Von Helge Sobik
Vor der Kulisse der Küstenberge wirkt selbst ein Kreuzfahrtschiff wie ein Gulliver-Kutter, der sich in eine Welt der Riesen verirrt hat: unterwegs aus Vancouver nach Alaska - auf Tour durch die Inside-Passage Richtung Norden, immer tiefer hinein in die dünn besiedelten Regionen am Rande des Kontinents. Dorthin, wo mehr Bären als Menschen zu Hause sind. Dorthin, wo der Westen noch immer wild ist.
Links und rechts des Schiffs türmen sich in nächster Nähe dicht bewaldete Berge auf, wechseln Inseln mit Festland, kleine Strände mit den schroffen Felsküsten tiefer Fjordlandschaften. Wege führen keine hinein in diese Wildnis. Ab und zu nur steht eine Blockhütte am Ufer, ab und zu nur tuckert ein Fischtrawler mit Netzauslegern vor der Küstenlinie entlang. Beizeiten zieht ein Wasserflugzeug in der Ferne seine Bahnen am Himmel, öfter aber sind es Weißkopfseeadler. So als würden sie Grüße aus der Wildnis überbringen, aus dem Land hinter dem Horizont.
Vorhang auf für Mutter Natur: Auf Kommando öffnen sämtliche Kellner zeitgleich alle Gardinen der Panoramafenster im eben noch abgedunkelten Bordrestaurant des Kreuzfahrtschiffs - so als würde draußen vor den Fenstern jeden Moment eine Broadway-Show beginnen. Spektakuläre Küste ist ins Blickfeld gerückt. Grandiose Gebirgszüge türmen sich als Schattenrisse am Horizont in der Dämmerung auf.
Es ist halb zehn Uhr abends - Sommer im Nordwesten, lange Tage und kurze Nächte so hoch oben auf der Erdkugel. Einzelne Nebelschleier kleben am Horizont zwischen den Gebirgszügen und senken sich auf die Kämme herab. Dahinter glüht der Abendhimmel. Und im Vordergrund schnellt wie aufs Stichwort ein tonnenschwerer Buckelwal aus dem nur ein paar Grad kalten Wasser des Nordpazifiks und geht mit Bauchplatscher wieder baden: "Ahs" und "Ohs" im Speisesaal, spontaner Applaus an jenen festlich gedeckten Tischen, von wo aus man den Wal sehen konnte.
Niemand hält es mehr auf den Plätzen, keiner konzentriert sich mehr auf den Hummersalat mit Wasserkresse vor der Nase, auf das T-Bone-Steak mit Trüffelsahne und Kroketten oder den kühlen australischen Chardonnay im Glas.
Hauptdarsteller ist die Natur
Alle Augen richten sich aufs Meer: Freudenschreie, wenn wieder jemand gerade einen Wal hat springen oder eine Flosse aus dem Wasser ragen sehen! Gänsehaut-Gefühl stellt sich ein, wenn einer der weltweit letzten Buckelwale nur ein paar Dutzend Meter entfernt an Steuerbord tanzt und sein muschelbedeckter Riesenleib zurück ins Meer kracht.
Hauptdarsteller und größte Attraktion zugleich ist die Natur. In dieser Gegend ist das so. Zu Wasser. Zu Land. In der Luft. In der Inside-Passage ist diese Loge mit bestem Blick ein Kreuzfahrtschiff auf dem Weg vom kanadischen Basishafen Vancouver aus hinauf nach Seward bei Anchorage in Alaska - oder in Gegenrichtung.
Vor Jahren haben die großen Kreuzfahrt-Reedereien Westkanada und Alaska als Fahrtgebiet für die Monate von Mai bis September entdeckt. Seither nehmen ihre Luxusschiffe mit Platz für manchmal über 2000 Passagiere vom futuristischen Canada Place Pier in Vancouver aus Kurs auf Goldgräber-Westernstädte wie Skagway in Alaska, auf Orte im Nirgendwo wie Sitka und Ketchikan, auf unberührte Gletscher und geheimnisvolle Fjorde.
Viele der wenigen Siedlungen dieses nördlichsten und zugleich westlichsten aller US-Bundesstaaten sind noch heute nur aus der Luft oder von See aus erreichbar. Hat man nicht gerade ein Wasserflugzeug zur Verfügung, dann ist eine Kreuzfahrt die einzige Möglichkeit, diese Gegend zu erkunden. Und während in den Alpen jeder Wanderweg einen eigenen Namen hat, ist entlang der Inside-Passage längst nicht jeder Berg und jeder Hügel benannt.
In jedem Putin steckt ein Jelzin
Einst grenzte das Reich des Zaren an Kanada. Bis 1867 wurde Alaska noch von St. Petersburg aus regiert. Die Spuren der russischen Architektur sind vielerorts bis heute nicht zu übersehen. Selbst in den Souvenirshops in Juneau und Ketchikan werden ineinander geschachtelte Matrjoschka-Puppen wie in Russland verkauft, deren äußerste Figur die Gesichtszüge Wladimir Putins trägt. Wer sie aufschraubt, findet darin einen kleineren Holz-Jelzin, in dessen Innerem wiederum einen Mini-Gorbatschow. Wem das nicht genügt, der bekommt alternativ für ein paar Dollar Pudelmützen mit Plüsch-Elchschaufeln daran.
Weiter nördlich liegt das Schiff mittlerweile in der Glacier Bay, die bereits zu Alaska gehört, während Kanada nur ein paar Kilometer Luftlinie entfernt im Hinterland beginnt. Es ist ein kühler Nachmittag. Doch als ob die Passagiere zum Zählappell antreten wollten, steht jeder an Deck, um nichts zu verpassen. Wie auf Bestellung durchbrechen Sonnenstrahlen die Wolkendecke über dem Hubbard-Gletscher.
Der Kapitän hat sein riesiges Schiff bis auf weniger als 300 Meter an die gewaltigen Eismassen heranmanövriert, die sich langsam und gleichzeitig mit gewaltiger Kraft dem Fjord entgegenschleppen. Unter lautem Getöse kalbt der Gletscher, lässt Brocken von der Größe eines Einfamilienhauses herunterbrechen und schickt sie als türkisblau schillernde Eisblöcke aufs offene Meer hinaus.
Jeder davon wird ein paar hundert Mal fotografiert, wenn er langsam am Rumpf des schwimmenden Stahlkolosses vorbeizieht. Wieder gibt es diese "Ahs" und "Ohs", die bisher den Walen vorbehalten waren. Zwischendrin wird per Strohhalm heißer Kaffee aus einem Thermobecher gesogen - herbeigeschleppt von Kellnern mit Weste, Fliege und vollendeten Manieren. Sie spielen Großstadt am Rande der Wildnis, bieten Luxus, den in dieser Gegend nur ein schwimmendes Hotel bieten kann.
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