Alltag in Massachusetts Eis essen und Energie sparen

New York, Grand Canyon, Kalifornien – diese Höhepunkte bestimmen häufig das touristische Bild der USA. Dabei kann der ganz normale amerikanische Alltag viel spannender sein. Henryk M. Broder war auf Spurensuche in Lexington, Massachusetts.


Helen Epstein und Patrick Mehr sind typische Amerikaner. Sie wurde 1947 in Prag geboren und kam mit ihren Eltern, zwei Holocaust-Überlebenden, ein Jahr später in die USA. Auch in New York wurde bei den Epsteins zu Hause weiter Tschechisch gesprochen. Er wurde 1954 in Paris geboren, als Sohn rumänischer Juden, die nach Frankreich emigriert waren. Patrick besuchte die Eliteschule Ecole Polytechnique und würde heute noch im Industrieministerium arbeiten, wenn er 1981 nicht Helen bei einem Single-Treffen in Davos kennengelernt hätte.

Ein Jahr darauf brach er seine Zelte in Paris ab und zog nach Boston. Heute leben Helen und Patrick in Lexington im Bundesstaat Massachusetts, der "Wiege der amerikanischen Revolution", wo alles am 18. April 1775 begann, als Paul Revere aus Boston angeritten kam, um Sam Adams, John Hancock und die übrigen Kolonisten vor den anrückenden britischen Truppen zu warnen. "Paul Revere’s Ride" von Henry Longfellow ist das Hohelied der Revolution, das amerikanische Kinder schon aufsagen können, noch bevor sie Lesen und Schreiben gelernt haben.

Wenn es so etwas wie einen spirituellen Kern der USA gibt, dann ist es das kleine Lexington bei Boston mit seinen knapp 33.000 Einwohnern, wo jedes Jahr am dritten Montag im April der "Patriot’s Day" gefeiert und das Gefecht von "Battle Green" als Spektakel reanimiert wird. Noch in den fünfziger Jahren war Lexington eine typische WASP-Town, bewohnt von weißen angelsächsischen Protestanten und einigen jüdischen Familien. Heute kommt ein Viertel der Einwohner aus Asien: Es sind Japaner, Chinesen, Inder und Pakistaner.

Viel mehr als nur eine Eisdiele

Aber Helen und Patrick sind nicht wegen der Geschichte nach Lexington gezogen, sondern weil die Stadt für ihre guten "Public Schools" bekannt ist. Inzwischen haben ihre beiden Söhne, Sam und Daniel, die High School beendet und kommen nur noch in den Semesterferien nach Hause. Also haben Helen und Patrick viel Zeit für andere Aktivitäten. Helen, die schon Ende der siebziger Jahre mit ihrem ersten Buch ("The Children of the Holocaust") bekannt wurde, schreibt jetzt Kurzgeschichten für amazon.com. Ihr erster Text heißt "Ice Cream Man" ("Eisverkäufer") und steht seit vier Wochen online.

Es ist die Geschichte von Gus Rancatore, der vor genau 25 Jahren eine Eisdiele in Cambridge aufgemacht hat: "Toscanini's". Gus, Jahrgang 1950, ist ebenso ein typischer Amerikaner wie Helen und Patrick, vielleicht einen Tick mehr: Seine Großeltern kamen Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika, er wurde in Staten Island/New York geboren und wuchs in New Jersey auf, wo er eine katholische Klosterschule besuchte. Heute ist "Toscanini's" mehr als eine Eisdiele, es ist eine Institution, weil Gus eine "kulturelle Agenda" hat.

Bot er anfangs ein Dutzend klassische Eissorten an, sind es heute mehr als 400, darunter viele "Exoten", die man sonst nur in Asien bekommt, wie das "Fünf-Gewürze-Eis". Denn "Toscanini's" liegt auf halbem Wege zwischen Harvard und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT), und viele Studenten der beiden Elite-Hochschulen kommen aus Asien.

Gus selbst hat auch einen multikulturellen Migrationshintergrund. Die Mutter ist irisch, der Vater italienisch. Wären nicht beide zufällig katholisch gewesen, hätten sie nur wenig gemeinsam gehabt. In der Familie gab es täglich einen regelrechten Kulturkampf, über das Essen auf dem Tisch, die Musik im Radio und die Frage, wie man die Kinder erzieht.



Forum - Reiseland USA - Was haben Sie erlebt?
insgesamt 596 Beiträge
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Seite 1
Olaf 01.12.2006
1.
Meine letzte Reise in die USA (jedenfalls mit dem Flugzeug)ist schon ein bisschen länger her. Wird die gelbe Linie bei der Einreise am Flughafen immer noch so leidenschaftlich von der Immigration verteidigt? Ansonsten sind meine Erfahrungen mit den Amerikanern privat durchaus positiv. Die meisten Leute waren freundlich und hilfsbereit.
Dominik Menakker, 01.12.2006
2.
---Zitat von sysop--- Die USA sind eines der beliebtesten Reiseziele, trotz der erschwerten Einreisebedingungen. ---Zitatende--- Ich finde es bedenklich ein Forumsthema schon mit einer falschen Feststellung zu eröffnen. Es gibt zwar heute die Abnahme von Fingerabdrücken und ein Foto bei der Einreise, aber durch die Vorabübermittlung von Daten ist die Einreise eher leichter und die Passkontrolle eher schneller als früher. Ich kann mich noch an Zeiten ( 1995 ) erinnern, wo ich 2 Stunden an der Immigration stand. Mittlerweile ist es selbst auf Megaflughäfen wie Miami, New York oder Los Angeles selten mehr als 30 Minuten. Ich bin im Schnitt 4 mal pro Jahr drüben.
Nämbercher, 01.12.2006
3. Normal bleiben
Wenn man sich normal gibt, wird man auch normal behandelt. Ich hatte bei vielen Reisen keinerlei Probleme - mit Niemandem!! Was mich allerdings betroffen gemacht hat waren die Bilder von Biloxi und New Orleans nach dem Hurricane, 6 Monate nach meinem Besuch. Meine Urlaubsbilder und die Fernsehbilder sind wie ein "Vorher-Nachher" und treiben einem die Tränen in die Augen. Ansonsten sind die Amis einfach liebenswert meschugge ;-))
Arne Lund, 02.12.2006
4.
---Zitat von sysop--- Was haben Sie im US-Urlaub erlebt? ---Zitatende--- Durchweg freundliche, liebenswerte Menschen, die wie überall auf der Welt Spaß haben und ihr Leben leben wollen und nur in den seltensten Fällen unsere Klischees erfüllen (man muss nur lange genug suchen, dann findet man welche, aber eigentlich ist es unsinnig, so zu denken). Ein Erlebnis hat mich nachhaltig berührt: eines Abends haben wir bei einem Motel mitten im Niemandsland ein Zimmer gemietet. Das Motel gehörte einem Italiener, der vor vielen Jahren in die USA mit seiner Frau ausgewandert ist. Ganz selbstverständlich erzählte er uns in wenigen Minuten seine Lebensgeschichte und vom Krebstod seiner Frau. Er hat mich auf gewissen Weise fasziniert, denn er wirkte so verloren und so fern seiner Heimat und doch gleichzeitig "angekommen". Irgendwo zwischen den Welten zu Hause. Ich denke, dass viele Amerikaner nicht so recht wissen, wo ihre Wurzeln liegen. In Amerika oder in Europa? Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie ich mich als Amerikaner fühlen würde. Irgendetwas würde mir wohl fehlen, das ich nicht genau beschreiben kann.
Subcommandante Insurgente, 02.12.2006
5.
Höfliche, hilfsbereite Menschen und atemberaubende Landschaften einerseits. Andererseits werden einem gängige "Vorurteile" bestätigt: 100 Obdachlose an einem Mittag (das ist kein Scherz, so gesehen in S F, alle um die 30 und weiß), Busfahrer, die explizit um Trinkgeld bitten, weil dieses zu einem großen Teil ihren Lohn ausmacht, inkompetente Dienstleister, Omas, die drei (!!) Berufen nachgehen müssen, um sich über Wasser zu halten, dumpfe Kriegspropaganda im Fernsehen (CNN brachte den amerikanischen "Krieg gegen Terror" allen Ernstes mit der Tragödie in Beslan in Zusammenhang!)... Heute würde ich auf eine Reise in die USA verzichten, der wunderbaren Landschaft, Flora und Fauna zum Trotze, aber unter den gegebenen Umständen (restriktive Fluggesetze!!) wäre ein Flug in die USA absolut nicht auszuhalten...
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