegen und die Unterstützung während des Rennens für die Teams wesentlich begrenzter abläuft. Ferner, die Aussage “Alaska geht der Schnee aus” ist in diesem Jahr zutreffend. Aber vor drei Jahren hatten wir hier in Anchorage noch einen Rekordwinter mit zirca 340cm Schneefall und andere Gebiete sogar das Dreifache. Die Temperaturen am Samstag, also dem Iditarodstart, waren über dem Gefrierpunk. In den kommenden Tagen werden sie aber wieder bis auf -20°C hier in Anchorage fallen. Trotzdem, dieses ist tatsächlich ein verhältnismäßig warmer Winter und “climate change” oder “global warming” ist eine unbestreitbare Realität hier in Alaska, vor allem wenn man das beispiellose schnelle Schmelzen der hiesigen Gletscher beobachtet. Auch extreme Schneefälle sind ein weiterer Beweis für den Klimawandel und steht keinesfalls im Widerspruch zu diesem Wetterphänomen. Letztlich, GO Aliy Zirkle! Sie hat in den letzten drei Iditarod-Rennen im Endresultat jeweils den zweiten Platz eingenommen. Hoffentlich kann sie in diesem Jahr als Siegerin gefeiert werden.
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